Syrischer Kurde Nidal Ahmad: Flüchtlinge und doch keine Flüchtlinge

Syrischer Kurde Nidal Ahmad : Flüchtlinge und doch keine Flüchtlinge

Die Atmosphäre könnte kaum trostloser sein: Der Dauerregen spült eine schlammig-braune Brühe auf die Straße, drinnen ist es karg und armselig. An den alten, elfenbeinfarbenen Küchenkacheln klebt noch der fettige Schmutz der Vormieter. Doch Nidal Ahmad lässt den Kopf nicht hängen.

"Wir können uns hier hinsetzen", lächelt er und deutet auf den alten Tisch Typ "Eiche rustikal". Darum gruppieren sich drei unterschiedliche Stühle. "Seit gestern haben wir einen Tisch", freut sich der 43-Jährige.

Doch selbst wenn er jetzt wenigstens die Möglichkeit hat, gemeinsam mit seinen beiden Söhnen Chalil (19) und Schukri (15) zusammenzusitzen, ein Blick in den Raum verrät, dass hier kein menschenwürdiges Dasein möglich ist. Auf dem Boden steht eine alte Herdplatte, daneben ein Eierkarton, Mehl, Milch, Kakaopulver. In der anderen Ecke lagert das Geschirr. Drei Teller, drei Gabeln, drei Messer. Mehr nicht. Es gibt keinen Schrank, keine Arbeitsfläche, keinen Kühlschrank. Es fehlt einfach an allem.

Auch in den anderen Zimmern herrscht Trostlosigkeit. Für jeden der drei Männer liegt lediglich eine Matratze auf dem Boden, die wenigen Kleidungsstücke lagern in Pappkartons. Schukri belastet diese Situation offenbar sehr. Der 15-Jährige schaut verstört zur Seite, vermeidet jeden Blickkontakt und fühlt sich offensichtlich unwohl. "Ich will doch nur, dass meine Kinder ein besseres Leben haben", erzählt der Vater, der Anfang Dezember in ein Hochhaus im Tannenbusch gezogen ist.

Dabei sah das Leben von Nidal Ahmad Anfang der 1990er Jahre noch ganz anders aus. Er lernte in Bonn eine Deutsch-Syrerin kennen und beide heirateten. Gemeinsam lebten sie in der Altstadt und 1999 wurde auch Nidal Ahmad eingebürgert.

2005 kehrte das Paar nach Syrien zurück, weil er in Aleppo das Juweliergeschäft seines Vaters übernehmen wollte. Doch seit Ausbruch des Krieges ist nichts mehr so, wie es einmal war. Nidal Ahmad und sein Sohn Chalil wurden von IS-Truppen festgenommen und ins Gefängnis gesperrt. Dort sei er brutal gefoltert worden, berichtet der 43-Jährige. Sohn Chalil musste mit ansehen, wie sein Vater geschlagen und ihm die Fingernägel gezogen wurden. Mittlerweile war auch das Juweliergeschäft der Familie von Bomben zerstört, die IS-Truppen hatten Geld und Gold geraubt.

Über die Türkei gelang dem Vater, der inzwischen von seiner Frau geschieden war, mit den beiden Söhnen die Flucht. In Bonn, dort wo er sich einmal zu Hause gefühlt hatte, wollte er einen Neuanfang für sich und seine Kinder wagen. Doch auch hier warteten jede Menge Probleme. Denn Nidal Ahmad gilt nicht als Kriegsflüchtling. "Da wir alle die deutsche Staatsangehörigkeit haben, gelten für uns andere Regeln als für Kriegsflüchtlinge", erzählt er.

Nach Zwischenstationen in Meckenheim und Rheinbach bezog er schließlich die karge Dreizimmer-Wohnung in Tannenbusch. Mit Hilfe des Jobcenters wurde zwar eine ausreichend große Bleibe gefunden, doch der Antrag auf Hartz IV ist noch nicht bearbeitet. Und bis dahin lebt Familie Ahmad von der Hand in den Mund. In der vergangenen Woche hatte sie gerade einmal zehn Euro zum Leben. Jetzt gab es wenigstens eine Abschlagszahlung von 250 Euro. Doch davon musste Vater Nidal erst einmal seine Fahrkarten kaufen. Denn er macht derzeit in Köln eine Umschulung zum Busfahrer. "Im Juni 2015 bin ich fertig. Ich hoffe, schnell eine Arbeit zu finden", schmiedet er bereits Zukunftspläne.

Dann, so wünscht er sich, soll auch seine zweite Frau mit den beiden kleinen Kindern, die vier und eineinhalb Jahre alt sind, aus der Türkei nach Deutschland kommen. "Ich glaube, dass der Krieg in Syrien noch Jahrzehnte dauern wird", spekuliert er. Sein 36-jähriger Bruder wurde in Aleppo ebenfalls von IS-Truppen entführt und gefoltert. Erst als der Vater ein Lösegeld gezahlt hatte, wurde der Bruder wieder freigelassen. "In diesem Land haben meine Kinder keine Zukunft", sagt er traurig.

Update vom 28. Dezember: Hilfswelle für syrische Familie

Die Reaktion unserer Leser ist überwältigend: Weit über hundert Anrufe, E-Mails und Facebook-Einträge wollen Nidal Ahmad und seinen beiden Söhnen nach unserem Bericht in der Weihnachtsausgabe helfen. Das Schicksal der syrischen Familie, die in einem Tannenbuscher Hochhaus wohnt, hat eine riesige Welle der Spendenbereitschaft ausgelöst. Die Redaktion eruiert zurzeit Kontakte, die dafür sorgen können, dass die Flut von angebotenen Sachspenden, die von Bettwäsche und Geschirr bis zur kompletten Kücheneinrichtung und Wohnzimmereinbauwand reicht, an ihrem Bestimmungsort ankommt. Wir werden unsere Leser alsbald auf diesem Wege über die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten informieren.

Flüchtlinge in Bonn

Bonn bietet bereits heute 825 Flüchtlingen aus mehr als 30 Nationen Zuflucht (Stand: 19. Dezember). "Wir rechnen mit der Ankunft weiterer Flüchtlinge, für deren Unterbringung die Kommune verantwortlich ist", sagt Sozialdezernentin Angelika Maria Wahrheit. Mit Nachdruck werde daher in der ganzen Stadt nach weiteren Möglichkeiten gesucht, um Flüchtlingen eine Unterkunft bieten zu können. Das Konzept der dezentralen Unterbringung im gesamten Stadtgebiet werde weiter konsequent verfolgt. Während das Paulusheim in der Zwischenzeit voll belegt ist, werden in den Wohncontainern in der Gerhart-Hauptmann-Straße seit Mitte Juli neu nach Bonn zugewiesene Flüchtlinge untergebracht. Aufgrund des anhaltenden Flüchtlingsstroms wird die Stadt Bonn eine Flüchtlingsunterkunft im Hof der Ermekeilkaserne in der Südstadt errichten. Im dritten Quartal 2015 sollen dort 80 Flüchtlinge untergebracht werden. Den Mietvertrag für einen Teil des Außengeländes der Kaserne hat die Stadt bereits mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) abgeschlossen.

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