75 Stationen: Eine Fahrt durch die Stadt mit Bonns längster Buslinie

75 Stationen : Eine Fahrt durch die Stadt mit Bonns längster Buslinie

Bonn hat viele Busstrecken. Doch diese ist besonders lang: Auf einer Fahrt mit Bonns längster Buslinie lernt der Fahrgast die vielen Gesichter der Stadt kennen.

Durchatmen am Bahnhof Duisdorf: Gut 30 Schüler schieben sich berucksackt durch die geöffneten Bustüren; einige drängeln, andere verabschieden sich wortreich von ihren Mitschülern. Ja, bis morgen früh - dann bringt sie der Bus 630 in umgekehrter Richtung über Meßdorf und Dransdorf an die Grund- , Gesamtschulen und Gymnasien in Tannenbusch.

Dort hatte die Fahrt an diesem Dienstagnachmittag begonnen. Genau 27 Minuten ist das her. Von der Starthaltestelle Agnetendorfer Straße wand sich der Bus durch Buschdorf mit seinen Ein- und kleineren Mehrfamilienhäusern über Tannenbusch-Mitte mit seinen hochaufragenden Wohnblocks.

Eine Horde Halbwüchsiger stürmt den Bus

Eine Haltestelle davor, am Posener Weg, stürmt plötzlich eine Horde Halbwüchsiger den bis dahin nur spärlich besetzten Bus. Eng bejeanste Mädchenkörper mit freien Bäuchen schwingen sich auf Schöße pubertierender Jungs, um zum Sitzen zu kommen. Wo kein Platz mehr ist, müssen waagerecht angebrachte Haltestangen als Sitzgelegenheit herhalten. Der Geräuschpegel steigt von 0 auf gefühlt 95; die letzten fünf Prozent machen dumpfe Bassschläge voll, die aus Kopfhörern dringen.

Das ist die Strecke der Buslinie 630. Foto: Benjamin Westhoff

Mit 75 Stationen auf knapp 30 Kilometern und 94 Minuten Fahrzeit ist die 630 in der Rushhour vormittags und nachmittags die längste Buslinie Bonns. Fahrten starten und enden in der Agnetendorfer Straße in Tannenbusch und der Fritz-Erler-Straße im Regierungsviertel.

Fahrgastzahlen, sagt Michael Henseler, Sprecher der Stadtwerke Bonn, erhebe das Unternehmen nicht. Doch Mirco Mercurio, der die Strecke als Busfahrer jahrelang bediente, weiß um ihre Beliebtheit: "Die 630 ist die am liebsten genutzte Linie der Bonner, weil sie die Hauptlinien umfährt und Straßen abseits bedient", sagt der 37-Jährige. Was dabei sichtbar wird, sind nicht nur Wohngegenden zwischen Hochhaussiedlung und Einfamilienhausidylle sowie die Menschen, die sich hinter den Häuserfassaden verbergen, sondern auch das soziale Gefälle zwischen den Stadtteilen.

In der Schlesienstraße in Tannenbusch, Haltestelle Haus des Karnevals (das Rheinland lässt grüßen), steigt eine junge Mutter mit Handy am Ohr dazu und teilt die Schülerherde mit ihrem Kinderwagen. Der Nachwuchs knabbert an einer Reiswaffel, die einen süßlich-muffigen Geruch unter die Fahrgäste bringt. Eine Frau mit Kopftuch schiebt sich an dem Kind vorbei, ergattert einen Platz vorne beim Fahrer. Dort sitzt schon eine andere Dame, dem äußeren Anschein nach ebenfalls ausländischer Herkunft. Zwischen den Frauen entspinnt sich ein Gespräch; "einen schönen Tag noch", wünscht die eine, als die andere den Bus verlässt.

Abwechslungsreiche Landschaften ziehen vorbei

"Was machst du da?" Nina - "einfach Nina" -, 21 Jahre, hat neben der Reporterin Platz genommen, möchte wissen, was diese da aufschreibt. Der Bahnhof Duisdorf und die Schülerschar liegen hinter uns, auch das Ortsausgangsschild Bonn. Der Busfahrer steuert auf der zweispurigen Rochusstraße, dann auf dem Konrad-Adenauer-Damm auf das Hardtbergbad zu. "Schade, dass heute kein Badewetter ist", sagt Nina. Im Sommer, wenn es ihre Arbeitszeiten zuließen, lege sie hier nach Feierabend gerne einen Badestopp ein. Am Universitätsklinikum Bonn arbeite sie als Gesundheits- und Krankenpflegerin. "Die Busfahrt nutze ich, um mit meinem Freund zu telefonieren, wenn ich Nachtschicht habe, sehen wir uns ja nicht", erklärt sie.

Draußen hat die Landschaft gewechselt: Einfamilienhäuser und Fußgängerzonen auf dem Brüser Berg weichen saftig grünen Feldern, die sich in sanften Hügeln in Richtung Ippendorf erheben. Drinnen herrscht jetzt Ruhe. Sitznachbarin Nina tippt auf ihrem Handy herum; die übrigen zehn Fahrgäste starren ebenfalls auf ihre Bildschirme oder nach draußen. So auch Mona: Die Schäferhündin ist samt Herrchen an der Haltestelle Röttgen Abzweig dazugestiegen. Jetzt stellt sie ihre Vorderpfoten auf Herrchens Schoß, um einen Blick auf die vorbeiziehende Landschaft zu erhaschen. "Mach fein Sitz, Mona", ermahnt der junge Mann sein Tier. Da ist die Tour für Mona schon wieder vorbei: An der Haltestelle Katzenloch darf sie sich die Beine vertreten.

Hinter hohen Hecken erheben sich auf dem Venusberg imposante Villen; eine ältere Dame, hübsch zurechtgemacht, steigt dazu, setzt sich auf den Platz hinter dem Fahrer. Der Bus passiert die Hauptpforte des Uniklinikums, windet sich entlang moderner Klinikbauten und Verwaltungsgebäude. An den Haltestellen Uniklinikum Süd, Nord und Kiefernweg sammelt die 630 nacheinander neun Frauen ein. Studentinnen oder junge Ärztinnen offensichtlich.

Kennt die Strecke der Buslinie 630 aus dem Effeff: Busfahrer Mirco Mercurio. Foto: Benjamin Westhoff

Sie wohne in Dottendorf, Nahe der Haltestelle Quirinusplatz, erzählt Julia. Die 27-Jährige mache zurzeit ihr Praktisches Jahr in der Chirurgie. "Die Anbindung ist in Ordnung, morgens und nachmittags und am frühen Abend fährt die 630 jede halbe Stunde", sagt sie. Häufig würden ihr die Zeiten nicht passen; "dann muss ich von der Straßenbahn in den Bus umsteigen und brauche dann deutlich länger", sagt sie.

Über Kessenich und Dottendorf, wo sich Julia und mit ihr fünf weitere Fahrgäste vom Busfahrer verabschieden, steuert die 630 Gronau an. Vor dem Bahnübergang kommt der Bus zum Stehen. "Da wartet man schon mal 15 Minuten, das ist ein echtes Problem", hatte Mirco Mercurio vor Fahrtantritt gewarnt. Im Berufsverkehr und eben durch diesen Bahnübergang sei die Linie häufig verspätet, sagt der Busfahrer. Nicht ganz so viel Geduld brauchen die zwei Fahrgäste, die sich an diesem Nachmittag noch im Bus befinden. Nach gut fünf Minuten öffnen sich die Schranken. Über den Bahnhof UN-Campus, Heussallee und Deutsche Welle erreicht der Bus mit dem Post Tower das wirtschaftliche Herz Bonns.

Nur noch wenige Meter sind es bis zur Endhaltestelle Fritz-Erler-Straße. An den Bushaltestellen auf der gegenüberliegenden Straßenseite warten Anzugmenschen auf das Beförderungsmittel, das sie nach Hause bringe soll. Wo er hinmüsse, fragt die Reporterin einen jungen Mann mit Krawatte. Nach Tannenbusch, antwortet der. Für eine anderthalbstündige Busfahrt habe er keine Zeit: Er warte auf den Bus, der ihn zur Straßenbahn bringt.