Nach 67 Jahren in Bonn: Friseursalon am Bertha-von-Suttner-Platz schließt

Nach 67 Jahren in Bonn : Friseursalon am Bertha-von-Suttner-Platz schließt

Helmut Sundermann schließt nach 67 Jahren seinen Friseursalon am Bertha-von-Suttner-Platz. Noch während des Zweiten Weltkriegs hat seine Berufslaufbahn begonnen.

„Im Dienste der Schönheit sagen wir Danke. Es war schön mit euch. Vielleicht waren 67 Jahre doch zu wenig …“. Es sind Sätze, die sich Helmut Sundermann eigens aufgeschrieben hat, um sie unbedingt an dieser Stelle wiedergegeben zu wissen. Formvollendet, mit geradezu sportlichem Elan steht der 89-jährige Friseurmeister Helmut Sundermann in seinem Salon am Bertha-von-Suttner-Platz und empfängt seine letzten Kunden. „Schon beim Eintreten“, wird er später erzählen, „weiß ich genau, welche Frisur ich empfehlen würde.“ So geht es ihm schon seit 75 Jahren. 67 davon hat er in Bonn verbracht. Schon sein Onkel Heinrich, ebenfalls Friseur, muss im heimischen Retzen (in der Nähe von Bad Salzuflen) gewusst haben, was der richtige Haarschnitt für ihn und seine vier Geschwistern sein würde. Gefragt wurde zu dieser Zeit jedenfalls nicht.

Der Zweite Weltkrieg sollte noch ein Jahr andauern, als Sundermanns Vater entschied, dass Helmut wie der Onkel Friseur werden könnte. Rückblickend eine gute Entscheidung. „Mir war klar, wenn Onkel Heinrich das schafft, kann ich das auch“, erinnert sich Sundermann. Zudem war ihm wichtig, dass er nur einen Stuhl und eine Schere brauchte, um sich selbstständig zu machen. Wenn Sundermann nun Ende April seine Salontür zum letzten Mal abschließt, wird er auf ein erfülltes und glückliches Berufsleben zurückblicken können. Auch wenn er zum zweiten Mal verheiratet ist und einen Sohn (50) aus erster Ehe hat, der versuchsweise in die (vielleicht zu großen) Fußstapfen seines Vaters getreten war, scheint für den gebürtigen Westfalen das Private weniger eine Rolle in seinem Leben gespielt zu haben als der Beruf und die sich damit verbindenden Ereignisse in seinem Leben.

Ohne Friseur geworden zu sein, hätte er weder im Ballsaal der Queen Mary, noch in einer Sambaschule in Rio de Janeiro getanzt, ist er sich sicher. Als Vierzehnjähriger begann er seine Friseurlehre in Lemgo. Jeden Tag zwölf Kilometer mit dem Fahrrad. 1944 gab es dort nicht mehr viele Friseure. Der Vierzehnjährige hatte zusammen mit seinem Chef viel zu tun. Man frisierte, oder besser „rasierte“, eine ganze Infanterie-Division der Wehrmacht. Drei Jahre später zog es Sundermann als Gesellen ins feine Bad Salzuflen. Das sollte ihn prägen. Er frisierte von nun an die Schönen und Reichen im Salon des Kurhauses. Vielleicht wäre er dort geblieben, wenn den Westfalen nicht die Neugierde gepackt hätte, einmal selber zu erfahren, wie der Rheinländer Karneval feiert. Mit einer fröhlichen Reisegesellschaft fuhr er per Bus nach Köln. Er lernte den Lengsdorfer Friseur Floßdorf kennen, der ihm bei einem seiner späteren Besuche das Angebot machte, „wenn du deinen Meister hast, kannst Du meinen Laden übernehmen.“

Ein Jahr später, kurioserweise zusammen mit einem U-Boot-Kommandanten und einem Malergesellen – denn mehr als einen Gesellenbrief, egal welcher Art, brauchte man 1952 nicht – bekam Sundermann seinen Meisterbrief. Doch das war Floßdorf zu früh. Und sein Salon auf der Hauptstraße des „sündigen Dorfs“, wie sich Sundermann an die Bezeichnung des damaligen Lengsdorfs erinnert, war ihm mit nur zwei Herrenstühlen ohnehin zu klein. Auf der Endenicher Straße fand er einen alten Hühnerstall, den er sich nach seinen Vorstellungen ausbauen konnte. Kürzlich fand er noch den Vertrag, nachdem er dort hätte 25 Jahre mietfrei bleiben können. Doch obwohl der Laden „bombig“ lief, reichten ihm die dort vorhandenen drei Herren- und sieben Damenplätze nicht mehr aus. Zehn Jahre später zog er zur Lengsdorfer Hauptstraße um, wo er eine alte Scheune zu einem großzügigen Salon verwandeln konnte. „Doch nach 15 Jahren hatte ich schließlich ganz Lengsdorf abgegrast“, lacht Sundermann heute über seine Entscheidung zu Anfang der 70er Jahre, nach Bonn, auf die damals noch „Brückenstraße“ heißende Friedrichstraße umzuziehen. Als ihm dann ein Vertreter den Tipp gab, dass die Besitzerin vom „Salon der Dame“, am Bertha-von-Suttner-Platz dringend 50 000 Mark brauchte, um ihre Spielschulden begleichen zu können, konnte Sundermann dank guter Verbindung zu seiner Bank zugreifen. „Das war damals der billigste Salon von ganz Bonn“, sagt Sundermann. Dort habe man für eine Dauerwelle 9,50 Mark bezahlt, die bei ihm schon zwischen 60 und 80 Mark gekostet habe. So betrieb er in Bonn bald zwei Salons mit mehr als 20 Mitarbeiterinnen. Alles lief „wie am Schnürchen“. 1973 lernte Helmut Sundermann seine heutige Frau Brunhilde (62) kennen und konnte – teilweise mit ihr – als Fachberater einer Kosmetikfirma weltweit unterwegs sein. „Eine schöne Zeit, in der ich viel erlebt habe“, so Sundermann. Er kommt ins Schwärmen über Afrika und die USA sowie seine durchgetanzten Nächte in Rio. Nach dem Erfolgsrezept für seine „ewige Jugend“ gefragt, verrät er, dass ihn die Ausbildung der 70 oder 80 Lehrlinge jung gehalten habe. Einer Mitarbeiterin hatte er bereits versprochen, seinen Salon übernehmen zu können. Doch da kam die Entscheidung seiner Vermieterin dazwischen, die ihre Immobilie teuer verkaufen konnte. Der neue Besitzer wird dort, wo sich Generationen von Bonnerinnen und Bonnern jahrzehntelang frisieren ließen, eine – wie es heißt – „exklusive Shisha-Bar über zwei Etagen“ einrichten.

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