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Arbeiten an der Kennedybrücke: Hängepartie über dem Rhein

Arbeiten an der Kennedybrücke : Hängepartie über dem Rhein

Industriekletterer entfernen bei einem zugigen Einsatz in 15 Metern Höhe die von einem Schiff mit Ausleger beschädigten Taubennetze. Zum Flicken sind sie zu kaputt.

Unten fließt der Rhein, und oben hängt Michael Brämm. Es ist zugig in der Kennedybrücke, verdammt zugig sogar. Um Nebensächlichkeiten wie schneidenden Wind kann sich der Industriekletterer allerdings nicht kümmern. Mit drei Kollegen erfüllt er einen Sonderauftrag des Bonner Tiefbauamts: Sie müssen Teile der Taubennetze unter dem Bauwerk entfernen.

Der Ausleger eines niederländischen Frachtschiffs hatte die Stahlmaschen über die gesamte Brückenbreite eingerissen. Ein Versicherungsfall. Die Wasserschutzpolizei nahm die Sachbeschädigung seinerzeit auf, sie ist also aktenkundig und wird dem Reeder von der Stadt in Rechnung gestellt.

Zunächst geht es jetzt um eine Bestandsaufnahme des Schadens. Die vier Männer der Firma Kölner Seilkommando, die sich in Anlehnung an die Bundeswehreinheit Kommando Spezialkräfte mit den Buchstaben KSK abkürzt, müssen in 15 Metern Höhe die Drähte von ihrer Halterung kappen. Alles ist doppelt gesichert: Der Mann, an dessen Overall so viele Karabiner hängen, dass er beim Gehen rasselt, das Schneidwerkzeug und natürlich das Netz. „Das Stahlnetz darf auf keinen Fall ins Wasser fallen. Es könnte sich bei Niedrigwasser in einer Schiffsschraube verfangen“, sagt Kletterer Christian Otter. Auf die Frage, ob das eine heikle Mission sei, antwortet sein Kollege Thomas Grögel: „Nicht, wenn man sich an die Regeln hält.“

Und so zieht er einen Gurt über einen Stahlträger, der ihn halten wird. Der Rest ist Beinarbeit. Mit den schweren Arbeitsstiefeln suchen die Kletterer Halt an den Trägern, um mit ruhiger Hand eine Masche nach der nächsten zu durchtrennen. Grögel sagt, dass es auf Genauigkeit ankomme. Die scharfen Enden der Gitter könnten Narben im Gesicht hinterlassen, wenn man nicht aufpasse. Das Wasser- und Schifffahrtsamt hat für diesen Montagvormittag eine Fahrrinne gesperrt.

Arbeiten an Brücken sind eher selten für die Industriekletterer. Sie werden oft gerufen, wenn Fassaden beschädigt, an Hochhäusern handwerkliche Arbeiten zu erledigen sind oder – ein häufiger Fall, wie Otter berichtet – Spechte mit ihren Schnäbeln Löcher in Hauswände hauen. An schwer erreichbaren Stellen also, die mit Hebebühnen kaum oder gar nicht zu erreichen sind. Die Herren vom Seilkommando sind Handwerker mit Spezialausbildung. Elektroinstallateur Brämm kam über das Hobby zum Beruf, „der vielseitig ist und Spaß macht“.

Gegen Mittag ist das beschädigte Netz gekappt und die Brücke an der Stelle vorerst offen für den Taubeneinflug. Die erste Einschätzung der Industriekletterer lautet: „Das Netz ist zu kaputt, um es flicken zu können.“ Die Stadt wird den Auftrag der Montage nach einer ausführlichen Aufnahme des Schadens vergeben. Solange können Tauben in das Innere der Kennedybrücke gelangen. Sie können über die Zwischengänge staksen, die in der Brücke verlaufen und von den Kletterern euphemistisch Catwalk genannt werden. Und sie können ihren aggressiven Kot auf den Stahlträgern hinterlassen. „Das ist nicht zu verhindern, aber für einen kurzen Zeitraum auch nicht so schlimm“, sagt Otter. Die letzte Taube, die es durch den Draht geschafft hat, ist wenig glücklich geworden. Sie liegt tot auf dem Boden im Brückenpfeiler.