Umstrittenes Unternehmen: Falck sticht Johanniter im Bonner Rettungsdienst aus

Umstrittenes Unternehmen : Falck sticht Johanniter im Bonner Rettungsdienst aus

Das umstrittene Unternehmen Falck erhielt den Zuschlag in der öffentlichen Ausschreibung für den Rettungsdienst in der Bonner Wache 3. Die Hilfsorganisation Johanniter geht leer aus.

Das Unternehmen Falck hat den Zuschlag im Bonner Rettungsdienst erhalten. Wird bis 5. April kein Einspruch eingelegt, wird der umstrittene Konzern ab 1. Juli die Feuerwache 3 in Bad Godesberg besetzen. Die Johanniter Unfallhilfe hat nach den vorläufigen Ausschreibungsergebnissen kein Los erhalten. Die restlichen drei Wachen teilen sich Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), Malteser Hilfsdienst und Deutsches Rotes Kreuz (DRK). Fraglich ist, ob Falck angesichts des Personalmangels auf dem Rettungsdienstmarkt genügend Mitarbeiter rekrutieren kann.

Für die Johanniter ist die jetzige Situation nicht fremd. Schon 2008 hatten sie eine Ausschreibung verloren und waren für mehrere Jahre nicht Teil des Bonner Rettungsdienstes. „Das tut uns weh, ist aber so im Wettbewerb“, sagt Regionalvorstand Marius Mainzer. Konsequenzen, dass die Hilfsorganisation wegen des wegbrechenden Auftrags in den kommenden viereinhalb Jahren finanziell in Schieflage geraten könnte, sieht er jedoch nicht. Auch weiterhin werde man in Bonn präsent sein, nur eben nicht im Rettungsdienst. Die Mitarbeiter kämen in anderen Bereichen unter. „Ich muss aber zugeben, dass diese Situation schlecht für unser Ehrenamt ist.“ Der wegfallende Rettungsdienst sorge dafür, dass die Johanniter unattraktiver für freiwillige Helfer werden.

In Bonn gibt es vier Feuerwachen, an denen neben den Löscheinheiten der Feuerwehr auch insgesamt 14 Rettungswagen stationiert sind. Die Feuerwache 1 am Lievelingsweg sollen die Malteser besetzen, die dortige Leitstelle der ASB. Auch die Wache 4 in Duisdorf soll der ASB übernehmen. Das DRK soll auf der Feuerwache 2 in Beuel ihren Dienst verrichten.

In Spree-Neiße besetzt Falck alle Rettungswachen

Dirk Lötschert, beim ASB Abteilungsleiter für den Rettungsdienst, weiß wie es ist, diesen kurzfristig zu besetzen. 2012 stand seine Organisation vor einer ähnlichen Aufgabe wie Falck. Zwar war der ASB schon im Rettungsdienst tätig, musste aber im Krankentransport massiv aufstocken. „Im Gegensatz zu uns fängt Falck nun von Null an“, sagt er. Damals konnte der ASB von den anderen Hilfsorganisationen Personal akquirieren, zudem waren schon Räume für die Verwaltung und eine gewisse Infrastruktur vor Ort vorhanden. „Das hat Falck nicht, und die Marktsituation ist schwieriger geworden.“ Unter anderem sorgt die Umstellung in der Ausbildung der Notfallsanitäter derzeit dafür, dass es nicht genügend Fachkräfte gibt. „Deshalb können die Hilfsorganisationen auch nicht wie damals Personal freistellen“, so Lötschert.

Falck weiß um diese Problematik. Die Auswirkungen zeigen sich bereits auf der Kölner Wache in Marienburg. Dort ist Falck seit Ende 2017 tätig und konnte die Engpässe nach eigener Aussage bisher abfedern. Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied zu Bonn: Während in Köln auch Leiharbeiter eingesetzt werden dürfen, ist in der Bundesstadt nur eigenes Personal erlaubt.

Im brandenburgischen Landkreis Spree-Neiße besetzt Falck seit 2013 sogar alle Rettungswachen und hat 2017 erneut den Auftrag erhalten. Der Landkreis ist mit der Leistung zufrieden, auch wenn es in dieser Zeit zwei Tarifstreiks gab, nach denen die Löhne jeweils um zwei Prozent erhöht wurden. Gleichwohl sehen sowohl die Bonner Politik als auch die Hilfsorganisationen das Unternehmen Falck kritisch. Deshalb hatte der Stadtrat bis zuletzt auf eine Bereichsausnahme gepocht, die der Stadtverwaltung erlaubt hätte, den Auftrag nicht in einem öffentlichen Verfahren zu vergeben. Falck wertet diese Bereichsausnahme als „Lobby-Paragrafen der deutschen Hilfsorganisationen“. Die wiederum finden, dass wichtige Aufgaben wie der Rettungsdienst nicht ausschließlich an den günstigsten Bieter in einem Wettbewerb geknüpft sein dürften. Falck strebte ein Verfahren gegen die Bereichsausnahme vor dem Europäischen Gerichtshof an, das derzeit noch läuft.

„Wirtschaftlichkeit ist wichtig, aber es darf nicht nur um ein Best-Price-Niveau gehen“, sagt Lötschert. Auch wenn Rettungsdienst und Ehrenamt finanziell voneinander getrennt seien, gäbe es enge Vernetzungen. „Unsere Hauptamtlichen helfen etwa bei verschiedenen freiwilligen Projekten wie dem Schulsanitätsdienst.“ Daraus bilde man einen ehrenamtlichen Sockel, der auch über die reine Dienstzeit hinaus für Einsätze beispielsweise im Katastrophenfall verfügbar sei. „Und nicht zuletzt ist das Ehrenamt bei uns oft der Einstieg in den Beruf.“ Was passiert, sollte Falck die in der Ausschreibung geforderten Aufgaben nicht erfüllen, ist ungewiss. „Wenn einer der Leistungsbringer ausfällt, sorgt die Stadt für die Sicherstellung des Rettungsdienstes“, teilt das Presseamt mit. Alle vier Hilfsorganisationen bieten für diesen Fall ihre Unterstützung an.

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