Falsche Polizisten in Bonn: Betrüger erbeuten 750.000 Euro

Polizei Bonn registriert 2000 Anrufe : Falsche Polizisten erbeuten 750.000 Euro

Falsche Polizisten bereiten der Bonner Polizei mehr und mehr Kopfzerbrechen. Zwar kamen die Betrüger in diesem Jahr bisher nur sieben Mal zum Ziel, erbeuteten dabei aber insgesamt 750.000 Euro.

Es war nur ein Zufall, der Schlimmeres verhinderte: Am vergangenen Dienstag hatte ein Senior 5000 Euro bei seiner Bank abgehoben. Das wollte er falschen Polizisten, die ihn am Telefon überrumpelt hatten, übergeben. Auf dem Weg nach Hause traf er einen Beamten – und sprach ihn an. So konnte die Übergabe verhindert werden.

Kripochef Norbert Wagner bereitet die Betrugsmasche zunehmend Kopfzerbrechen. Im Vergleich zum Vorjahr habe sich die Zahl der Fälle in Bonn, Bad Honnef, Königswinter und dem linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis mehr als verdoppelt. „Stand jetzt haben wir mehr als 2000 bekannt gewordene Anrufe“, sagt Wagner. Die meisten Versuche sind zwar nicht erfolgreich. Gelangen die Täter aber zum Ziel, streichen sie hohe Summen ein. In Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis war das sieben Mal der Fall. Mit einem Gesamtschaden von 750.000 Euro.

Auch wenn ländliche Regionen teilweise betroffen sind, „der Großteil spielt sich im Bonner Stadtgebiet ab“, sagt Wagner. Das sei wegen seiner älteren, reichen Bevölkerungsstruktur besonders beliebt. In den vergangenen Wochen zum Beispiel waren die Betrüger vor allem in Bad Godesberg aktiv. Daher zeigte die Polizei im Stadtbezirk Präsenz, klärte am vergangenen Mittwoch die Passanten auf dem Theaterplatz über die Masche auf, bei der die falschen Polizisten ihre Opfer überzeugen, dass ihr Geld bei der Bank nicht sicher sei. Und sie dazu überreden, es ihnen auszuhändigen.

Das Problem: Die Drahtzieher sitzen in Callcentern in verschiedenen Städten in der Türkei. Diese heuern (Klein-) Kriminelle vor Ort an, denen sie für die Übergabe des Geldes eine Provision zahlen. Wer ihre Auftraggeber sind, wissen die Geldkuriere nicht. Ein Grund, weswegen es laut Wagner schwer sei, die Hintermänner zu fassen. Ein weiterer: das föderale System in Deutschland, sagt Wagner. Anstatt die Fälle zu bündeln, seien viele Polizei- und Justizbehörden mit einzelnen Fällen beschäftigt. Zentrale Behörden wie das BKA könnten da, so der Wunsch des Bonner Kripochefs, „eine stärkere Rolle spielen“. Und: Seit gut zwei Jahren laufe die Zusammenarbeit mit den türkischen Behörden gut, diese warteten auf Ermittlungsergebnisse aus Deutschland. „Wir würden uns ein etwas offensiveres Vorgehen gegen die Callcenter wünschen“, so Wagner.

Die Bonner Polizei auf jeden Fall kämpft mit allen Mitteln gegen die Betrüger. So wurde eine Ermittlungskommission gegründet, „die sich um nichts anderes kümmert“. Es gebe ein Netzwerk, in dem man Informationen austausche. So zum Beispiel die Stimmen der Betrüger, die nach Möglichkeit aufgezeichnet werden. „Wir arbeiten auch mit den Telefondaten“, sagt Wagner. „Trotzdem aber sind es alles nur kleine Puzzleteile.“ Prävention spielt ebenfalls eine Rolle (siehe Artikel „Prävention“). So unterstützen unter anderem ehrenamtliche Seniorenberater die Polizei. Und: Oft telefonieren die Täter ganze Straßenzüge systematisch ab. „Wenn wir einen solchen Brennpunkt erkennen, fahren wir dorthin, sprechen die Leute an und klären sie auf“, sagt Wagner.

Da die Täter die Herkunft ihrer Anrufe verschleiern, teilweise mit Hilfe des so genannten Call-ID-Spoofings mit Telefonnummern der Polizei anrufen, sei eine Rückverfolgung nicht möglich. An dieser Stelle könnte laut Wagner eine Technik helfen, die in den USA und Kanada bereits erfolgreich ist. „Kommt ein solcher Anruf an, wird auf dem Telefon erkennbar, dass es sich um Spam handelt“, erklärt Wagner. Noch stünden dem wirtschaftliche Interessen entgegen, denn die Einführung koste Geld. Wagner setzt nun auf die Novelle des Telekommunikationsgesetzes. Würde die Technik umgesetzt, „würde uns das sehr helfen“.

Mehr von GA BONN