Vor Bonner Festival: Ethnologe räumt mit Voodoo-Vorurteilen auf

Vor Bonner Festival : Ethnologe räumt mit Voodoo-Vorurteilen auf

Nächste Woche findet in Bonn das erste Voodoo-Festival statt. Schon jetzt hat GA-Reporterin Nadine Klees sich auf die Suche nach der wahren Bedeutung des Rituals begeben.

Er beschäftigt sich seit Mitte der 1980er Jahre mit dem Glauben, dem weltweit 60 Millionen Menschen angehören. "Voodoo" heißt eigentlich nur "Gott", sagt Henning Christoph. Allerdings gebe es auch Rituale, die anderen schaden sollen. Dieser Schaden müsse aber gerechtfertigt sein, so der Experte.

Herr Christoph, was hat es mit der Voodoo-Puppe auf sich?

Henning Christoph: Das ist Quatsch. Die Voodoo-Puppe gibt es gar nicht. Voodoo kommt aus Afrika. Der Brauch, mit einer Puppe anderen zu schaden, dagegen aus England. Dort gab es im 17. Jahrhundert kleine Wachsfiguren, die man mit Nadeln durchbohrte. Das hatte etwas mit der Hexerei zu tun. Das gab es auch in Belgien und Deutschland, aber nie in Afrika. Viele Vorurteile, die über Voodoo existieren, entstammen irgendwelchen Hollywoodfilmen.

Wie zum Beispiel, dass Voodoo etwas Böses ist?

Christoph: Ja. Der Glaube wird oft mit schwarzer Magie gleichgestellt. Dabei bedeutet das Wort „Voodoo“ einfach nur „Gott“. Tatsächlich ist der Glaube eher eine Art Heilsystem. Die Religion, die in Benin offiziell anerkannt ist, besteht zu 85 Prozent aus Heilung, nur zu 15 Prozent aus Schadensmagie. Und bevor man jemandem schaden darf, muss ein Orakel, das heißt ein speziell ausgebildeter Priester, befragt werden, ob der Schaden gerechtfertigt ist. Ansonsten kann er auf einen selbst zurückfallen.

Wie funktioniert Schadensmagie?

Christoph: Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel. Ein Zauber, der für jemanden gedacht ist, der seine Schulden nicht bezahlt: In diesem Fall befüllt ein Aceito (Schadensmagier) einen Hundeschädel mit Pflanzen und bringt ein Blutopfer, zum Beispiel eine abgehackte Hahnenkralle. Das soll bewirken, dass der Schuldner Magenkrämpfe und Albträume bekommt. Dieser bekommt einen Hinweis, dass er verzaubert wurde. In einer Gesellschaft, in der alle daran glauben, funktioniert das.

Also, Blutopfer gibt es schon?

Christoph: Ja, aber das gibt es in fast allen Religionen. Die Christen machen es symbolisch. Das wird beim Voodoo oft missverstanden. Und ich finde, jeder, der Fleisch isst, muss sich damit abfinden, dass dafür Tiere sterben müssen. Aber im Voodoo gibt es auch andere Opfergaben für die Götter. Das können Blumen oder andere Dinge sein. Je nachdem, um was man bittet.

Voodoo-Festival in Bonn

Vielleicht können Sie auch von einer Heilung erzählen, um die es beim Voodoo hauptsächlich geht?

Christoph: Ich habe vor Jahren in Afrika die Heilung eines todkranken Mädchens dokumentiert. Die Ärzte wussten nicht, was sie hatte, keiner konnte ihr helfen. Sie hatte Fieber und war abgemagert. Ein Voodoo-Priester ließ sie in Trance trommeln und in ein Leintuch mit Pflanzen einwickeln. Sie nähten das Tuch zu, legten sie in ein Grab und schaufelten es zu. Ich dachte, das Mädchen wird sterben. Aber als sie sie Stunden später wieder ausgruben, lebte sie und wurde gesund.

Das klingt wie aus einem Film.

Christoph: Ja, ich habe verblüffende Dinge gesehen und dokumentiert. Obwohl ich Wissenschaftler bin, habe ich aufgehört, alles erklären zu wollen. Entweder man akzeptiert es oder eben nicht. Es gibt sehr viele solcher Heilungen.

Gibt es Voodoo in Deutschland?

Christoph: Ja, schon. Allerdings muss man hier vorsichtig sein. In Deutschland gibt es viele Scharlatane. Leute, die sich nach einem Lehrgang Priester nennen und eine Facebook-Seite haben. So etwas würde ein echter Voodoo-Priester nie tun. Man muss mit diesem Glauben auch aufwachsen. Zum Beispiel können wir auch nicht in Trance verfallen. Das ist angeboren. Die Kinder hören die Trommeln schon im Mutterleib.

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