Marianne Pitzen, Ingeborg Rathofer und Curt Delander: Frauenmuseum Bonn gedenkt des Bombenangriffs 1944

Marianne Pitzen, Ingeborg Rathofer und Curt Delander : Frauenmuseum Bonn gedenkt des Bombenangriffs 1944

Das Bonner Frauenmuseum ist in den vergangenen Jahren zum inoffiziellen Gedenkort des Bombenangriffs vom 18. Oktober 1944 geworden. Ursächlich ist das persönliche Engagement einiger Bürger wie Curt Delander. Er grub in der Rheingasse den Keller seiner Oma aus.

Fliesen, Geschirr, Hausnummern und Geschirr - die Gertrudiskapelle, ursprünglich ein Nebenraum des Frauenmuseums, ist zu einer Krypta für die Bonner Altstadt geworden, die am 18. Oktober 1944 unwiederbringlich im Bombenhagel versank. Seit Jahren engagieren sich Marianne Pitzen, Ingeborg Rathofer und Curt Delander dafür, dass die wohl schwärzeste Stunde der Stadtgeschichte nicht in Vergessenheit gerät. Mit ihnen sprach wenige Tage vor dem 75. Jahrestag der Katastrophe Rüdiger Franz.

Herr Delander, wie geht es denn dem Kreuz aus Immerath?

Curt Delander: Dem geht es gut, es steht an der Franziskuskirche. Unsere Aufmerksamkeit darauf weckte seinerzeit die Künstlerin Inge Broska, die selbst in Otzenrath ihr Elternhaus verloren hat und mich vor vielen Jahren auf die Zerstörung der alten Dörfer im Braunkohlerevier hinwies. Dann habe ich dort regelmäßig meine Kartoffeln gekauft und bin auf das Sandsteinkreuz an der Kirche aufmerksam geworden. Als der Abriss des Immerather Doms Anfang 2018 näherrückte, haben wir das Kreuz in Absprache mit den dortigen Verantwortlichen nach Bonn geholt. Mit Hilfe des Bonner Kunstschmieds Andreas König konnte es platziert werden.

Ist das Projekt auch im Kontext der von Ihnen gepflegten Bonner Gedenkkultur zu sehen?

Delander: Einerseits sieht sich das Frauenmuseum als Haus der Kultur. Zum anderen sind Kunstschätze mit viel Handarbeit und tiefer Verwurzelung verbunden. Als es unweigerlich wurde, dass diese beeindruckende Kirche verloren geht, war uns daran gelegen, wenigstens eine Erinnerung zu retten.

Im Sinne des Bewahrens im besten konservativen Sinne also?

Delander: So habe ich es mein Leben lang gelernt. Und auch hier im Hause wird immer alles bewahrt.

Marianne Pitzen: Das ist ein ganz zentraler Punkt: Ein Museum verwahrt, pflegt und vermittelt. Damit spannen wir den Bogen ins Jetzt und verdeutlichen zugleich die ideelle Wirkung von Zerstörung, die zumeist von Menschen gemacht wird. Insofern ist auch Nostalgie nichts Schlechtes. Wie schnell ist alles auf dem nächsten Container...

Eine gute Gelegenheit, den Bogen zu Bonn zu spannen. Das ist vor 75 Jahren auch von Menschenhand zerstört worden. Das Thema bewegt Sie ja sehr. Wie hat das angefangen?

Pitzen: Als ich aus dem immer noch in Trümmern liegenden Nürnberg nach Bonn kam, waren die Zerstörungen hier schon von schnellen Neubauten kaschiert. Nun ein Zeitsprung: 2009 hatten wir in Bonn ein großes Treffen mit Vertreterinnen von Frauenmuseen in aller Welt. Wir haben sie als letzte Gäste im Hotel Beethoven am Rhein untergebracht, danach wurde das Haus abgerissen. In den Kellern hat Curt dann die Reste der Gassen gefunden, in denen seine Großeltern gelebt haben.

Sie, Herr Delander, haben dort nach Familiengeschichte gegraben?

Delander: Nun ja. Meine Großmutter Margarethe Klütsch bewirtschaftete das Theaterrestaurant im alten Bonner Stadttheater, auf dessen Fläche heute das Finanzamt steht. Auf der Ecke gegenüber bewirtschaftete sie den "Westfälischen Hof". Ihr Wohnhaus befand sich in der Vogtsgasse zwischen Altem Zoll und Brücke. Bei den dortigen Abrissarbeiten, die auch manchen Zeitzeugen anzogen, tauchten Gegenstände aus den Kellern auf. Plötzlich begann vor meinen Augen ein Film abzulaufen: Hier war das, dort stand dies....

Und dann?

Delander: In Absprache mit dem Rheinischen Amt für Denkmalpflege erhielt ich die Erlaubnis, mir die Sache anzusehen. Immerhin handelte es sich um Gegenstände von Menschen, die nach dem 18.Oktober 1944 tot oder mittellos waren. Mir ging es darum, diesen Sachen ihre Bedeutung zurückzugeben. Jeden Tag habe ich mit einem Wägelchen Geschirr, Bodenfliesen, Steine und allerhand andere Gegenstände ins Frauenmuseum gebracht. Irgendwann kamen dann noch die Grundmauern der alten Gertrudiskapelle zutage. Als wir hörten, dass diese karolingische Bausubstanz auch noch abgebaggert werden sollte, dachten wir, wir sind im falschen Märchen. Leider konnte die Apsis nicht gerettet werden. Marianne Pitzen hat dem Ganzen dankenswerterweise in einem Raum Asyl gegeben.

Verloren gegangen ist 1944 unter anderem die Rheingasse, in der die Familie Beethoven lebte. Wäre hier nicht noch mehr zu retten gewesen?

Delander: Das Beethoven-Haus war zwar sehr stark beschädigt. Aber es wäre für eine Beethoven-stadt sicher eine Überlegung wert gewesen, zumindest die Fassade wieder aufzubauen. Immerhin hat Beethoven dort zehn Jahre seiner Jugend verbracht. Auch der Boeselagerhof wurde hemmungslos abgerissen. Immerhin die Gobelins hängen im Alten Rathaus..

Und auf diese Weise entstand ausgerechnet im Frauenmuseum eine "neue" kleine Kapelle.

Pitzen: Zur zentralen Figur wurde für uns dabei Gertrudis von Nivelles. Die belgische Stadt wurde durch deutsche Truppen in beiden Weltkriegen schwer beschädigt, 1940 - vier Jahre vor der Zerstörung Bonns - wurde der gotische Reliquienschrein der heiligen Gertrud durch deutsches Bombardement zerstört.

Delander: Ich hätte nie gedacht, dass ich noch einmal zur Kirche finde. So kam es aber, als mit Hilfe der hiesigen Pfarrgemeinde Sankt Petrus jener Nebenraum des Frauenmuseums mit all seinen Fundstücken als Kapelle eingesegnet wurde. Ohnehin: Die Petrusgemeinde ist eine echte Sensationsgemeinde und ein Segen für die Katholische Kirche. In der Kirche Sankt Helena bin ich vor drei Jahren als Zarah Leander aufgetreten - und die Kirchenzeitung hat daraufhin einen halbseitigen positiven Bericht veröffentlicht. Mittlerweile haben wir ein pastorales Team, das in diesem Raum des Dialogs regelmäßig Veranstaltungen anbietet.

Wie sieht das dann aus?

Ingeborg Rathofer: Unsere Gemeinde hat das besondere Ziel, den christlichen Glauben auch an die Ränder der Gesellschaft zu bringen, die hier im Viertel zahlreich vertreten sind. Wir wollen christliches Miteinander auch abseits der Kirchturmspitzen leben. Die Gertrudiskapelle ist somit zu einem Ort des ökumenischen und interkulturellen Miteinanders und der Versöhnung geworden.

Wer wird versöhnt?

Rathofer: Nun, hier kommen viele Menschen hin, die nicht mit dem klassischen Kirchenbild übereinstimmen und gerade über diesen "Randraum" wieder einen Zugang zu Lebens- und Sinnfragen bekommen und im Nachgang kirchliches Leben aufs Neue hinterfragen und sich annähern. So entspricht es auch unserem pastoralen Weg, dem Petrusweg, mit seinen ausdrücklich flachen Hierarchien.

Wie lassen sich 18.Oktober '44 und Gertrudiskapelle interkulturell vermitteln?

Rathofer: Hier sind zum Beispiel regelmäßig Gruppen von Flüchtlingen zu Gast. Am 18.Oktober haben syrische Gruppen schon in aramäischer Sprache das Vaterunser gebetet. In diesem Jahr werden sicher wieder einige von ihnen vertreten sein.

Hundsgasse, Rheingasse, Giergasse. Das sind - um es mit Gräfin Dönhoff zu sagen - Namen, "die keiner mehr nennt". Müsste nicht den Bonner Kindern diese Geschichte stärker vermittelt werden?

Pitzen: Das machen wir. Bei unserem nächsten Beethovenprojekt in Kooperation mit der Festival-Gesellschaft greifen wir genau das auf und lassen Kulissen bauen und bringen die geretteten Artefakte ein.

Haben Sie den Eindruck, dass Ihr Engagement auch das Geschichtsbewusstsein jüngerer Bewohner des Viertels weckt?

Delander: Aber wie! Das zeigt sich immer bei den Führungen, die ich mit Schülern mache, oder auch in unserem Kinderatelier.

Was passiert in diesem Jahr?

Delander: Wir freuen uns besonders, dass es diesmal eine offizielle Kranzniederlegung der Stadt Bonn geben wird. Ansonsten wird es wieder eine würdige Zeremonie geben. Darüber hinaus gibt es am 17. März jährlich die Gertrudisprozession von der Vogtsgasse am Rhein entlang übers Schänzchen zur Franziskuskirche.

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