Inklusion: Die Klassen heißen Lernfamilien

Inklusion : Die Klassen heißen Lernfamilien

Seit zehn Jahren werden an der Kettelerschule in Dransdorf behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam unterrichtet. Neben 20 Lehrkräften sind dort auch drei Sonderpädagogen beschäftigt. Fast jedes vierte Kind benötigt spezielle Unterstützung.

"Alle einmal abtauchen", ruft Ines Milardovic in den Klassenraum. Arme auf den Tisch. Köpfe in die Kuhle. Jetzt ist es still. "Manchmal machen wir das, wenn alle etwas zu quirlig sind", erklärt Milardovic. Sie ist Lehrerin und unterrichtet in einer Klasse an der Kettelerschule in Dransdorf. Keine gewöhnliche Grundschule - hier findet inklusiver Unterricht statt. Die Schulklassen heißen nicht Schulklassen, sondern Lernfamilien, und die Schüler in den Lernfamilien sind auch nicht alle gleich: vom Erst- bis zum Viertklässler, vom Kind mit körperlicher bis zur geistigen Behinderung, vom Muttersprachler bis zum Kind mit Flüchtlingshintergrund. "Die Lernfamilien sind so heterogen wie möglich", sagt Schulleiterin Christina Lang.

"Wo sind eure Baustellen?", fragt Ines Milardovic in den Klassenraum. Die Schüler antworten reihum: "Mathe, Lesen, Schreiben, Ruhigbleiben." Milardovic hat zuerst an einer anderen Grundschule gearbeitet und kennt den Unterschied. "Hier unterrichte ich gleichzeitig zwar Schüler aus den Klassen eins bis vier, aber ich kenne sie viel besser", sagt sie. Durch Freiarbeitszeiten könne sie jedem Kind das zuteilen, was es gerade braucht, um den Stoff effektiv zu lernen. "Schüchterne Kinder fallen in einer homogenen Klasse kaum auf - im inklusiven System reflektiert man Stärken und Schwächen." Fast jedes vierte Kind benötigt an der Kettelerschule spezielle Unterstützung. Deshalb arbeiten hier neben den 20 Lehrkräften auch drei Sonderpädagogen.

"Es gelten nicht die gleichen Ziele für eine Gruppe", erklärt Schulleiterin Christina Lang. Jeder Schüler erreiche sein eigenes nächstes Ziel. Mit ihrem Bob-Haarschnitt und dem prüfenden Blick durch ihre runden Brillengläser wirkt sie schon auf den ersten Blick wie eine Lehrerin.

Mit Durchsetzungsvermögen hat sie, als Mutter einer körperlich behinderten Tochter, dem konservativen Schulsystem entschlossen den Laufpass gegeben. "Kannst du nicht? Dann bist du schlecht!", Lang schüttelt den Kopf. "Es wird viel zu oft nicht gesehen, wie sich jedes Kind in seinem Rahmen weiterentwickelt", sagt sie. Auf Standards habe sie deshalb keine Lust mehr.

"Wir müssen weg von diesem Elitedenken!" Unterschiede wolle sie dennoch nicht aufheben und auch diejenigen mit Förderungsbedarf nicht zur Hochleistung drängen. "Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht." Insgesamt gibt es an der Kettelerschule neun Lernfamilien mit jeweils rund 25 Schülern. Seit 2005 wird hier inklusiv unterrichtet. Zwei Jahre später hat Schulleiterin Lang begonnen, die Jahrgänge zu mischen. Die Erfolge sind sichtbar: Vor sieben Jahren gingen noch 67 Prozent aller Kinder im Anschluss auf die Hauptschule. 2013 waren es nur noch 14 Prozent. Nach dem Besuch einer Förderschule hätten die wenigsten eine Chance und wesentlich weniger gelernt, findet Lang.

Angelika Faber vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) sieht das anders. "Dabei sein bedeutet nicht für jeden alles", sagt die Landesrätin für Schulen und Integration. Der LVR setze sich zwar für Inklusion ein und unterstütze viele Schulen mit einer Pauschale, aber manche Kinder bräuchten individuelle Förderung. "Wir haben kleine Klassen. Das kommt bei vielen Eltern gut an, und unsere Schulen sind voll", erklärt sie.

Dass sich Kinder mit Förderbedarf in einer leistungsstarken Gruppe alleine fühlten und eher Kontakt zu anderen mit einem Handicap suchten, kann Schulleiterin Lang nicht bestätigen. "Natürlich sucht sich jedes Kind einen Freund, aber auch jemanden, mit dem es sich messen kann." Das könne im Matheunterricht jemand vollkommen anderes sein als im Sport. Jeder habe seine Stärken und Schwächen in anderen Bereichen - so würden sich auch immer die Gruppen verändern. "Das ist Inklusion."