Inklusion in Bonner Schulen: Gesamtschuleltern gehen auf die Barrikaden

Inklusion in Bonner Schulen : Gesamtschuleltern gehen auf die Barrikaden

Es ist eine Zäsur: Erstmals haben die Elternpflegschaften aller fünf Bonner Gesamtschulen den Schulterschluss gesucht und gestern einen Brandbrief an die Stadt und die Bezirksregierung gesandt. Er ging auch an alle Fraktionen.

"Wir haben es satt. Inklusion geht alle an. Aber wie schon in den vorherigen Schuljahren zeichnet sich auch für das kommende Schuljahr ab, dass in Bonn die fünf Gesamtschulen neben den Haupt- und einzelnen Realschulen die Verantwortung für Inklusion übernehmen sollen", schreiben die Elternvertreter. Dabei sei es längst an der Zeit, dass endlich auch die Gymnasien Mitverantwortung übernehmen müssten. Und bei den Gesamtschulen müsse für zusätzliche personelle Ausstattung gesorgt werden. Die Stadt und die Bezirksregierung wollen sich morgen zum Brief äußern.

Die Bonner Gesamtschulen seien kurzfristig verpflichtet worden, drei statt wie bislang zwei Kinder mit Förderbedarf pro Klasse aufzunehmen, erläutern die besorgten Elternvertreter in ihrem Schreiben. Das entspreche einer Steigerung um 50 Prozent, die für diese Klassen kaum zu stemmen sei. Die aktuelle Situation sei ohnehin das traurige Ergebnis einer "totalen Fehlplanung". Und diese Suppe müssten die Förderkinder und die Gesamtschulen auslöffeln. "Die Verwaltung hat in den Grundschulen den inklusiven Unterricht nahezu flächendeckend eingeführt - das ist ein riesiger Erfolg. Leider hat sie aber offensichtlich vergessen, dass auch Förderkinder älter werden und eine weiterführende Schule besuchen möchten", erinnern die Elternvertreter.

In den letzten zehn Jahren habe sich der Anteil der Förderkinder im Gemeinsamen Lernen in Bonn also mehr als verdreifacht. Auch der Rechtsanspruch auf inklusive Bildung sei absehbar gewesen. Doch wo sollten diese Kinder nach der vierten Klasse hin? "Es wird also höchste Zeit, dass alle Schulformen Verantwortung übernehmen - auch die Gymnasien", fordern die fünf Elternpflegschaften. Seit Jahren missbrauche man den fehlenden Elternwillen als K.o.-Kriterium, um die Gymnasien von deren Verantwortung zur Umsetzung des Angebots an inklusiver Bildung freizusprechen. "Das kann nicht sein. Es muss auch hier eine "Willkommenskultur" entwickelt werden, bei der für Kinder mit Förderbedarf und für deren Eltern sichtbar eine Perspektive mit attraktiven pädagogischen Konzepten angeboten wird. Auch an Gymnasien kann leistungsdifferenziert unterrichtet werden", so die fünf Elternpflegschaften.

Gesamtschulen würden dagegen verpflichtet, alle Schüler aufzunehmen, die von anderen Schulformen "abgeschult" oder "exkludiert" werden. "Unglaublich", empören sich die Elternpflegschaften. "Ein Aussondern, ein Exkludieren von Kindern ist verantwortungslos." Realität sei auch: Um die massive Fehlplanung in den Griff zu bekommen, dürften Kinder mit Förderbedarf ausschließlich an der nächstgelegenen Gesamtschule angemeldet werden. Weitere Kriterien wie Geschwisterkind oder pädagogische Ziele blieben unberücksichtigt. Dabei müsse der Übergang von der Grund- zur weiterführenden Schule für Kinder mit Förderbedarf doch so gestaltet werden, dass den individuellen Erfordernissen des Kindes und der Familie Rechnung getragen werde. "Wir sind stolz, dass an unseren Schulen Inklusion gelebt wird. Wir sind auch bereit, die Verantwortung weiterhin zu tragen", schreiben die fünf Pflegschaften. Aber jetzt müsse man die Alarmglocken läuten: "Irgendwann ist das Maß voll."

Bonns fünf Gesamtschulen: Das sind die Bertolt-Brecht-Gesamtschule, Bonns Fünfte, die Elisabeth-Selbert-Gesamtschule, die Integrierte Gesamtschule Bonn-Beuel und die Marie-Kahle-Gesamtschule.

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