Von der Pest entvölkert: Familienbuch über Graurheindorf erschienen

Von der Pest entvölkert : Familienbuch über Graurheindorf erschienen

Katharina Schulte hat jetzt gemeinsam mit der Bezirksgruppe Bonn der „Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde“ und in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Bonn ein Graurheindorfer Familienbuch für das 17. und 18. Jahrhundert präsentiert.

Was für eine Schande für die Mutter und welch’ große Schmach für die ganze Familie: Als die kleine Marie 1749 in Graurheindorf zur Welt kam, fehlte von ihrem Vater jede Spur. „Sie war ein illegitimes Kind. Also eines, das außerhalb der Ehe geboren wurde“, erklärt Katharina Schulte. Und diese moralische Verfehlung ihrer Mutter ist auch heute noch für alle Welt sichtbar. Denn der damalige Pfarrer von St. Margareta trug die Geburt des Mädchens als Zeichen der Schande auf dem Kopf in die Kirchenbücher ein.

Gleich zwei solcher besonderen Vermerke entdeckte die ehemalige Dozentin für Volks- und Betriebswirtschaft in alten Kirchenbüchern. Jetzt präsentiert Katharina Schulte gemeinsam mit der Bezirksgruppe Bonn der „Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde“ und in Zusammenarbeit dem Stadtarchiv Bonn das Graurheindorfer Familienbuch für das 17. und 18. Jahrhundert. „Damit holen wir die Toten wieder ein Stück in die Gegenwart zurück“, so die Autorin.

Jahrelang stöberte Katharina Schulte in alten Aufzeichnungen des Bonner Stadtarchivs, verglich Einträge über Geburten, Hochzeiten und Todesfälle aus der Pfarrgemeinde. „Meine Vorfahren haben in Graurheindorf gelebt und ich wollte mehr über meine Vergangenheit erfahren“, erklärte sie bei der Buchpräsentation am Dienstag. Doch trotz aller Anstrengungen muss sie für sich eine ernüchternde Bilanz ziehen: „Ich habe nichts über meine Ahnen gefunden“, sagt sie.

Detektivischer Spürsinn war nötig

Die fünf Kirchenbücher von St. Margareta (heute eine von acht Pfarren der Kirchengemeinde St. Thomas Morus) beginnen mit den ersten Taufeinträgen 1637 und enden mit zwei Standesamtsurkunden von 1798, die in Französisch verfasst sind. Bei ihrer Nachforschung waren detektivischer Spürsinn sowie ein Feingefühl für die rheinische Mundart wichtig. „Denn viele Menschen wurden nicht mit ihrem Namen eingetragen, sondern mit einer Besonderheit. Etwa ein Hinweis auf Wohnort oder Beruf, manchmal nur eine Abwandlung des Rufnamens“, erzählt die Ahnenforscherin. Bedrückend waren für sie allerdings die Dokumente, die von der hohen Kindersterblichkeit zeugten. „Beispielsweise die Familie Bauch. Nur zwei von neun Kindern überlebten die ersten Monate.“

Die Pestjahre lassen sich anhand der Graurheindorfer Kirchenbücher ebenfalls genau belegen. „Mehr als ein Drittel der Bevölkerung überlebte 1666 nicht. Das Dorf war Ende der 1660er Jahre entvölkert“, erklärt die Autorin. In einem „Seelenverzeichnis“ vermerkte der damalige Pfarrer dann am 1. Juli 1671 wie viele Häuser im Ort nicht mehr bewohnt waren. Daraufhin kamen offenbar viele Menschen aus Westfalen oder der Eifel, um sich in den leer stehenden Häusern niederzulassen und sich hier ein neues Leben aufzubauen. Aber auch auf Einzelschicksale stieß die Forscherin bei ihrer Arbeit. Wie etwa das eines 16-jährigen Jungen, dem die Gurgel durchschnitten worden war und den man in die Mosel geworfen hatte. In Graurheindorf fischte man schließlich die Leiche des Jungen aus dem Rhein und begrub ihn.

Kaum liegt das Familienbuch Graurheindorf gebunden vor, spukt schon ein neues Projekt im Kopf von Katharina Schulte. „Ich würde gerne ein Familienbuch über Endenich machen“, gesteht sie und verspricht, schon bald mit den ersten Recherchen zu beginnen.

Katharina Schulte, Familienbuch Graurheindorf 1637 – 1798, 304 Seiten, ISBN 978-3-86579-138-2, 20 Euro, erhältlich über die Westdeutsche Gesellschaft für Familienkunde, www.wgff-shop.de.