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Schließung J.F. Carthaus: Ein Stück Einkaufskultur geht verloren

Schließung J.F. Carthaus : Ein Stück Einkaufskultur geht verloren

Der Kunde wirkt ehrlich betroffen. Er bedaure die Schließung des Schreibwarengeschäfts J.F. Carthaus, sagt er zu Mitarbeiterin Renate Lehmann. "Das war auch immer ein bisschen Kultur beim Einkauf."

Nicht alle Käufer sind so mitfühlend, stellt Fachgeschäftsleiter Lorenz Schneider, der seit 27 Jahren dort arbeitet, fest. "Es sind schon Kunden ins Geschäft gekommen und haben nach dem Räumungsverkauf gefragt."

In solchen Situationen müssen er und seine Kollegen die Fassung wahren, freundlich und professionell bleiben. Man habe mit solchen Fragen schon gerechnet, sagt Luisa Grosu. "Aber es tut trotzdem weh. Da fragt keiner, wie es uns eigentlich geht." So richtig hätten das die meisten Mitarbeiter noch nicht realisiert, so die 30-Jährige: Ende Juni werden die Filialen in Bonn und Siegen schließen, mehr als 50 Carthaus-Mitarbeiter stehen auf der Straße.

"Als ich das gehört habe, war ich natürlich enttäuscht", sagt Grosu, die vor zehn Jahren mit einem Praktikum bei Carthaus angefangen und danach ihre Ausbildung dort gemacht hat. Mit dieser Entwicklung habe sie nicht gerechnet. "Ende des Jahres sah es für uns richtig gut aus." Das Weihnachtsgeschäft sei ganz gut gelaufen.

Lehmann ist 24, ein Alter, in dem sie sich noch Chancen auf einen neuen Job ausrechnen kann. Sie denke eher an die anderen, die teils schon seit 40 Jahren im Fachgeschäft arbeiten. "Da will man ja nicht Dosen verkaufen im Supermarkt." Sie ist seit 2007 dabei, hat dort schon mit 14 Jahren ein Praktikum gemacht. Das sei schon eine kleine Familie dort, sagt sie. "Es ist schwer zu sehen, wie ratlos alle sind." Auch sie fühlt sich nicht gut. "Als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen."

Und sie ist wütend, "auf die ganzen Investitionen, auf alles, was entschieden worden ist". Das seien Gelder, die jetzt fehlen. "Im Nachhinein denke ich mir: Musste das sein?" Ein konkretes Beispiel möchte sie nicht nennen. "Vielleicht waren das schon Zeichen, dass es nicht so gut läuft."

Da war zum Beispiel der große Umbau vor einigen Jahren. Als Anzeichen dafür, dass es dem Geschäft schlecht gehe, könne der aber nicht gewertet werden, sagt Carthaus-Geschäftsführer Dirk-Olaf Stroessel. Im Einzelhandel seien Veränderungen alle sechs bis sieben Jahre normal. Was nach der Schließung aus dem Gebäude wird, das den Gesellschaftern gehört, kann er so kurz nach deren Entscheidung noch nicht sagen. Man sieht ihm an, dass er an der Situation zu knabbern hat.

Stroessel musste den Mitarbeitern die schlechte Nachricht überbringen. Filialleiter Schneider bedauert die vielen hämischen Statements zur Schließung im Internet. "Ich bin stolz darauf, dass meine Leute wieder zur Arbeit gekommen sind, nachdem sie das erfahren haben." Für ihn ist die Online-Konkurrenz der Hauptgrund für die Schließung. "Ich musste feststellen, dass die Leute sich im Fachgeschäft beraten lassen und dann im Internet billig einkaufen." Auch er werde sich jetzt nach einem anderen Job umsehen müssen. "Man fängt ja wieder bei Null an", sagt Filialleiter Schneider.

"Es wird eine große Lücke schlagen", meint Karina Kröber von City-Marketing Bonn. Und zwar sowohl in die Riege der Traditionsunternehmen als auch ins Schreibwaren-Angebot. "Dort gab es noch viel Persönlichkeit."

Hans Maskewicz fühlt sich bei Carthaus immer hervorragend beraten. "Seit mehr als 50 Jahren komme ich hier hin." Er bedauert die Schließung. "Das tut Bonn auch nicht gut." Gabriele Albrecht würde sich Schreibwaren nicht online bestellen. "Man muss die Füller ja mal ausprobieren." Sie ist skeptisch, was das Argument der Internet-Konkurrenz angeht: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das der Grund ist."

Reaktionen

Auf unseren Bericht haben viele Leser im Internet reagiert :

"Sehr schade! Jetzt fällt mir keine Alternative für besondere Karten, Geschenkpapier oder Schulbedarf mehr ein." Yasmine Brechner

"Unfassbar traurig!!!! Nur noch Einheitsbrei in den Städten."

Britta Zumbeck

"Aber auch da wieder....wer im Internet kauft, muss sich nicht wundern, wenn Geschäfte zumachen...die können schon aufgrund der Mieten und Personalkosten nicht diesen Preiskampf mitmachen." Nats Cuschie

"Erst das Metropol, dann Bouvier, jetzt J.F. ... Was ist nur los mit Bonn?"

Marius Tilz

" Ja, von Puppenkönig abgesehen, fällt mir spontan jetzt irgendwie langsam kein Traditionsgeschäft ein, das ich noch aus meiner Kindheit kenne und das immer noch existiert. Das ist wirklich traurig. Überall nur noch Einheitsbrei." Judith Dahmen

"Sehr schade, hat definitiv die beste Auswahl für Schreibwaren."

Litta Beber

"Hurra, Platz für einen neuen Handy- Laden!" Sascha Juchem

"Neben den Schreibwaren gab es erst seit kurzem dort den Baskets-Fanartikelverkauf. Auch dies ist dann vorbei, und es muss ein neuer Standort dafür gefunden werden. Frank Schley

"Der nächste... erst Haribo, dann Herold jetzt Carthaus... Bonn stirbt."

Josef R. Klein

"Mir tun die Mitarbeiter wirklich sehr leid, und ich hoffe, dass Carthaus doch noch eine Möglichkeit sieht, sein legendäres Haus forzuführen."

Laura Hemmer

"Das ist wirklich traurig. War immer gerne dort...." Ursula Bergfried