Kürzung von Öffnungszeiten: Fachkräftemangel in Bonn wirkt sich auf Kitas aus

Kürzung von Öffnungszeiten : Fachkräftemangel in Bonn wirkt sich auf Kitas aus

Der Fachkräftemangel wirkt sich auch auf die Kitas in Bonn aus. So kürzen Einrichtungen inzwischen die Öffnungszeiten, um ihrem Betreuungsauftrag noch gerecht werden zu können. Die Stadt und andere Träger hoffen auf alternative Ausbildungsmodelle.

Irgendwann hatte Tanja Winzen ihren Job satt. Jeden Tag ins Büro, das war nichts mehr für sie, erzählt die gelernte Automobilverkäuferin. Die heute 38-Jährige wollte etwas sinnstiftendes in ihrem Leben machen. Über ihre Stiefmutter entstand der Kontakt zur Kita der Heilandkirche in Mehlem. Heute absolviert Winzen dort eine Ausbildung zur Erzieherin. Sorgen, später eine feste Anstellung zu finden, muss sie sich nicht machen.

Der Markt an Erzieherfachkräften ist leer gefegt. Die Ausbildung des Nachwuchses konnte mit dem rasanten Ausbau an Kitaplätzen und Betreuungsplätzen in den Offenen Ganztagsschulen (OGS) in den letzten Jahren nicht Schritt halten. Zudem fehlt es an Lehrern für die Ausbildung von Erzieherkräften. Ein Teufelskreis. Die Stadt Bonn hat deshalb zum neuen Kitajahr seit 1. August die Öffnungszeiten ihre Einrichtungen an die Betreuungszeiten von maximal 45 Stunden in der Woche angepasst, um überhaupt noch mit den vorhandenen Kräften über die Runden kommen zu können. Sehr zum Verdruss vieler Eltern.

Dass Tanja Winzen die Ausbildung zur Erzieherin machen kann, verdankt sie nicht zuletzt einer Änderung im Kinderbildungsgesetz (Kibiz), in dem auch die Finanzierung der Einrichtungen inklusive des Personal festgelegt sind. Winzen nimmt teil an der Praxisintegrierten Ausbildung (Pia), die vor einigen Jahren eingeführt wurde und bei der die Auszubildenden anders als früher bereits im ersten Ausbildungsjahr eine Vergütung erhalten. Hätte sie eine in den ersten zwei Jahren bisher vollschulische Ausbildung zur Erzieherin begonnen, hätte sie, die seit vier Jahren arbeitslos ist, keine finanzielle Unterstützung mehr vom Jobcenter erhalten, sagt sie.

Mangel so schnell wie möglich beikommen

Ziel von Pia ist es, dem eklatanten Mangel an Erzieherkräften so schnell wie möglich beizukommen, und offensichtlich hat man mit diesem Modell einen guten Weg gefunden. "Wir sind jedenfalls sehr begeistert, sie macht ihre Arbeit schon sehr gut", lobt Winzens Chefin Katharina Logvincuk. Sie überlege deshalb, im nächsten Kitajahr, wenn Tanja Winzen das dritte Ausbildungsjahr absolviert, eine weitere Pia-Kraft einzustellen.

Denn bei 65 Kindern und acht Fachkräften, davon vier in Teilzeit, sei die Personaldecke schon sehr dünn. "Wir hangeln uns von einem Rettungsanker zum anderen", beschreibt die stellvertretende Leiterin der Heilandkirchen-Kita, Daniela Meyer, die aktuelle Lage. Besonders kritisch wird es, wenn eine Kollegin wegen Krankheit oder Schwangerschaft längere Zeit ausfällt.

So wie in der Mehlemer Kita sieht es nahezu in allen Einrichtungen der Stadt Bonn und der freien Träger aus. Wer neue Fachkräfte sucht, erhält auf eine Stellenausschreibung oft noch nicht einmal eine einzige Bewerbung, weiß Silvia Franken. "Wir haben immer mehr Kitas, in denen auf die Freistellung der Leitung verzichtet wird, weil zu wenig Personal da ist", berichtet die Leiterin der Fachberatung für die evangelischen Kindergärten in den Kirchenkreisen Bonn, an Sieg und Rhein sowie Bad Godesberg/Voreifel.

Frankens Arbeitsbereich umfasst insgesamt 75 Tageseinrichtungen für Kinder in 53 Kirchengemeinden, zwei Krankenhäusern, von drei Trägervereinen und zwei Elterninitiativen. Mittlerweile sei es in gut der Hälfte dieser Kitas der Fall, dass die Leitung nicht mehr freigestellt sei. Sie müsse mit in den Gruppen arbeiten, aber dennoch die Verwaltungsaufgaben und Personalführung stemmen, sagt Franken.

23 Stundn zur Verfügung

Katharina Logvincuk hat für die Leitungsaufgaben gerade einmal 23 Stunden zur Verfügung. Die restlichen 16 Stunden arbeitet sie mit den Kindern. Und wie gelingt ihr der Spagat zwischen Pädagogik und Verwaltung? "Irgendwie schaffe ich es immer. Ich muss es ja", sagt die Leiterin. Dabei sind die Anforderungen an die Aufgaben neben der Kinderbetreuung im Vergleich zu früher deutlich gestiegen.

Kindertagesstätten gelten heute als Bildungseinrichtungen, also wird von den Erzieherinnen und Erziehern auch stetige Fort- und Weiterbildung erwartet. Hinzu kommen neben der Vorbereitungszeit zeitraubende Aufgaben wie die Dokumentationen, die über die Entwicklung eines jeden Kindes erstellt werden muss. "Ich wünschte mir, es gäbe für meine Kolleginnen und mich dafür zusätzliche Stunden", sagt Logvincuk.

Kita-Fachberaterin Franken hatte gehofft, dass durch das ebenfalls neue Seiteneinsteiger-Modell, das die Landesregierung seit vorigem Jahr ermöglicht, zusätzlich eine ganze Reihe neuer Fachkräfte gewonnen werden könnte. "Das ist leider nicht der Fall", bedauert Franken. Bei diesem Modell können die Kita-Träger auf Antrag beim Landesjugendamt Personen mit pädagogischem Hintergrund, etwa Pädagogikstudenten ohne Abschluss oder Erzieherkräfte, die noch kein Anerkennungsjahr absolviert haben, als Seiteneinsteiger in der Kita beschäftigen.

Allerdings dürfen diese Mitarbeiter dann keine Gruppe leiten. Auch darf ihre Zahl die Anzahl der voll ausgebildeten Fachkräfte nicht übersteigen. "Wir als Fachberatungsstelle konnten leider bisher gerade einmal sieben Anträge an das Landesjugendamt stellen."

Interesse an Seiteneinstieg gering

Und warum ist ihrer Ansicht nach das Interesse an einem Seiteneinstieg so gering? "Das sind sicher verschiedene Gründe. Zum einen ist der Erzieher-Kind-Schlüssel sehr hoch, das heißt zum Beispiel in einer Gruppe mit 20 Kindern von zwei bis sechs Jahren arbeiten nur zwei Kräfte, das kann mitunter sehr anstrengend sein."

Dazu kämen die hohen Anforderungen wie Weiterbildung etc. "Das ist vor allem für Mitarbeiterinnen, die selbst kleine Kinder haben, oftmals kaum zu leisten." Franken empfiehlt inzwischen allen evangelischen Einrichtungen, ähnlich wie in den städtischen Einrichtungen die Öffnungszeiten den Betreuungszeiten anzupassen. Dabei gehe war ein Stück Flexibilität verloren, die für berufstätige Eltern wichtig sei. Aber: "Eltern können es nicht wirklich wollen, wenn am Ende die Betreuungsqualität leidet, weil zu wenig Personal in der Einrichtung ist."

Suna Rausch ist Mutter eines vierjährigen Kita-Kindes und Vorsitzende des Jugendamts-Elternrats. Auch sie bedauert die Kürzung der Öffnungszeit. "Die Randstunden sind gerade für berufstätige Eltern wichtig. Die fallen nun weg." Einerseits begrüßt auch Rausch das PiA-Modell. "Die Ausbildung müsste für alle von Anfang an bezahlt werden, um den Beruf attraktiver zu machen." Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass es sich dabei nicht um vollwertige Arbeitskräfte handele. Es müsse kurzfristig noch an anderen Stellschrauben gedreht werden. "Die Stadt muss endlich die Stellen für Therapeuten oder Küchenkräfte in den Kitas entfristen."

Jugendamtsleiter Udo Stein weiß im Moment ebenfalls keinen anderen Weg, angesichts des akuten Personalmangels in allen 70 städtischen Einrichtungen die Öffnungszeiten auf maximal 45 Stunden die Woche zu beschränken. Bei 23 Kitas lagen die Öffnungszeiten bisher bis zu zehn Stunden über der maximalen Betreuungszeit "Grundsätzlich finden wir flexible Öffnungszeiten natürlich richtig und wichtig für Eltern in bestimmten beruflichen Situationen", sagt Stein.

Keine gesonderte Finanzierung

Doch der aktuelle Fachkräftemangel, die damit verbundenen Personalausfälle und erhöhten Krankenstände ließen es nicht zu, diese Regelung aufrechtzuerhalten. Zumal es dafür auch keine gesonderte Finanzierung gebe. "Es ist leider in der Vergangenheit viel zu wenig ausgebildet worden", bringt Stein das Problem auf den Punkt. Deshalb sei die Stadt Bonn froh, dass das Land auch die Möglichkeit für Seiteneinsteiger geöffnet habe. "Aber allein das wird nicht reichen." Deshalb nutze die Stadt Bonn auch verstärkt das Pia-Modell.

"So können wir uns schon zu Beginn der Ausbildung das Personal in die Kitas holen." Derzeit seien es 15 Erzieherinnen, die eine Praxisintegrierten Ausbildung in den städtischen Kindergärten absolvierten. Im August seien 23 hinzugekommen. "In der Summe haben wir dann also beachtliche 38 Pia-Mitarbeiterinnen", freut sich Stein. Aber er macht sich nichts vor: "Bisher sind die Kitas nicht dafür ausgelegt, Nachwuchskräfte auszubilden. Da müssen sich einige Strukturen ändern."

Das gelte auch für die Berufskollegs, wie in Bonn das Robert-Wetzlar-Berufskolleg, die sich von der vollschulischen auf die teilschulische Ausbildung umstellen müssten. "Da findet gerade ein Paradigmenwechsel statt, aber ich bin froh, dass es gelungen ist, dieses Modell umzusetzen." Wegen des Personalnotstands geht die Stadt Bonn auch ungewöhnliche Wege: Sie will, wie berichtet, auch in Italien nach Erzieherkräften suchen. Die Ausbildung dort sei gut, aber die Stellen seien rar, weiß Amtsleiter Stein. Einen Erfolg kann er noch nicht vermelden: Die Ausschreibung zur Umsetzung des Projekts läuft gerade erst.

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