Therapieplätze in Bonn: Gesetzlich Versicherte warten lange auf psychologische Hilfe

Therapieplätze in Bonn : Gesetzlich Versicherte warten lange auf psychologische Hilfe

Gesetzlich Versicherte in Bonn müssen oft monatelang auf psychologische Hilfe und einen Therapieplatz warten. Die Krankenkassen dementieren jedoch und sagen: Bonn ist gut versorgt.

So richtig beschreiben kann Renate B. ihre Gefühle nicht. "Eigentlich bin ich nur unendlich traurig und frustriert. Ja, vielleicht auch sauer", schildert die 27-jährige Krankenschwester ihre Gefühlslage. "Ich habe einfach nicht mehr die Kraft, mich aus eigenem Antrieb aus dieser Situation zu befreien", ergänzt sie mit brüchiger Stimme. Renate B. braucht dringend Hilfe. Als ihr scheinbar glückliches Leben im Frühjahr Risse bekam, versuchte sie mit allen Mitteln, nach außen die Fassade zu wahren. Gelingen will ihr das nicht.

Damals hatte sie sich aus einer schwierigen Beziehung befreit. Ängste, Selbstzweifel und Schuldgefühle prägen seit dieser Zeit ihren Alltag. "Ich fand einfach nicht mehr in mein Leben zurück", erzählt sie. Mit professioneller Hilfe eines Psychotherapeuten wollte sie dieses unendliche Tief überwinden. Doch mit dem Entschluss traten neue Probleme auf. "Seit sieben Monaten bin ich auf der Suche nach einem Platz. Ich habe wirklich alles versucht. Vergeblich."

Ihr Problem: Sie sucht einen Therapeuten für gesetzlich Versicherte, der sie außerhalb ihrer eigenen Arbeitszeit behandelt. "Es gibt viele, die Behandlungen privat abrechnen würden. Aber das kann ich mir nicht leisten. Die Situation ist einfach nur zermürbend. Ich habe keine Kraft mehr", sagt die Krankenschwester. Dass es für Kassenpatienten fast unmöglich ist, schnell einen entsprechenden Therapieplatz zu finden, bestätigt auch ein Allgemeinmediziner, der in Beuel eine Hausarztpraxis betreibt. "Ich weiß von Fällen, da kamen Patienten noch nicht einmal telefonisch durch. Anrufe wurden einfach nicht entgegengenommen", so der Arzt.

Kassenärztliche Vereinigung bezeichnet Versorgung als sehr gut

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) bewertet die Lage indes ganz anders. "Aktuell sind im Planungsbereich Bonn etwa 260 Vertragspsychotherapeuten niedergelassen, der Versorgungsgrad dieser Fachgruppe liegt bei über 250 Prozent. Damit ist die psychotherapeutische Versorgung der Stadt Bonn als sehr gut zu bezeichnen", nimmt Christopher Schneider für die KV Stellung. Bonn gelte offiziell als überversorgt. Zwar liegt der KV keine Übersicht über die tatsächlichen Wartezeiten vor. Aber: "Wir empfehlen, bei der Suche unser Patienteninformationssystem zu nutzen. Darin werden stets Kapazitäten für zeitnahe Termine vorgehalten."

Auch wenn die KV offenbar keine Versorgungslücken erkennt, die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Bonner Uniklinik bestätigt die Beobachtung von Renate B. "Es ist wirklich nicht einfach, zeitnah einen Termin zu bekommen", weiß die Direktorin, Professorin Franziska Geiser. "Ich empfehle jedem, hartnäckig und beharrlich zu bleiben und die Suche über die Stadtgrenze hinaus auszuweiten." Zwar kennt sie die entsprechende Berechnung der Kassenärztlichen Vereinigung, doch die darin zugrunde gelegten Zahlen seien veraltet und längst von der Realität eingeholt. "Man muss in Bonn mit einer mindestens dreimonatigen Wartezeit rechnen", ergänzt Katrin Imbierowicz, Leitende Oberärztin auf dem Venusberg.

Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer: Anzahl der Psychotherapeuten reicht nicht aus

"Die Anzahl der Psychotherapeuten mit einer Kassenzulassung reicht nicht aus, um psychisch kranke Menschen ausreichend zu versorgen", stellt auch Professor Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, fest. "Die Krankenkassen können angesichts dieser Zahlen die Augen nicht mehr vor einer massiven Unterversorgung verschließen." Die Kammer fordert seit Langem, eine ausreichende Zahl von Behandlungsplätzen bei zugelassenen Psychotherapeuten zu schaffen und schneller einen ersten Termin durch eine psychotherapeutische Sprechstunde zu ermöglichen.

"Ich wünsche niemandem, jemals in eine solche Lage zu geraten. Ich kann mir gar nicht ausmalen, wie viele Menschen es gibt, die nicht mehr in der Lage sind, diese Kraft aufzubringen und einen anderen Weg wählen", sagt Renate B. zu ihrer Leidensgeschichte. Einen Therapieplatz in Einklang mit ihren Arbeitszeiten hat sie bislang noch nicht gefunden.

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