Dramatische Hilfsaktion am Rheinufer: Flüchtling rettet Jungen vor dem Ertrinken

Dramatische Hilfsaktion am Rheinufer : Flüchtling rettet Jungen vor dem Ertrinken

Insgesamt sechs Menschen rettete die Feuerwehr am Donnerstagabend in Bonn aus dem Rhein. Fünf von ihnen waren selbst in Not geraten, als sie einer Person helfen wollten, die in Höhe des Erzbergerufers im Wasser trieb. Zum Glück endete die Aktion glimpflich.

Dass sich plötzlich so viele Leute für ihn interessieren, ist Anuar Alobaidi fast unangenehm. „Es ist doch ganz normal und menschlich, dass man hilft“, übersetzt ein Helfer für den Iraker. Im Hausmeisterraum seiner Unterkunft am Erzbergerufer, in der der 27-Jährige derzeit als Flüchtling untergebracht ist, gibt er gestern Mittag das zweite Interview des Tages. Vor dem Gebäude wartet bereits ein Fernsehteam. „Dabei habe ich doch einfach nur nicht lange überlegt und bin gesprungen“, sagt er verwundert.

Das, wovon Alobaidi erzählt, ereignete sich am späten Donnerstagabend: Gemeinsam mit einem Mitbewohner verbringt er den Abend an der Rheinpromenade. In Höhe des Anlegers der „Moby Dick“ sitzen beide auf einer Mauer und trinken Cola. „Auf einmal haben wir eine Menschenmenge vorbeirennen sehen, die laut in Richtung Wasser schrie und gestikulierte“, erzählt er. Schnell ist den jungen Männern klar: Im Fluss droht jemand zu ertrinken und sie müssen etwas unternehmen.

Kurz sprechen beide sich noch ab, wer eingreift. Doch weil der Mitbewohner im Gegensatz zu Anuar nicht schwimmen kann, ist die Entscheidung schnell gefallen. „Ich habe dann mein T-Shirt und die Hose ausgezogen und bin in Unterhose in den Rhein gesprungen. 30 Sekunden waren das vielleicht“, so der 27-Jährige, der im irakischen Basra am Fluss Forat aufgewachsen und wegen des Kriegs vor rund sechs Monaten nach Deutschland geflüchtet ist.

Im Wasser kämpft zu diesem Zeitpunkt laut Polizei ein 16-Jähriger um sein Leben. Nach späterer Auskunft von Pressesprecher Robert Scholten ist wohl ein Badeunfall dafür verantwortlich, dass er inzwischen völlig entkräftet im Fluss treibt. Zeugen wählen um 21.45 Uhr den Notruf. Doch obwohl sich inzwischen nach Feuerwehrangaben rund 200 Menschen am Rheinufer aufhalten und der Feuerwehr kurzzeitig auch die Rettungsmaßnahmen erschweren, bleibt Anuar Alobaidi zunächst der einzige, der aktiv etwas unternimmt.

„Eine Frau hat dann von außen gerufen, dass ich den Jungen auf den Rücken nehmen und seinen Kopf über Wasser halten soll“, erzählt er. Den Verunglückten so im Schlepp, gelingt es ihm, sich am Anleger der vor Anker liegenden MS Poseidon festzuhalten. Erst jetzt werden weitere Menschen tätig, indem sie sich zu den Männern hinüberhangeln oder ebenfalls ins Wasser springen. Zwischenzeitlich befinden sich laut Feuerwehrsprecher Carsten Schneider noch vier weitere Personen im Wasser und müssen später ebenfalls von den eingetroffenen Einsatzkräften von Feuerwehr und DLRG gerettet werden.

Weil ein Rettungsversuch der Einsatzkräfte misslingt, bringt Alobaidi jedoch sich und den 16-Jährigen nach eigenen Angaben selbst zum Ufer, wo ihnen Rettungskräfte an Land helfen. Alle sechs Beteiligten werden laut Schneider nur mit Unterkühlungen in Krankenhäuser eingeliefert. Anuar Alobaidi aber hat es dort nicht lange ausgehalten: Wie sein Übersetzer Fadi Karaki sagt, ist der Lebensretter noch in der Nacht barfuß von Beuel aus zurück zur Unterkunft gelaufen. „Am Nachmittag habe ich Anuar noch erklärt, warum man im Rhein nicht schwimmen soll“, erzählt Karaki, der in der Unterkunft am Erzbergerufer als Hausmeister und Ansprechpartner für die Flüchtlinge fungiert. „Die Gefahr der Strömung war ihm also bewusst.“

Nun hofft der Flüchtling, dass der Rummel um seine Person schnell wieder abnimmt. Am Montag beginnt für ihn endlich der lang ersehnte Integrationskurs.

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