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Bonner Verein für Pflege- und Gesundheitsberufe: Diskussion über Krisensymptome in den Seniorenheimen

Bonner Verein für Pflege- und Gesundheitsberufe : Diskussion über Krisensymptome in den Seniorenheimen

Nein, sagt die Altenpflegerin entnervt, für die weinende Heimbewohnerin hat sie jetzt nicht mehr Zeit als eingeplant. "Ich muss ja noch schnell die Dokumentation machen." Ruckzuck erledigt die Pflegerin das morgendliche Waschen. Und auch die Angehörigen eines alten Herrn drängen sie: "Wir zahlen viel Geld", bekommt die gestresste Pflegerin zu hören.

Den Zuschauern im Haus des Bonner Vereins für Pflege- und Gesundheitsberufe bleibt das Lachen über diese leicht überzogene Spielszene im Halse stecken. "Ich habe mehr als 100 Überstunden gemacht. Wir haben einfach zu wenig Personal. Darüber müssen Sie sich mal bei Ihren Parteien beschweren", sagt die Altenpflegerin.

Bevor sie in dieser Informationsveranstaltung zum Thema "Altenpflege für die Zukunft gestalten" den Stab an GA-Redakteurin Sylvia Binner weiterreicht, die die anschließende Diskussion moderiert.

Auf dem Podium sitzen Vertreter aller Parteien. Ist die Altenpflege in der Krise? Wie sichern wir den Fachkräftebedarf? Wie geht es den Beschäftigten in der Pflege? Das sind die Fragen, die Organisatorin Edith Kühnle vom Bonner Verein für Pflege- und Gesundheitsberufe an die Politiker stellen lassen will. Und die ihr Kurs für künftige Wohnbereichs- und Pflegedienstleiter eben in der Spielszene und danach in Form von Fragenpaketen auf den Punkt gebracht hat.

Die Politiker sind natürlich ob der heftigen Szene sichtbar berührt. "Das war sehr krass, aber wohl leider fast der Realität entsprechend", sagt die grüne Bundestagsabgeordnete Katja Dörner. Das Thema müsse den Bundestag viel mehr beschäftigen, folgert sie, und erntet zustimmendes Raunen aus den Reihen der Pflegedienstleistenden im Publikum. Es müsse eine neue Gesundheitspolitik her, fordert Linken-Politiker Daniel Heinrichs.

Da tun sich die Vertreter der Regierungskoalition natürlich im Wahlkampf ungleich schwerer. Man sei schon auf dem richtigen Wege, müsse aber noch nachbessern, meint Gabriele Molitor, die für die FDP im Gesundheitsausschuss sitzt: etwa die Bürokratie im Pflegealltag verringern oder möglichst viele qualifizierte Zuwanderer anwerben.

"Die Pflegeversicherung muss erhalten bleiben. Aber jeder muss auch selbst in seine Altersvorsorge investieren", stimmt CDU-Bundestagskandidatin Claudia Lücking-Michel zu. An Schwachpunkten müsse es auch strukturelle Änderungen geben. "Aber wir brauchen vor allem mehr Ehrenamtliche in der Altenpflege", sagt die CDU-Politikerin.

Moderatorin Binner hakt nach. Und kann den SPD-Bundestagsabgeordneten Ulrich Kelber dafür gewinnen, nicht nur warme Worte, sondern auch Zahlen auf den Tisch zu legen. Der Personalschlüssel müsse erhöht werden. Ebenso wie die Zuschüsse für einen altersgerechten Umbau von Wohnungen, damit Senioren zu Hause bleiben könnten.

"Dafür müssen wir erheblich mehr Geld in die Hand nehmen. Wir schlagen einen halben Prozentpunkt mehr vom Haushalt vor, nachdem wir das Betreuungsgeld wieder gestrichen haben", meint Kelber. In zehn Jahren würden aber 150.000 Fachkräfte fehlen. Deshalb müsse man die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern, schließt sich Grünen-Politikerin Dörner an.