Musik in der Natur: Ehepaar lebt im Joseph-Woelfl-Haus in Lessenich

Musik in der Natur : Ehepaar lebt im Joseph-Woelfl-Haus in Lessenich

Das Musikerehepaar Dechant lebt und arbeitet im Joseph-Woelfl-Haus in Lessenich. Dort haben sie als Konzertveranstalter bereits einiges erreicht.

Hier stimmt die Atmosphäre. Das schoss Margit Haider-Dechant sofort durch den Kopf, als sie das Grundstück in der Meßdorfer Straße 177 erblickte. Heute ist hier das Joseph-Woelfl-Haus untergebracht, das Leben und Werk des Wiener Komponisten Joseph Woelfl (1773-1812) erforscht und einem breiteren Publikum vermitteln soll.

„Ich habe nur den Hof und den verwilderten Garten gesehen, und noch bevor ich das Haus betreten habe, sagte ich zu meinem Mann: Das nehmen wir“, erinnert sich die Musikwissenschaftlerin. Das war 2009, als das Ehepaar Bonn zu seiner neuen Heimat auserkoren hatte.

Im September 2016 wurde das Woelfl-Haus dann eröffnet. Ein echter Glücksgriff, wie sich herausstellte. „Wir wussten überhaupt nichts; weder über die Nachbarn noch über die Gegend.“ Der Umzug von Wien nach Bonn gestaltete sich als Entdeckungsreise für das Wiener Musikerpaar, das sich keinen passenderen Ort zum Leben und Arbeiten mehr vorstellen kann.

Überhaupt sei nur Bonn infrage gekommen. „Beethoven ging von Bonn nach Wien, und wir kamen eben von Wien nach Bonn.“ Über Beethoven hätten sie schließlich ihre Liebe zur klassischen Musik entdeckt. Auch alle wichtigen Wirkungssstätten Woelfls wie Paris und London seien schnell erreicht. An den Stadtteil hätten sie jedoch damals keinen einzigen Gedanken verschwendet.

Umso größer war die Überraschung. Wie glücklich sie die wohlwollende und verständnisvolle Nachbarschaft in Lessenich mache, betonen sie mehrmals. Die Pianistin möchte den Nachbarshund Lilli und die Kinder um sie herum, die Instrumente spielen, nicht mehr missen. Auch in der Kirche Sankt Laurentius sind sie längst feste Chor- und Gemeindemitglieder.

„Wir wurden hier wunderbar empfangen. Die Menschen kommen zu uns und freuen sich, dass sie ein Kulturangebot direkt in der Nähe haben“, sagt Hermann Dechant.

Zehn Hofkonzerte veranstaltet das Joseph-Woelfl-Haus jährlich: Bisher waren sie immer ausverkauft. Die Besucher lauschen der Musik im Hof oder im Woelf-Saal, der 70 Menschen Platz bietet. Bei den Hofkonzerten können Musikliebhaber den klassischen Klänge auch bei einem Gartenspaziergang oder auf der Terrasse mit Blick auf Tannen und Beerenbeete genießen.

Musik in der Natur: eine Alternative zum konventionellen klassischen Konzert in der Kölner Philharmonie oder der Bonner Oper, findet der ehemalige Dirigent Hermann Dechant.

Das ländliche Flair, an den Pforten der Stadt, ist auch für das Ehepaar ein echter Segen. Das sei wie Urlaub zu Hause, denn vor lauter Arbeit bleibe den beiden kaum Freizeit. Das Joseph-Woelfl-Haus ist Wohnhaus und Forschungszentrum zugleich. Der Verein zählt inzwischen rund 130 Mitglieder, darunter Musikwissenschaftler und Klassik-Liebhaber, Tendenz steigend.

Die Musikwissenschaftlerin sammelt seit 17 Jahren in den wichtigsten öffentlichen Bibliotheken in Europa Informationen zum Werk und zur Biografie Woelfls. Das Verzeichnis, das die Wienerin herausgibt, führt inzwischen rund 630 Werke auf. Der nächste Schritt ist, Werke Woelfls in privaten Bibliotheken zu finden.

„Wir haben große wissenschaftliche Ambitionen, das Gesamtwerk wird über 70 Bände umfassen“, sagt Haider-Dechant. Nächstes Jahr richtet das Ehepaar außerdem gemeinsam mit der Internationalen Joseph-Woelfl-Gesellschaft ein zweijährlich stattfindendes Symposium in Bonn mit einem Eröffnungskonzert im Beethovenhaus aus.

Eine Herzensangelegenheit für das Ehepaar ist die Jugend. Hermann Dechant leitete etwa 20 Jahre lang das Bundesjugendorchester in Deutschland. Seine Frau lehrte an der Musikhochschule Linz. „Neben der wissenschaftliche Aufarbeitung wollen wir talentierte junge Musiker herausbringen“, erklärt die frühere Dozentin. Im Herbst bieten sie einem Klaviertrio, den diesjährigen Preisträgern von Jugend musiziert, im Woelfl-Haus ihre Bühne.

Und Woelfl? „Er wird viel zu wenig wahrgenommen. Zu Lebzeiten wurde er von 120 Verlegern verlegt, mehr noch als Haydn und Beethoven.“ Der Wiener Komponist sei nicht so populär wie seine Kollegen Mozart und Beethoven, weil er sich nicht als Nationalkomponist profiliert habe, erläutert die Pianistin. Er wirkte in fünf Ländern und sprach sechs Sprachen: „Er war der erste europäische Komponist.“

Wien und Österreich seien an Klassik übersättigt. Bonn sei daher der richtige Ort für ihr Lebenswerk. Das Publikum wird Woelfl in Lessenich wohl bald immer besser kennenlernen: Auf dem Dachboden des Hauses soll ein Ausstellungsraum entstehen, und auch ein hauseigener Musikverlag soll weiter wachsen. „Wir möchten hier nicht mehr weg“, sagt Haider-Dechant.

Weitere Informationen unter www.josephwoelfl.org.

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