Interview mit dem Stadtförster: Erste Borkenkäfer dank Sommerhitze in Bonn

Interview mit dem Stadtförster : Erste Borkenkäfer dank Sommerhitze in Bonn

Der Bonner Wald hat den heißen Sommer insgesamt gut überstanden, sagt Stadtförster Sebastian Korintenberg. Für die Zukunft plant er dennoch mit mediterraneren Arten.

Wie haben die Bonner Wälder die Dürreperiode überstanden?

Sebastian Korintenberg: Der Wald ist zum Glück nicht so anfällig für Hitze und Dürre wie Park- oder Stadtbäume, die oft auf künstlichen Baumbeeten wachsen. So können die Waldbäume sich bei trockeneren Phasen über ihre Wurzelsysteme noch tief aus dem Untergrund Wasser holen. In den letzten Wochen haben wir aber gemerkt, dass auch Waldbäume Blätter und Früchte fallen lassen. Viele junge Bäume lassen die Blätter hängen.

In Hessen und NRW soll es noch kaum Probleme geben, während in Mecklenburg-Vorpommern oder Rheinland-Pfalz die Alarmglocken läuten. Wie steht es im Rheinland?

Korintenberg: Fakt ist: Die Rheinschiene ist sehr warm – und auch Bonn ist damit eine warme Stadt in Deutschland. Das hat zur Folge, dass anhaltende Großwetterlagen wie die aktuelle Trockenphase auch im Stadtwald relativ schnell Spuren hinterlassen.

Welche Baumarten sind besonders betroffen?

Korintenberg: Relativ stark sieht man es an Buchen. Deren Blätter sind vielerorts schon braun geworden und verbreiten frühzeitig Herbststimmung im Wald. Aber auch Kirschen und Birken sind betroffen. Man sieht die Folgen der Hitze auch auf dem Boden. Rund um Eichen liegen viele kleine grüne Eicheln. Die haben die Bäume als Schutzreaktion abgeworfen. Manchmal trennen sie sich von ganzen Ästen.

Treiben die Buchen im nächsten Jahr wieder aus?

Korintenberg: Da müssen wir uns zum Glück keine riesigen Sorgen machen. Es wird den ein oder anderen trockentoten Baum geben. Aber generell ist unser Wald auf unser regionales Klima sehr gut eingestellt und überlebt eine längere Trockenphase ebenso wie längeren Frost. Sie sind insgesamt recht resistent. Nehmen Sie die Kastanien an der Poppelsdorfer Allee. Die galten nach ihrem Befall mit Miniermotten vor einigen Jahren schon als abgängig. Sie treiben aber tapfer jedes Jahr wieder aus. Es kann schon sein, dass Bäume ihr Wachstum einstellen und weniger Stoffe einlagern. Im nächsten Jahr treiben sie aber wieder aus. Was dann allerdings fehlt, sind Reserven – etwa bei Schädlingsbefall oder neuerlichen Witterungskapriolen. Wenn wir mehrere solcher Sommer in Folge bekämen, würde das die Bäume nachhaltig stressen.

Wie überstehen die Fichten die Hitze? Die sind zwar als Nutzholz mit ihren graden Stämmen schön praktisch, passen klimatisch aber eher in nördliche Gefilde.

Korintenberg: Die Fichte bildet nur flache Wurzeln von kaum 60 Zentimetern Tiefe. Darum hat sie bei längerer Trockenheit starken Stress. Oben auf dem Venusberg gilt das umso mehr, weil dort unter dem Humus eine dicke Lehmschicht über den wasserführenden Bodenschichten liegt. Da kommen Fichten kaum durch. Wir haben zwar in den Wäldern noch die Pflanzrelikte aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stehen. Aber da die Fichte hier klimatisch sowieso eigentlich nichts zu suchen hat, wird sie im Stadtwald gar nicht mehr gepflanzt. Ihr Anteil liegt inzwischen unter fünf Prozent aller Bäume und geht kontinuierlich zurück.

Die Fichten haben in diesem Jahr sehr stark gesamt. Ist das eine Reaktion auf die Hitze?

Korintenberg: Nein, so kurzfristig können Bäume nicht reagieren. Sie legen im Frühjahr zuvor je nach Licht-, Wärme- und Wasserverhältnissen fest, wie viele Knospen sie im Folgejahr ausbilden. Das kostet viel Kraft, und der Baum fährt dazu die Blätterproduktion zurück. Wenn wie 2018 eine starke Trockenheit dazwischenkommt, ist das natürlich tendenziell ungünstig. Aber die meisten Fichten werden das überstehen.

Gibt es Verluste bei Neupflanzungen?

Korintenberg: Wir pflanzen insgesamt selbst nicht viel nach. Wir sind ja Naturlandzertifiziert und nutzen deshalb mehr das natürliche Saatgut im Wald. In diesem Frühjahr haben wir ein paar Buchen gepflanzt. Da muss man normalerweise mit einer Ausfallquote von 15 bis 20 Prozent rechnen. Die wird in diesem Jahr höher ausfallen. Denn die jungen Bäume leiden viel stärker unter der Trockenheit als etablierte Pflanzen.

Ist der Hitze nun der Borkenkäfer gefolgt wie in anderen Regionen?

Korintenberg: Ich habe tatsächlich die ersten Meldungen über Borkenkäfer bekommen. Es gibt zwei große Bestände in Bad Godesberg und auf dem Venusberg. Wir werden gleich Anfang September zusehen, dass wir die betroffenen Bäume fällen und abtransportieren. Dazu gibt es keine Alternative. Es ist wichtig, dass die ausgebildeten Käfer sich nicht weiter verbreiten können. Entstehen dabei größere Lücken von mehr als 3000 Quadratmetern, nutzen wir die, um heimische Baumarten wie Eiche, Winterlinde oder Hainbuche anzusiedeln.

Könnten Herbst- und Winterstürme den angeschlagenen Bäumen stärker zusetzen als sonst?

Korintenberg: Wir freuen uns über jeden Sturm, der an uns vorbeizieht. Tatsächlich kann der Trockenstress die Bäume sogar resistenter gegen Stürme machen, weil sie dabei anfangen, mehr Wurzelmasse zu bilden.

Die Holzpreise fallen wegen des hohen Schadholzanteils. Wirkt sich das für Bonn wirtschaftlich aus?

Korintenberg: Die Erträge stehen im Waldmanagement der Stadt Bonn zum Glück nicht im Vordergrund. Der Stadtwald dient überwiegend der Naherholung. Wir schlagen überwiegend Laubholz. Dort sind die Preisschwankungen nicht so stark. Bei der Fichte, dem Brotbaum kommerzieller Forstwirte, sind die Schwankungsbreiten ganz andere. Ich gehe nicht davon aus, dass der Sommer der Stadtkasse einen wirtschaftlichen Schaden einbringt.

Welche Erträge zieht die Stadt aus dem Bonner Wald?

Korintenberg: Die fallen sehr unterschiedlich aus. Wir versuchen, in nachhaltiger Wirtschaft jedes Jahr 2000 Festmeter Holz aus dem Wald zu holen. Das Sortiment wechselt – und damit der erzielte Preis.

Trägt sich der Forstbetrieb dann?

Korintenberg: Das ist mit 2000 Festmetern nicht zu schaffen. Wir stellen ja auch Infrastruktur wie Bänke, Mülleimer, Schutzhütten und das Wildgehege und bauen Wege.

Wie kann man dem Wald helfen?

Korintenberg: Wir bemühen uns, den Wald klimastabil zu gestalten – angepasst an die Höhe, das Relief und die Beschaffenheit des Bodens. Meine Arbeit wird 200 Jahre lang Auswirkungen haben. Deshalb müssen wir sehr langfristig denken. Es gibt ganz unterschiedliche Szenarien, wie stark sich das Klima verändern wird. Ich gehe aktuell von einem Temperaturanstieg von zwei bis vier Grad in Bonn in den nächsten 100 Jahren aus – und von mehr heftigen Niederschlägen im Winterhalbjahr und mehr sommerlicher Trockenheit auf bislang feuchten Böden. Bäume, die sehr wasserreiche Standorte benötigen, machen in Zukunft nur noch an speziellen Stellen Sinn. Auch werden die Stürme zunehmen, was stabile Waldgesellschaften mit vielen Schichten und verschiedenen Baumarten erfordert.

Noch ein Blick in die nähere Zukunft: Der Arbeitskreis der Weihnachtsbaumerzeuger warnt vor einem Mangel an schönen Tannenbäumen, weil die Spitzen durch die Trockenheit lichter werden könnten. Was glauben Sie?

Korintenberg: Weihnachtsbaumkulturen sind ja eher unter landwirtschaftlichen Gesichtspunkten zu sehen. Aber ja: Ich sehe das Risiko, dass die Bäume eher schütter werden, also viele Nadeln verlieren und andere Trockenerscheinungen zeigen. Das wird eine Herausforderung für die Kollegen, Ihnen und mir den perfekten Weihnachtsbaum zu liefern.

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