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Verein für Gefährdetenhilfe: Eine Insel der Menschlichkeit

Verein für Gefährdetenhilfe : Eine Insel der Menschlichkeit

Behutsam streichelt Christian über die Haare seiner Freundin. "Komm Tanja, wir müssen was essen", fordert er die 23-Jährige auf. Doch Tanja hat ihren Kopf auf den Tisch gelegt und döst immer wieder weg.

"Alkohol und Pillen", erklärt Christian und wird plötzlich wütend. "Mit 19 ist sie in den Knast gekommen und von einem Russen angefixt worden. Wenn ich dem Typen jemals begegne...".

Christian und Tanja verbindet eine ähnliche Vergangenheit. Aus Neugier probierten sie als Jugendliche die ersten Drogen aus. Nach und nach rutschten sie immer tiefer in die Szene hinein. "Heute geht nichts mehr ohne", gesteht Christian. Mit seiner Freundin kommt er fast täglich in das Betreuungszentrum des Vereins für Gefährdetenhilfe (VfG) in der Quantiusstraße.

Dort versucht ein Team von Sozialarbeitern und medizinischem Personal, den Drogenabhängigen zu helfen und ein kleines Stück Menschenwürde zurückzugeben. Trotzdem: Viele Betroffene sterben an ihrer Sucht. In diesem Jahr gab es in Bonn bereits sieben Drogentote, im vergangenen Jahr waren es 16, 2012 starben 20 Betroffene an ihrer Sucht.

Anlässlich des bundesweiten Gedenktages für verstorbene Drogenkonsumenten vor wenigen Tagen erinnerte die Aids Initiative Bonn jedoch daran, dass die Dunkelziffer weitaus höher ist. Denn gezählt würden nur diejenigen, die eindeutig an einer Überdosis starben, nicht jedoch diejenigen, die an Aids oder Hepatitis starben (GA berichtete).

In dem Haus hinter dem Bahnhof bekommen die Drogenkranken nicht nur Kaffee und eine warme Mahlzeit, sondern werden auch bei Behördengängen beraten oder erhalten ambulante Pflege sowie medizinische Hilfe. In einer Kleiderkammer kann sich jeder bedienen, sanitäre Anlagen und Waschräume jederzeit nutzen. "Und wir haben hier einen Drogenkonsumraum", erklärt VfG-Geschäftsführerin Nelly Grunwald.

Im sogenannten Druckraum, dem einzigen in Bonn, haben Abhängige die Möglichkeit, unter Aufsicht und mit sterilem Material Drogen zu konsumieren. Ein Angebot, das viel genutzt wird. "Rund 1000 Mal pro Monat", weiß Ulrike Schretzmann, die mit zwei Kollegen im Drogenkonsumraum arbeitet.

Doch das Thema macht die beiden Frauen auch wütend. "Wir dürfen nur Bonnern den Zutritt zum Druckraum gewähren, auswärtige Besucher müssen wir abweisen", empört sich Grunwald. "Damit vertreiben wir einen Teil der Abhängigen wieder in die Büsche und Hinterhöfe."

Ginge es nach den beiden Sozialarbeiterinnen, dann würde diese Regelung sofort abgeschafft. "Wenn jemand aus der Umgebung nach Bonn kommt und sich hier etwas besorgt, dann konsumiert er die Droge auch sofort". Alkohol, Heroin und Kokain werden am meisten konsumiert. Auf dem Vormarsch seien derzeit Aufputschmittel.

"Und ein Mischkonsum aus verschiedenen Stoffen", sagt Schretzmann. Zudem sei in Bonn derzeit stark verunreinigtes Kokain im Handel. Ein großes Problem sei auch die Alkoholabhängigkeit. "Nur weil man die Szene aus dem Bonner Loch vertrieben hat, ist das Problem nicht gelöst", sagt Grunwald. Ginge es nach ihr, würde nicht der Konsum, sondern vor allem der Verkauf von billigem Bier im Bonner Loch verboten. "Es macht mich wütend, wenn ich sehe, wie Geschäfte mit der Krankheit unserer Klienten gemacht werden."

Mittlerweile habe sich die Szene aus dem Bonner Loch nicht nur in Richtung Busbahnhof verlagert, sondern auch in die Thomas-Mann-Straße, die Weiher- und Kölnstraße. Nach Einschätzung der Bonner Polizei besteht die Bonner Drogenszene aktuell aus weit mehr als 1000, überwiegend opiatabhängigen Menschen.

Im Jahr 2013 verzeichnete die Behörde im Bereich "Allgemeine Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz" 1007 Delikte, im Jahr davor waren es 959, und im Bereich des illegalen Handels und Schmuggels von Betäubungsmitteln 170 Delikte (2012: 199). Bei etwa der Hälfte ging es um Cannabisprodukte, die Droge "Crystal Meth" spiele in der Region bislang keine Rolle.

Die bestehenden Hilfsangebote haben nach Einschätzung von Kripo-Chefin Gerlinde Hewer-Brösch eine große Anziehungskraft weit über die Stadtgrenzen hinaus. Sie legt ebenfalls Wert darauf, dass den Süchtigen geholfen werden muss. Deshalb arbeite die Behörde eng mit den Beratungsstellen zusammen.

Die Beschaffungskriminalität sei allerdings ein Problem. Vor allem durch Autoaufbrüche würde der Drogenkauf finanziert. Seit einigen Jahren geht die Polizei nach einem Intensivtäter-Modell vor. "Das heißt, wir schauen uns die Entwicklung bestimmter Täter genau an, nehmen Gefährderansprachen vor und bearbeiten alle betreffenden Vorgänge zentral, die diese Täter betreffen", erläutert die Leitende Kriminaldirektorin.

Hepatitis, Aids, Überdosis - das Thema Tod ist bei den Mitarbeitern der VfG allgegenwärtig. Erst vergangene Woche wurde ein "alter Bekannter" des Betreuungszentrums beerdigt. "Es war für mich einfach berührend zu sehen, wie viele unserer Klienten gekommen waren. Bei allem Elend und Leid pflegen die Betroffenen untereinander einen sehr engen und fürsorglichen Kontakt", erzählt Ulrike Schretzmann.

75.000 Spritzen und 148.431 Kanülen

Im Jahr 2013 wurden beim VfG, neben der Spritzenvergabe im Drogenkonsumraum, rund 75 000 Spritzen sowie 148 431 Kanülen getauscht. Insgesamt nahmen 229 Personen, darunter 185 Männer und 44 Frauen, das Angebot an. Gleichzeitig wurden 27 Abhängige in eine Entgiftung vermittelt, 70 wurden in ein Substitutionsprogramm aufgenommen. Mit Hilfe von Sozialarbeitern wurden 16 Personen in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe untergebracht, zwei zogen in eigene Wohnungen.