GA-Serie Wohnen und Leben: Die meisten wollen im Alter zu Hause leben

GA-Serie Wohnen und Leben : Die meisten wollen im Alter zu Hause leben

Junge Menschen verdrängen oft den Gedanken daran, wie sie als Senioren wohnen möchten. In mehr als 250.000 deutschen Haushalten unterstützen Betreuungskräfte Pflegebedürftige in den eigenen vier Wänden.

Wir werden immer älter. Und immer mehr. Die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und '60er Jahre rücken nach und nach auf in die Generation der Senioren. Eine der wichtigsten Fragen, die viele umtreibt: Wo und wie werde ich im Alter wohnen?

Aus einer Expertise von 2017 des Dialogs- und Transferzentrums Demenz (DZD) der Universität Witten/Herdecke geht hervor, dass gut 80 Prozent der Bundesbürger ab 45 Jahren das eigene Zuhause als Wohnort im Alter bevorzugen. Nur sechs Prozent der Befragten würden eine Alters- und Pflegeeinrichtung mit einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung in Betracht ziehen. Die nicht zuletzt auch die teuerste Wohnvariante wäre: Weil bei vielen Senioren die Finanzierung eines Platzes mit Rente und Pflegegeld nicht ausreicht und bei den Kindern nichts zu holen ist, muss oft die Kommune einspringen: Allein in Bonn schießt die Stadt rund 19,77 Millionen Euro (2017) jährlich für die Unterbringung in Pflegeheimen zu.

Pflegeeinrichtungen mit Wartelisten

Viele Menschen setzen sich den Experten zufolge oftmals erst sehr spät mit der Frage des Wohnens im Alters auseinander. Für Christl Bässler (79) stellte sie sich zunächst auch nicht. Sie lebte mit ihrem Mann mehr als 30 Jahren in Beuel, bis der Partner so pflegebedürftig wurde, dass nur noch ein Pflegeheim in Frage kam, wo er nach dreieinhalb Jahren starb. Das Paar ist kinderlos. „Seit mein Mann gestorben ist, fühle ich mich schon sehr einsam“, sagt die 79-Jährige. Bässler würde gerne in eine betreute Wohnung umziehen, wie sie zum Beispiel die DRK-Schwesternschaft in Poppelsdorf anbietet. 100 Wohnungen in sechs Häusern vermietet die Schwesternschaft. Dazu betreibt sie das Pflegeheim „Maria von Soden“ nebst einer Tagespflegeeinrichtung am Venusbergweg.

„Das ist eine sehr gute Kombination, wie wir sie in Zukunft wohl noch viel mehr brauchen werden“, ist Pflegeheimleiterin Veronika Schiller überzeugt. Gerade für Menschen wie Bässler sei der Schritt in eine betreute Wohnung sinnvoll. Dort könne man nach wie vor eigenständig seinen Haushalt führen, aber auch alle Angebote des Pflegeheims wie Pflege oder auch nur das Mittagessen mitnutzen. Doch noch steht die 79-Jährige, die an zwei Tagen zu Gast in der Tagespflegeeinrichtung ist, auf der Warteliste für eine betreute Wohnung. „Denn wir sind komplett belegt“, sagt Schiller.

Wahlverwandtschaften verbinden Generationen

Die Tagespflege-Einrichtung leitet Marion Müllers. Bis zu 15 Menschen, auch an Demenz Erkrankte, kommen täglich zu ihr und ihrem Team. Der Tag beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück, anschließend steht Sitzgymnastik, ein gemeinsamer Spaziergang und vieles mehr auf dem Programm, bis es Mittagessen gibt. Nach der Mittagsruhe geht es weiter mit Basteln, Singen oder auch Kuchen backen. „Ich fühle mich pudelwohl hier“, sagt Bässler, „es ist für mich wie ein zweites Zuhause.“

Die Kosten für die Tagespflege können – je nachdem wie oft man die Einrichtung besucht und welchen Pflegegrad man hat – ganz oder zum Teil mit der Pflegeversicherung abgerechnet werden. „Für viele ältere Menschen ist das eine gute Möglichkeit, weiterhin zu Hause wohnen bleiben zu können. Der Besuch der Tagespflege gibt ihnen viele Anregungen und entlastet gleichzeitig die Angehörigen, die diese Menschen zu Hause betreuen“, erklärt Leiterin Müllers.

Henrich Fenner (75) und seine Frau Elisabeth (54) gehören zu den Menschen, die sich frühzeitig Gedanken gemacht haben, wie sie künftig wohnen wollen. Seitdem die beiden Töchter ausgezogen sind, ist dem Paar das Eigenheim zu groß geworden. Auch vermissen die beiden die Gemeinschaft, wie sie sie als Familie mit ihren Kindern erlebt haben. Deshalb wollten sie das Haus verkaufen, sobald sich eine andere Lösung bietet. Irgendwann lernte das Paar Mitglieder des Vereins Wahlverwandtschaften kenne, der das Mehrgenerationenwohnen fördert. Heute ist der Jurist und frühere Rechtsanwalt Vorsitzender des Vereins. Fenner erklärt: „Es geht uns nicht darum, Wohnungen rein fürs Alter zu schaffen. Unsere Philosophie ist es, die Generationen wieder zu mischen, wie es früher üblich war, als Großeltern, Eltern und Enkelkinder oftmals noch unter einem Dach lebten.“

Gleich sechs solcher Wohnprojekte betreut der Verein Wahlverwandtschaften derzeit in Bonn. Davon sind drei bereits realisiert. In das ehemalige Gebäude des Bau- und Liegenschaftsbetriebs NRW in Endenich an der Magdalenenstraße wollen die Fenners einmal selbst mit anderen Familien einziehen. „Zurzeit laufen die Verkaufsverhandlungen“, so Fenner. Eine der Besonderheiten der Wahlverwandtschaften ist die Gemeinschaftswohnung in jedem Projekt, wo sich die Bewohner treffen, austauschen und auch gemeinsam feiern können. Sich untereinander helfen, aber auch unter sich in seinen eigenen vier Wänden bleiben zu können – eine Wohnform die Menschen jeden Alters zugute kommt, ist Fenner überzeugt.

Roswitha F., die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, wohnt in einer 100 Quadratmeter großen Wohnung in Dottendorf. Die Miete ist günstig, deshalb will die 78-Jährige ungern ausziehen – obwohl sie lieber eine kleinere und barrierefreie Wohnung hätte.„Ich habe keinen Aufzug und muss in den ersten Stock. Bekannte haben mir deshalb vorgeschlagen, meine Wohnung im Internet zum Tausch mit einer kleineren Wohnung anzubieten. Aber ich habe Sorgen, dass die kleinere Wohnung mich nachher viel mehr kosten wird als meine jetzige“, erklärt sie. Auch glaubt sie nicht, dass sie eine Wohnung findet, die ihre Ansprüche erfüllt und obendrein in ihrem bisherigen Wohnumfeld liegt. „Ich kenne Leute, die schon lange eine preisgünstige Zweizimmerwohnung hier suchen. Die sind aber Mangelware“, weiß die Seniorin.

Eines ist für sie sicher: „Ich werde niemals in ein Heim gehen. Ich habe mit meiner Tochter besprochen, dass sie eine Polin engagiert, wenn ich pflegebedürftig bin.“

Auch eine Variante, die beim Verband für Häusliche Betreuung und Pflege immer mehr nachgefragt wird: Nach seinen Angaben werden mittlerweile in über 250.000 Haushalten in Deutschland Senioren überwiegend von osteuropäischen Betreuungspersonen versorgt.

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