Bonner Reaktionen auf Scheuer: Diese Verkehrsregeln schlagen Experten für Bonn vor

Bonner Reaktionen auf Scheuer : Diese Verkehrsregeln schlagen Experten für Bonn vor

Minister Andreas Scheuer bekommt für seine Pläne zur Verkehrssicherheit Lob und Kritik. Die Bonner Polizei sieht eine Gefährdung durch Falschparker. Der ADFC und ADAC begrüßen den Vorstoß grundsätzlich, in Detailfragen gibt es aber Differenzen.

Mehrere Lieferwagen parken am Straßenrand auf dem Schutzstreifen für Radfahrer. Dazwischen rollt ein Taxi von seinem Parkplatz auf die Straße. Ein Linienbus will nach rechts in die Kölnstraße abbiegen und drängt daher auf die rechte Fahrbahn. Kurz: Wer mit dem Fahrrad am Bonner Bertha-von-Suttner-Platz unterwegs ist, der braucht vor allem im Berufsverkehr starke Nerven.

Nicht nur hier kommen Radfahrer im Straßenverkehr in Bonn häufig zu Schaden. Nach der amtlichen Polizeistatistik waren es im vergangenen Jahr 560 Menschen, 13 mehr als im Vorjahr. Drei Fußgänger und ein Radfahrer kamen ums Leben. Zuletzt wurde Anfang Juni eine 25-Jährige auf der Bornheimer Straße von einem rechts abbiegenden Lastwagen erfasst und tödlich verletzt. Die Zahl nicht registrierter Beinahe-Unfälle dürfte um ein Mehrfaches höher liegen.

„Wir würden uns deshalb sehr freuen, wenn der Bundesverkehrsminister mit seinen Plänen zur Verschärfung der Straßenverkehrsordnung Erfolg hat“, sagt Werner Böttcher, der verkehrspolitische Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Bonn/Rhein-Sieg. Er ist damit nicht allein: Selbst der ADAC Nordrhein begrüßt grundsätzlich die geplante Anpassung der Straßenverkehrsordnung an die Bedürfnisse der Radfahrer. Pressesprecher Thomas Müther in Köln sagt: „Der jüngste Anstieg der Unfallzahlen bei Radfahrenden zeigt, dass mehr für ihre Sicherheit getan werden muss“.

In Detailfragen herrscht hingegen weniger Einigkeit. „Parkende Autos auf Schutzstreifen oder Radwegen sind ein Riesenproblem“, findet Fahrrad-Lobbyist Böttcher. Das Ordnungsamt sehe über vieles hinweg mit Verweis auf eine Grauzone zwischen Anhalten und Parken. Die liegt derzeit bei drei Minuten auf Schutzstreifen mit unterbrochener Linie. „Wer sein Auto verlässt und weiter als 20 Meter läuft, der parkt“, findet Böttcher. Er stelle sein Rad auch nicht auf die Fahrbahn mit einem Schild dran: „Bin beim Bäcker“.

Überholverbot von Radfahrern

Auch die Bonner Polizei sieht hierin ein Problem. „Wenn Fahrradfahrer an haltenden oder gar verbotswidrig auf dem Radfahrschutzstreifen parkenden Fahrzeugen links vorbei fahren müssen, kommt es beim Einfädeln immer wieder zu gefährlichen Situationen mit parallel fahrenden Pkw“, erläutert Pressesprecher Michael Beyer die Erfahrungen des Verkehrsdezernats.

Böttcher hebt allerdings hervor, einige Fahrer von Deutsche Post/DHL würden immerhin konsequent auf der Straße links des Schutzstreifens stehen. „Dann kommen Sie mit dem Rad immerhin rechts vorbei“, lobt er. Beim ADAC hält man ein künftiges Bußgeld von 100 Euro für Radweg-Parker für unangemessen hoch. „Die Höhe muss verhältnismäßig sein“, sagt Müthe. Schließlich werde beispielsweise Parken auf einem Schwerbehindertenparkplatz nur mit 35 Euro geahndet, Parken in einer Feuerwehrzufahrt mit 65 Euro. Strafen sollten sich an der tatsächlichen Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer orientieren. Grundsätzlich seien zudem mehr Kontrollen des Ordnungsamtes nötig. Außerdem fordert sogar der Auto-Club bessere Informationen über verfügbaren Parkraum „und bessere Alternativangebote zum Auto, also ausreichend Park-and-Ride-Anlagen, einen attraktiven ÖPNV und eine gute Radinfrastruktur“.

Ein heißes Eisen ist das Überholverbot von Radfahrern bei weniger als 1,5 Metern Seitenabstand. Dies solle „auf Gefahrenstellen beschränkt bleiben“, fordert Müthe. Der ADFC sieht das anders: „Hier brauchen wir endlich eine einheitliche, verbindliche Regel“, wünscht sich Böttcher. Auch die Polizei wirbt dafür seit Frühjahr vergangenen Jahres mit entsprechenden Aufklebern des ADFC am Heck von 85 ihrer Dienstfahrzeuge. Böttcher glaubt, auf den meisten Bonner Straßen bedeute die 1,5-Meter-Regel faktisch ein Überholverbot. „Das wird nur noch dann möglich sein, wenn es keinen Verkehr auf der Gegenfahrbahn gibt“, vermutet er.

In den Niederlanden sei das längst gängige Praxis und berge kein Konfliktpotenzial. Für die Altstadt wünscht sich Böttcher mit den geplanten Möglichkeiten eine durchgehende Fahrradzone. „Dort muss der Autofahrer immer hinter dem Radler bleiben.“ Grundsätzlich setzen beide Verbandsvertreter auf mehr Rücksicht im Verkehr. ADAC-Sprecher Müthe betont: „Sich an die Verkehrsregeln zu halten und vorausschauend und defensiv zu fahren, ist nicht uncool – im Gegenteil!“

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