Flüchtlinge aus Syrien: Die Todesfalle Meer überlebt und in Endenich gestrandet

Flüchtlinge aus Syrien : Die Todesfalle Meer überlebt und in Endenich gestrandet

Ali Aycha und seine Familie flüchteten vor einem Jahr aus Angst um ihr Leben aus ihrer syrischen Heimat. Sie leben heute in Endenich.

Nachts, wenn es im Haus endlich still ist, werden bei Ali Aycha die Erinnerungen wach. Es sind Erinnerungen an die Flucht aus seiner Heimatstadt Afrin in Syrien vor mehr als einem Jahr, die ihn nicht mehr schlafen lassen. "Oft ist es dann erst zwei Uhr morgens, ich stehe auf und schaue lange aus dem Fenster", sagt der 57-Jährige. Mit seiner Frau, einer Schwester und zwei seiner fünf Kinder lebt er seit Mai im Paulusheim, einem ehemaligen Seniorenpflegeheim in Endenich, das die Stadt Bonn als vorübergehende Flüchtlingsunterkunft gemietet hat.

Der schmächtig wirkende Mann redet langsam und bedächtig. Er spricht gut Deutsch. "Das habe ich in meiner Heimat gelernt", sagt er sichtlich stolz. Sein Bruder, der seit Jahren in Deutschland lebt, habe ihn oft mit deutschen Freunden besucht. Und weil er sich sehr gerne unterhält, wollte er, der nie eine Schule besucht hat und lange nicht lesen und schreiben konnte, unbedingt ihre Sprache sprechen.

Im Heim, in dem 120 Flüchtlinge aus aller Welt, darunter viele Arabisch sprechende Menschen wohnen, ist er deshalb ein gefragter Mann. Oft bittet ihn der städtische Sozialdienst um Hilfe, wenn es ums Übersetzen geht. Die Tochter (17) und der jüngste Sohn (12) sprechen inzwischen auch sehr gut Deutsch. Sie gehen tagsüber in die Schule. Zwei weitere Söhne wohnen ebenfalls in Bonn, einer von ihnen war bereits vor längerer Zeit aus Syrien geflüchtet. Lediglich der älteste Sohn (27) wartet mit Frau und zwei kleinen Kindern noch in der Türkei darauf, nach Deutschland ausreisen zu dürfen. "Das Problem ist: Sie haben keine Pässe", sagt Aycha. Jetzt kämpft er mit den Tränen.

In Griechenland endete die Reise fast

Er habe auf seiner Flucht beinahe sein Leben verloren, erzählt er. Doch es waren keine IS-Terroristen, die ihn verfolgten. Er hatte seine Heimat rechtzeitig verlassen können und war von der Türkei mit einem Schiff nach Griechenland unterwegs, als er dort mit 50 weiteren Flüchtlingen von Polizisten aufgegriffen wurde, erzählt er. Das Schiff drehte um und stoppte auf dem Meer, als es wieder türkisches Hoheitsgebiet erreicht hatte. "Man setzte mich mit den anderen Flüchtlingen in die Rettungsboote", sagt er, "dann überließ man uns unserem Schicksal." In dem Moment habe er mit seinem Leben abgeschlossen. Doch eine Frau habe ein Handy dabei gehabt und Kontakt mit den türkischen Behörden aufnehmen können. So seien sie am Ende gerettet worden.

Die Geschichte klingt unglaublich. Doch Aycha versichert, ja, das sei sein dramatischster Versuch gewesen, nach Griechenland zu gelangen, wo bereits die Familie mit Hilfe von Schleppern angekommen war und auf ihn wartete. "Dafür habe ich 2000 Dollar pro Person gezahlt", sagt Aycha. Woher hatte er soviel Geld? "Wir hatten gespart. Außerdem habe ich mein Grundstück und mein Ladengeschäft in Afrin verkauft", erklärt er.

Die Entscheidung zu fliehen und damit fast alles zu verlieren, was er und seine Familie sich erarbeitet hatten, fasste er im Sommer 2013. Als jesidischer Kurde (siehe Infokasten) fühlte er sich zu Hause nicht mehr sicher. Die Angst wuchs, dass ihm und seinen Angehörigen eines Tages Schlimmes widerfahren könnte. "Wir hörten immer wieder von Mitgliedern unserer Glaubensgemeinschaft, die plötzlich verschwunden waren."

Mit einem gefälschten Pass über das Meer

Mit wenigen Habseligkeiten machte er sich mit der Familie zu Fuß auf den Weg zum nahen türkischen Grenzgebiet, das sie unbehelligt durch einen Wald erreichten. Wie richtig diese Entscheidung war, führen ihm die aktuellen Nachrichten über die brutale Ermordung seiner Glaubensgeschwister durch den IS jedes Mal aufs Neue vor Augen. Sie machen ihn schier fassungslos. "Aber was können wir tun?"

Viermal scheiterten anschließend seine Fluchtversuche von der Türkei übers Meer nach Griechenland. Jedes Mal kam er in der Türkei für kurze Zeit in Haft. Erst als er mit Hilfe eines Bekannten an einen gefälschten Pass kam, gelang die Schiffspassage. Unproblematisch war für ihn der von Schleppern organisierte Flug von Saloniki nach Düsseldorf.

Für den 57-Jährigen hat sich nach der Flucht bisher alles glücklich gefügt. Hoffnung, einmal nach Syrien zurückkehren zu können, hat er angesichts der dramatischen Entwicklung in dem Land kaum. "Deutschland ist für mich meine zweite Heimat geworden", sagt er mit fester Stimme. Er sei froh, dass seine Kinder eine Schule besuchen oder in der Ausbildung sind. Schon lange sucht er eine Wohnung für die Familie, die sich im Heim zu fünft zwei Zimmer teilt.

Seine Sorgenfalten auf der Stirn werden noch tiefer, wenn er hört, dass Bonn inzwischen als Salafistenhochburg gilt. "Ich habe Angst", sagt er und räumt freimütig ein, sein Misstrauen gegenüber Menschen werde immer größer.

Die Jesiden

Die Jesiden sind eine zumeist Nordkurdisch sprechende religiöse Minderheit, die ursprünglich überwiegend im nördlichen Irak, in Nordsyrien und in der südöstlichen Türkei angesiedelt war. Das Jesidentum ist eine monotheistische, nicht auf einer heiligen Schrift beruhende Religion.

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