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Tanzen im Karneval: Für den Traum vom Funkemariechen muss man Opfer bringen

Tanzen im Karneval : Für den Traum vom Funkemariechen muss man Opfer bringen

Für viele ist es der Traum, einmal Funkemariechen oder Tanzoffizier im rheinischen Karneval zu sein. Doch der Weg dorthin ist mühsam und erfordert maximale Hingabe. Der Lohn sind Applaus und aus Sicht der Tanzenden unvergessliche Momente.

Alle im Saal des Kölner Maritims klatschen im Takt der Karnevalshits. Nur einer steht mit verschränkten Armen abseits und alleine: Nicolas Bennerscheid. Der Beueler hat es zum Tanzoffizier eines Kölner Traditionskorps gebracht, ist in die „Bundesliga des Karnevalstanzes“ aufgestiegen, wie er sagt. Das ist nun zwei Jahre her. Mittlerweile trainiert er die Tanzgruppe einer anderen Gesellschaft, die gerade auf der Bühne steht, und beäugt sie kritisch. Was ihm von seiner eigenen Tänzerkarriere geblieben ist? „Einmalige, schöne Erinnerungen und Erlebnisse.“ Aber auch ein Ermüdungsbruch im Handgelenk.

Ohne Tanzpaare und -gruppen ist der Karneval kaum vorstellbar, egal ob in Köln, Bonn oder Würzburg. Tausende trainieren das ganze Jahr über, um in der Session ein paar Wochen auf der Bühne zu stehen. Unter heißen Lampen, in schweißdurchnässten Kostümen. Freiwillig, ohne Gage für den einzelnen. Bei jeder Sitzung sind es nahezu die gleichen Worte, die der Sitzungspräsident an die Tänzer richtet. Ein Dank für Brauchtumspflege, für akrobatische und sportliche Höchstleistungen. Das Publikum quittiert es mit Applaus, vielleicht mit einer Rakete, wenn die Stimmung besonders gut ist. Dann kommt die nächste Band.

Für Bennerscheid ist der Moment auf der Bühne das Schönste. Etwas, das er mit nichts vergleichen kann. Wofür er sich aufgerieben hat. „Man kann so eine Session auch halbherzig durchhalten, aber dann macht man’s eben nicht richtig.“ Sein Credo: Mit mehr als hundert Prozent starten, damit genug Reserven bleiben, falls man mal schwächelt. So wie er, als er die Diagnose bekam, dass sein Handgelenk den Sport nicht mehr mitmacht – 2017, da war er gerade einmal 24. Er hatte die Wahl: Ausfallen und sich operieren lassen oder mit starken Schmerzen und Bandagen weitermachen. Er entschied sich für Letzteres, mit Folgen für seinen Körper. Wenn er heute laufen geht, tut ihm die Hand immer noch weh. Tanzoffizier kann er nicht mehr sein.

Für Nicolas Bennerscheid ist die schönste Erinnerung in seiner Zeit als Kölner Tanzoffizier der Besuch bei seinem Großvater in Beuel. Foto: Nicolas Ottersbach

Dabei füllt er diese Rolle so gut wie kaum ein anderer aus, weshalb er auch noch nach seinem Karriereende 2018 im Karneval bekannt ist. Mit seinen 1,90 Metern ist er ein staatser Kerl. Erst recht, wenn man ihn auf den alten Fotos sieht, auf denen er die typisch schwarzen Stiefel, das blaue Oberteil, die enge weiße Hose und den pompösen Hut mit blauen und weißen Federn trägt – den Farben seines Kölner Traditionskorps, den Blauen Funken von 1870. Zu seinen besten Tänzerzeiten war jeder Muskel durchtrainiert, 105 Kilogramm brachte der frühere Ruderer auf die Waage. „Jetzt sind es noch 92, deswegen nennen sie mich gerne mal Nicolauch.“ Er lacht charmant.

Das muss ein Tanzoffizier mitbringen

Auch das muss ein Tanzoffizier mitbringen: Das Können, sein Korps zu repräsentieren, sympathisch zu sein, und nicht nur im richtigen Moment ein Bühnenlächeln aufzusetzen. Karneval ist für ihn eine Lebenseinstellung, genauso wie Heimatverbundenheit. Seine Wurzeln in Beuel hat er nie vergessen,  auch wenn es nicht jedem gefiel, dass er nach Köln wechselte. „Mancher hat nicht mehr mit mir gesprochen“, erzählt er. Bei all den Bühnen, auf denen er stand: Sein schönstes Erlebnis hatte Bennerscheid dennoch in Beuel. Als er mit 200 Blauen Funken seinen 92 Jahre alten Großvater zu Hause besuchte und im Hof gefeiert wurde.

Das Tanzcorps Fidele Sandhasen wirft seine Mariechen meterweit in die Höhe. Die Akrobatik birgt auch Gefahren. Foto: Stefan János Wágner

In der Session verbrachte Bennerscheid sechs Tage die Woche in der Uniform, außerhalb der Session fast jeden Abend in Sportklamotten. An stressigen Tagen sind sechs Auftritte keine Seltenheit. Um das neben dem Job zu schaffen, musste er nach Köln ziehen. „Die Traditionskorps suchen sich ihre Tanzpaare genau aus, die Einstellung zum Korps muss stimmen, man muss sich damit identifizieren“, erklärt Bennerscheid, der sich mittlerweile um die Reitabteilung der Blauen Funken kümmert. Wer die Rolle des Tanzpaars einnehmen will, muss zum Casting. Sobald eins aufhört, stehen die neuen Interessenten Schlange.

Die Tanzgruppen laden ebenfalls zu Probetrainings, sie buhlen um die Besten. Der Wettbewerb untereinander ist groß, was auch für die Auftritte gilt. Umsonst tanzen die Sandhasen nur selten und bei besonderen Anlässen. Ein Auftritt kostet mehrere Hundert Euro, die Einnahmen fließen in die Vereinskasse. „Davon bezahlen wir Kostüme, Schminke und die Busse zu den Auftritten.“ Gewinn macht niemand.

Wer sich abheben will, muss abheben: Je wagemutiger und höher die Mariechen fliegen, desto größer ist das Staunen. Wie im Zirkus. „Mittlerweile haben die großen Tanzgruppen ein Niveau erreicht, das man nicht mehr toppen kann“, sagt Rene Rössel. Seit 25 Jahren tanzt er bei den Fidelen Sandhasen in Troisdorf und ist deren zweiter Vorsitzender. Angefangen hat 1995 alles ganz klein, mit einer Amateurtruppe. Heute werfen 20 Männer ihre 40 Frauen mehr als fünf Meter hoch. Bei den Schlusshebungen bedecken sie ganze Bühnenbilder – in Höhe und Breite.

Rauer Ton im Tanzgeschäft ist kein Geheimnis

„Natürlich birgt diese Akrobatik auch Gefahren.“ Aber das Publikum wolle unterhalten werden, wie in einer Show. „Es muss diesen Wow-Effekt geben, sonst gehen die Leute pinkeln, wenn wir auftreten.“ Rössel sieht das auch für die Tänzer selbst als Erfolgsrezept. Wenn es jede Session einen neuen Tanz mit neuen Elementen gibt, sorge das untereinander für Motivation.

„So wird es zum Ziel, sich weiter zu pushen. Es gibt aber auch immer Verwendung für diejenigen, die nur die Grundhebungen beherrschen.“ Letztlich stehe der Spaß im Vordergrund. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass in manchen Profi-Truppen ein rauer Wind herrscht. Die Waage ein Trainingsgerät ist, das Gewicht der Mariechen kontrolliert wird. „Bei uns gibt es sowas nicht“, sagt Rössel. Aus seiner Sicht sind die Technik und die Harmonie zwischen den Partnern entscheidender als der Körperfettanteil und das Gewicht.

Nazizeit brachte einen Rollentausch

In der Anfangszeit des organisierten Karnevals sah das alles noch ganz anders aus. Da waren die Mariechen ausschließlich verkleidete Männer in den Traditionskorps und dementsprechend konservativ auch die Tänze. Spektakuläre Hebungen gab es nicht. Angelehnt waren die Figuren an die Marketenderinnen des Militärs, die die Soldaten versorgten. Bis heute tragen die richtigen Funkemariechen der alten Gesellschaften deshalb häufig noch ein Fässchen bei sich.

Den Rollentausch brachte die Nazizeit: Männer in Frauenkleidern – das roch irgendwie nach Homosexualität, nach Travestie. Schon 1935 wurden die Karnevalsgesellschaften angewiesen, richtige Frauen als Funkemariechen einzusetzen. Die fühlten sich auf den Bühnen wohler, als es manchem alteingesessenen Karnevalisten lieb war. Sie waren davon überzeugt, dass diese Rolle, die im Schwierigkeitsgrad weit von dem entfernt war, was ein Mariechen heute leistet, zu anstrengend wäre für eine Frau. Ganz zu schweigen von den Witzen auf den männerdominierten Veranstaltungen. Das Publikum hingegen war begeistert von den weiblichen Mariechen, die von nun an die Männer in den Hintergrund tanzten.

I n den 1950er Jahren sah der Mariechentanz noch ganz anders aus. Foto: Heinz Engels

Diese Urgesteine prägten den Mariechentanz

Den Mariechentanz in seiner heutigen Form, bei dem die Frauen von ihren Partnern hochgehoben werden, prägten zwei Urgesteine des Kölner Karnevals: Peter Schnitzler und Biggi Fahnenschreiber. Beide waren Ballettmeister, haben zusammen in Aachen am Stadttheater getanzt, beide trainierten Tanzpaare und Tanzgruppen für den Karneval. Schnitzler verstarb 2019 im Alter von 92 Jahren. Fahnenschreiber ist mit ihren 88 Jahren noch heute aktiv und lässt sich sogar hochheben. An ihrer Grundeinstellung hat sich seit jeher nichts geändert: „Man muss die Musik vertanzen“, sagt sie gerne.

Die „Mutter der Tanzmariechen“ Biggi Fahnenschreiber trainiert noch mit 88 Jahren Tänzer und lässt sich hier von ihrem ehemaligen Schüler Peter Pick heben. Foto: Hans Renn

Ihre Handschrift findet sich in jeder ihrer Choreografien wieder, ihre ehemaligen Schüler geben es an die nächste Generation weiter. So unterrichtete Fahnenschreiber, die „Mutter der Mariechen“, einst selbst die  Bonner Stadtsoldaten. Die modernen Tanzgruppen sieht sie kritisch. Es sei oftmals kein karnevalistisches Tanzen mehr, stattdessen würde Akrobatik präsentiert. Man könne zwar Hebungen und Würfe einbinden, aber alles müsse in die Musik passen.

Harmonie beim Tanzpaar unverzichtbar

Bis diese Abläufe stimmen, ist hartes Training notwendig – und blindes Vertrauen. Im Bonner Karneval verkörpert das niemand so sehr wie Franziska Suhr und Patrick Reichelt. Seit acht Jahren tanzen sie zusammen, seit zwei Jahren sind sie das erste Tanzpaar der Bonner Ehrengarde. Ein Foto von ihnen ziert auch die Werbekampagne des Beethoven-Jubiläums. „Wenn Franzi zum Auftritt kommt, sehe ich sofort, wie sie drauf ist“, erzählt Reichelt. „Diese Harmonie ist wichtig“, fügt Suhr hinzu. Würde man sie unabhängig voneinander befragen, sie würden dieselben Antworten geben. Als wären sie seit Jahren verheiratet. Privat sind sie aber kein Paar, was sie auch gut finden. „Beziehungskisten sind fehl am Platz“, erzählt Suhr. Reichelt ergänzt: „Man muss sich freundschaftlich verstehen.“

Unter der Woche verbringen sie viele Stunden miteinander. Mal mit, mal ohne die restlichen Tänzer der Ehrengarde. „In einem Kölner Traditionskorps könnten wir gar nicht mitmachen, das würden wir zeitlich nicht schaffen“, sagt Suhr. Auch jetzt ist es manchmal eng. Reichelt ist Polizist, Suhr hat eine Praxis für Rehasport und Gesundheitstraining. „In den Räumen können wir uns auch mal spät abends oder vormittags treffen. So, wie es uns passt.“ Wie lange sie den Sport noch machen wollen? „Bis es nicht mehr geht“, erzählt Reichelt. Mit seinen 45 Jahren denkt er noch nicht ans Aufhören. Irgendwann laufe die Zeit allerdings ab, zumindest für die Mariechen. Suhr ist nun 26.  „Meistens ist mit 30 Schluss“, sagt sie und überlegt kurz. „Bis dahin genieße ich jeden Moment.“

Der Autor tanzt selbst in einer Gruppe des Kölner Karnevals.