Arbeitsbedingungen und Missstände in Altenheimen: Einfach öfter mal Nein sagen

Arbeitsbedingungen und Missstände in Altenheimen : Einfach öfter mal Nein sagen

Überstunden, Hektik und wenig Bezug zu den Bewohnern: Die Arbeit der Pfleger in einem Seniorenheim ist hart, voller Stress und dabei noch schlecht bezahlt.

Nachdem die Bonner Heimaufsicht angeordnet hatte, dass 65 Bewohner des Hauses Dottendorfs ausziehen mussten, weil sie schlecht versorgt wurden, melden sich nun Pfleger zu Wort. Einer machte die beiden Todesfälle, mit denen sich die Staatsanwaltschaft beschäftigt (der GA berichtete) öffentlich. Doch es gibt weitere Missstände im Arbeitsalltag.

Die Pflegeteams in vielen Heimen seien demotiviert und gefrustet, sagt eine 33-jährige Krankenschwester, die anonym bleiben will. Da will sie nicht mitmachen und hat sich entschlossen, über eine Zeitarbeitsfirma in Teilzeit zu arbeiten. Das führt sie mit jedem Dienst in ein anderes Haus, immer wieder auch mal nach Dottendorf. Nicht nur da komme es immer wieder vor, dass ein Bewohner ein falsches Medikament erhält und die Dokumentationen falsch oder unvollständig sind. Mancher Bewohner erhalte seine Tabletten auf dem Essenstablett, die dann die Küchenhilfe verabreicht.

In einem Fall in einem Bonner Heim habe sie beim Dienstantritt nicht einmal erfahren, dass eine Bewohnerin an dem Tag im Sterben lag. "In vielen Heimen sind die Badutensilien nicht einmal so beschriftet, dass Fremde von Leihfirmen diese dem richtigen Bewohner zuordnen können", beklagt die 33-Jährige die oft mangelnde Organisation. Es sei keine Seltenheit, dass sich der eine heute seinen Intimbereich mit dem einen Handtuch abrubbelt, das der andere dann am nächsten Morgen nutzt, um sich sein Gesicht abzutrocknen.

Mehrere Bettlägerige müssten sich manchmal eine Waschschüssel teilen, Desinfektionsmittel seien nicht griffbereit, oder Wunden würden nicht fachgerecht verbunden: Die Liste der Mängel ist laut der Krankenschwester lang. "Bewohner, die eine Zahnvollprothese tragen, bekommen einfach kein Zahnputzmaterial gestellt", klagt die Fachkraft. Die Kollegen würden dann sagen, dass der Bewohner doch keine Zähne mehr habe. "Selbst jede Nichtpflegekraft kann sich bei dieser Erklärung schon den dicken Belag auf der Zunge und den muffigen Geschmack im Mund vorstellen, der Mangels Mundhygiene schon am ersten Morgen ohne diese im Mund herrscht."

Oftmals bekämen vor allem die Bettlägerigen, die sich nicht mehr äußern können, nur lieblos zubereitete Grießsuppen oder Puddingklumpen verabreicht. "Und dafür bezahlen diese Menschen", sagt die Pflegerin. Es werde auch oft nicht darauf geachtet, ob der Bewohner flach auf dem Rücken liegt oder aufrecht sitzt. Kaum einer achte darauf und helfe beim Essen. "Menschen, die den Mund nicht aufmachen, denen wird der Löffel einfach in den Mund geschoben."

Die schlimmsten Sachen passierten in den teuersten Häusern, behauptet die Fachkraft. Richtig gut organisiert sei aber zum Beispiel das städtische Wilhelmine-Lübke-Haus in Duisdorf. Sie sagt: "Im Altenheim müsste es nicht immer hektisch sein." Die Pfleger sollten sich ein paar Minuten Zeit nehmen und die Bewohner mit ihren Eigenheiten kennenlernen, auf sie eingehen und zuhören. "Diese Zeit wird einem aber nicht gelassen. Das ist die Krux." Der Respekt vor den Menschen sei auch nicht immer vorhanden. Vorsicht, Liebe, Gründlichkeit und Fürsorge werde belächelt, weil alles schnell gehen müsse. "Nicht nur die Bewohner leiden. Die Pflegekräfte leiden auch." Bei Überlastung sollten die Kollegen eigentlich auch mal Nein sagen, um sich selbst zu schützen. Die junge Frau versteht aber auch nicht, warum die Bewohner so selten Besuch von ihren Angehörigen erhielten, die meisten würden alleine sterben. "Wie traurig."

Im Kollegenkreis habe sich die 33-Jährige schon häufiger gegen die Arbeitsbedingungen gewehrt. Warum sie sich aber noch nicht an die Heimaufsicht gewandt hat, weiß sie nicht. Sie arbeite auch deshalb als Zeitarbeitskraft, weil die besser bezahlt werden. Sie erhalte 15 Euro brutto pro Stunde, im Pflegedienst sonst würden 12,50 Euro gezahlt. So hat die Bonnerin rund 1000 Euro im Monat, von denen dann auch die WG-Miete und das Auto bezahlt werden müssen. Die Teilzeit hat sie gewählt, um mehr Zeit für sich zu haben.

Die Krankenschwester hatte den Eindruck, dass sich die Bewohner in Haus Dottendorf wohlgefühlt haben. Das Haus sei auch liebevoll eingerichtet. Die Fehler dort würden woanders jedenfalls auch passieren.

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