Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien steht vor einem Umbau.

Gefährdende Medien : Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in Bonn wächst

Aufsichtsbehörde für jugendgefährdende Medien muss sich immer häufiger mit den Gefahren im Netz beschäftigen. In der Behörde an der Rochusstraße arbeiten inzwischen 33 Angestellte.

Vorbei die Zeiten, in denen die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien sich mit der Frage befasste, ob der Ausdruck „Du Lump!“ in einem Tarzan-Comic möglicherweise schlechten Einfluss auf Kinder und Jugendliche haben könnte. Die Geschichte der 1954 gegründeten, in Bonn-Duisdorf ansässigen Behörde ist eine Geschichte des Wandels. Zwar ging es stets darum, auf die Frage eine Antwort zu finden, ob Bücher, Schriften, Musik, dann auch Computerspiele und Internetseiten  die Entwicklung von Heranwachsenden negativ beeinflussen können. „Doch verändert sich die Gesellschaft und mit ihr die sozial-ethischen Normen“, sagt die Vorsitzende der Bundesprüfstelle, Martina Hannak.

Neues Jugendschutzgesetz

Auf welche Weise die dem Bundesfamilienministerium nachgeordnete Behörde sich künftig verändern wird, ist ungewiss. Aber dass sie sich im Zuge des neuen Jugendmedienschutzgesetzes verändern wird, ist wahrscheinlich. Das Ministerium unter Franziska Giffey hat einen ersten Entwurf erarbeitet, der nach Aussagen eines Ministeriumssprechers in der internen Abstimmung ist. Bundeskabinett und Parlament haben darüber noch zu beratschlagen, entsprechend sind die Auswirkungen auf Personal und Haushalt abhängig vom Verlauf der politischen Diskussionen. Inhaltlich soll die Novellierung unter anderem regeln, wie mit Mobbing auch in sozialen Medien umzugehen ist, mit sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Internet (Cybergrooming), mit Hassreden und dem Phänomen des Online-Prangers oder Feindeslisten, unter denen man die Veröffentlichung persönlicher Daten im Internet versteht. Ein besserer Schutz für Kinder ist das Ziel und eine klarere Orientierung für Eltern.

 Themen, die auch die Bundesprüfstelle tangieren. Martina Hannak übernahm die Leitung als Vorsitzende im Jahr 2016 mit 20 Mitarbeitern. Heute arbeiten an der Rochusstraße 33 Angestellte. Die Novellierung ist aus ihrer Sicht dringend notwendig. Das geltende Jugendschutzgesetz stammt aus dem Jahr 2003. Aus dem Jahr also, in dem der Begriff Web 2.0 erstmals aufkam. „Das Web 2.0 war eine epochale Wende für uns. Auf einmal wurde alles interaktiv. Die Rollenverhältnisse änderten sich“, erklärt Hannak. Empfänger wurden zu sehr mächtigen Sendern. „Das Risiko, das Kinder und Jugendliche etwas sehen, was ihre Entwicklung gefährden kann, ist  seitdem enorm angestiegen.“

Gefährdungsatlas ist wichtiges Element

Und so befasst sich die Spruchkammer der Bundesprüfstelle, die einmal im Monat zusammentritt, um Medien auf ihr Gefährdungspotenzial zu prüfen, immer mehr mit diesen „neuen“ Medien. Aktiv wird sie stets auf Antrag oder Anregungen und nicht aus eigenem Antrieb. Im zurückliegenden Jahr hatte sich das mit Vertretern aus Jugendarbeit, Kunst und Verlagen besetzte Gremium vor allem mit Kinder-, Jugend-, Gewalt- und Tierpornographie, mit „einfacher Pornographie“ und mit dem Verbreiten von nationalsozialistischem Gedankengut auseinanderzusetzen. Stellt die Kammer eine Gefährdung fest, kann sie das Medium auf den Index setzen. Das heißt: kein freier Verkauf für Heranwachsende, keine öffentliche Bewerbung des Produkts.

Auch den von der Bundesprüfstelle herausgegebenen Gefährdungsatlas sieht die Juristin Hannak als wichtiges Instrument an, um einen öffentlichen, gesellschaftlichen Diskurs darüber zu führen, was überhaupt jugendgefährdend ist. Er beschreibt Medienphänomene, enthält eine Einschätzung, welche Rechte Kinder nach der Kinderrechtskonvention der Uno überhaupt haben. Er ist Ergebnis einer Zukunftswerkstatt. „Erziehungsziele sind stets neu zu verhandeln“, sagt Hannak. Dass die Spruchkammer der Bundesprüfstelle, deren zwölf Mitglieder auch das „Saubere Dutzend“ genannt werden, für ihre Einschätzungen in der Kritik stehen, ist aus Hannaks Sicht „etwas, das wir in einem demokratischen Land aushalten müssen“. Heutzutage stünden seltener wie in der Vergangenheit rechtsradikale Gruppen vor der Tür, um ihren Protest gegen eine Indizierung kundzutun. Auch hier, so weiß Hannak zu erzählen, ist eine Abwanderung der kritischen Worte in die Weiten des Internets erfolgt.