GA-Serie "Bonner Köpfe": Eine Million Minuten verändern eine Familie

GA-Serie "Bonner Köpfe" : Eine Million Minuten verändern eine Familie

Lange arbeitete Wolf Küper aus Bonn als Tropenforscher und UN-Berater. Jetzt hat er ein Buch über die Bedeutung von Zeit geschrieben.

Die wunderbare Welt im Kopf seiner Tochter Nina hat das Leben von Wolf Küper verändert. Eines Abends vor dem Zubettgehen sagte sie: „Ach Papa, ich wünschte, wir hätten eine Million Minuten. Nur für die ganz schönen Sachen, weißt du?“ Bis dahin war es auch für Küper selbstverständlich, dass Menschen oft für alles Zeit haben, außer für die Dinge, die ihnen am allerliebsten sind. Also schenkten er und seine Frau Vera sich und ihren Kindern Nina und Simon diese eine Million Minuten – auf einer zweijährigen Reise durch Thailand, Australien und Neuseeland.

Davon erzählt der 43-jährige Bonner an einem recht trüben Herbsttag im Café Nees im Botanischen Garten. Nina spielt die Hauptrolle in seinem Buch – und seit September 2005 auch im Leben der Familie. Das Mädchen kam mit einer Behinderung zur Welt, und der ehrgeizige Tropenforscher und UN-Berater erkannte bald, dass dies alles auf den Kopf stellen würde. Küper wurde Referendar am Nicolaus-Cusanus-Gymnasium in Plittersdorf, arbeitete später als Lehrer in Köln-Nippes an einem Gymnasium und in der Lehrerfortbildung – bis zur Idee mit der einen Million Minuten.

2010 ging es dann los, und es gab viele Bedenkenträger. Tenor: So eine Reise mit einem sechs Monate alten Säugling und einem behinderten Mädchen – das schafft ihr doch eh nicht. Küper ist stolz, dass die Familie ihren Traum trotzdem verwirklichte: „Für manche Leute ist die Erde eine Scheibe, und hinter dem Club-Urlaub auf Mallorca wartet der Abgrund. Wir sind über den Rand hinaus gefahren.“

Dabei war die Reiseroute gar nicht so ungewöhnlich und die Gefahren auch nicht so groß wie bei der Abenteuertour im Film „Captain Fantastic“, den Küper allen Familienmenschen wärmstens empfiehlt. Der Autor erlebte, wie das Reisen alle To-do-Listen außer Gefecht setzen kann. Merke: Je „lamsanger“ man wird, desto mehr Zeit hat man – auch eine Sache, die er von Nina lernte, seiner kleinen Königin der Langsamkeit, die 19 Minuten für ein Brötchen mit zwei Gurkenscheiben braucht und den beschleunigten Anderen immer wieder seelenruhig entgegnet: „Nur keine Hastik.“

Je länger die Familie unterwegs war, desto mehr vergaß sie die Zeit. „Nach und nach war das Metronom des Alltags unhörbar geworden“, schreibt Küper. Für ihn ist Reisen ein Mittel, das angeblich Selbstverständliche aufzulösen. „Normal ist eine Fiktion“, sagt er und erzählt die Anekdote mit dem australischen Supermarkt-Betreiber, der seinen Laden weit vor der offiziellen Schließungszeit dicht machte, um am Strand mit seinem Sohn einen Drachen steigen zu lassen. Für Küper ein Beleg dafür, dass die Rahmenbedingungen des Lebens eben nicht in Stein gemeißelt sein müssen.

Der Kultur des Immer-Müssens setzt Küper die Freiheit der Wahl und die damit verbundene Verantwortung entgegen. Wenn man jeden Abend spät von der Arbeit kommt und seine Kinder nicht mehr wach erlebt, oder der Chef Home-Office-Zeiten für nicht machbar hält, dann darf man sich nach seinen Erlebnissen in der Ferne eben nicht einfach nur damit abspeisen lassen, dass „es“ nicht geht. „Wir müssen so wahnsinnig viel arbeiten“, meint Küper, „und gleichzeitig sind wir ein so reiches Land mit so vielen Ressourcen. Aber wir haben einfach keine Zeit.“

Dass die Deutschen ihre eigene Zeit derart kapitalisieren, hält er für ungesund. „Ich habe so viele Freunde und Bekannte, die gerne sehr viel mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen würden, es aber nicht können, weil sie mit zwei Gehältern für die Abzahlung des Eigenheims kämpfen.“

Küper hält die langen Kita- und Schulbetreuungszeiten für ein Konstrukt der Arbeitswelt. „Kinder werden so oft outgesourced.“ Dabei sei es ein unfassbar wertvolles Geschenk, Zeit mit seinen Kindern zu verbringen und sie wachsen zu sehen. So wie Nina, die heute in die fünfte Klasse geht und sich erstaunlich entwickelt hat – auch dank der Reise, bei der sie viel lernte, unter anderem Englisch. Nina hat Küper zu einem Perspektivwechsel verholfen. Er achtet nicht auf vermeintliche Defizite, sondern auf Ressourcen. „Wichtig ist nicht ihre Behinderung. Wichtig sind ihr Humor, ihre Wahnsinnsfantasie und ihre Seelenruhe.“ Durch die Reise hat der Vater seine Kinder noch besser kennen gelernt. „Schon ein Anderthalbjähriger wie damals mein Sohn Simon ist eine kleine komplexe Persönlichkeit, die genauso mit Konflikten, Hoffnungen und Wünschen beschäftigt ist wie wir Großen.“

Und Kinder stellen die richtigen Fragen, hat Küper unterwegs erlebt. „Sie sind kleine Think Tanks, die den ganzen Tag mit Ideen und Fragen rummarschieren. Und wenn man denen mal zuhört, ist das wirklich bereichernd.“ Küper bewundert an Kindern ihre naive, direkte, ehrliche, konsequent politisch unkorrekte Art zu reden und Fragen zu stellen. „Das finde ich toll: Kinder genießen so eine Art Narrenfreiheit. Sie konterkarieren den blöden Ernst, mit dem wir Erwachsene uns manchmal so wichtig nehmen.“

„Eine Million Minuten“ ist im Knaus-Verlag erschienen, hat 256Seiten und kostet 19,99 Euro.

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