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Die 90-jährige Penina Katsir erzählt vom Leid im ukrainischen Ghetto.

Gedenken an NS-Opfer : 90-Jährige spricht über schmerzhafte Erfahrungen im Ghetto

Die 90-jährige Zeitzeugin Penina Katsir erzählt Schülern aus ganz Nordrhein-Westfalen in der Friedrich-Ebert-Stiftung vom Leiden im ukrainischen Ghetto zur Zeit der deutschen Besatzung. Dreieinhalb Jahre verbrachte sie dort in Gefangenschaft.

Den Schwur, niemals über ihre Erlebnisse im ukrainischen Ghetto und niemals wieder Deutsch zu sprechen, hatte die heute 90-jährige Jüdin Penina Katsir schon zu ihrem 80. Geburtstag auf Bitten ihrer Tochter gebrochen. Bis zu diesem Tag hatte sie sich auch dem Feiern ihrer Geburtstage verweigert. Warum, das erfuhren die etwa 230 Schüler aus ganz Nordrhein-Westfalen am Montag beim jährlich stattfindenden Zeitzeugengespräch zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus.

Penina Katsir wurde 1930 in der Bukowina (heutiges Rumänien) geboren und 1941 mit ihrer Familie nach Transnistrien vertrieben. Sie überlebte das ukrainische Ghetto und siedelte 1947 nach Israel um, wo sie bis heute lebt. Seit zehn Jahren berichtet Katsir einmal im Jahr am Gedenktag zum Überleben im Ghetto. „Ich sehe das darüber Sprechen inzwischen als meine heilige Pflicht“, sagte Katsir dem GA. Man müsse es der heutigen Jugend erzählen, damit sie lernen, die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen. 

Ihr Vortrag hat mich sehr betroffen gemacht“, war die erste Reaktion von Berfin Celikten: Die 15-jährige Schülerin des Kölner Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums kam als Fünfjährige aus Rumänien nach Deutschland. „Ich habe gerade von Frau Katsir viel Schockierendes über mein Heimatland erfahren.“ Sie empfinde nun eine große Dankbarkeit, hier in Freiheit leben zu können.

Detailreich erzählt 90-Jährige von ihrer Gefangenschaft im Ghetto

So wurde es auch zum Anliegen von Moderator Friedhelm Boll, darüber aufzuklären, dass Penina Katsir mit dem Holocaust in der Ukraine, Bulgarien und Transnistrien einen Teil der Gräuel repräsentiere, die in den Medien zu kurz oder gar nicht vorkämen. „Das Spannende an Katsir ist neben ihrer Lebensgeschichte auch ein Blick auf die ost- und mitteleuropäischen Länder, die am Holocaust mitbeteiligt waren“, so der habilitierte Zeithistoriker. Teile der Bevölkerung seien sehr judenfeindlich gewesen, worauf die Nationalsozialisten hätten aufbauen können. „Hätten die Nazis uns auf unserem Dreitagemarsch in die Ukraine begleitet, wären alle Juden im Dnepr ertränkt worden“, war sich Katsir sicher.

Sie habe Glück gehabt, dass es ukrainische Soldaten gewesen seien. Sehr detailreich erzählte die 90-Jährige auf der Bühne stehend von ihrer dreieinhalbjährigen Gefangenschaft im Ghetto von Mogilev. Nur manchmal musste sie pausieren, weil sie die Bilder ihrer Erzählung wieder allzu deutlich einholten. Mit ihrer neunköpfigen Familie lebte die anfangs Elfjährige in zerfallenen Häusern und ernährte sich von kleinen Stückchen Brot, die von den Bauern aus verdorbenen Zutaten als „Brot für die Juden“ gebacken worden seien. Jedes hart erarbeitete Stück wurde in der neunköpfigen Familie aufgeteilt. Alle hätten Typhus bekommen. Nur der Schnee, der in ihre Zimmer wehte, habe das hohe Fieber senken können. Ihre drei älteren Brüder seien als Pferdeersatz in einer Mühle, beim Friseur oder für die Feldarbeit eingesetzt worden.

Katsirs Geschichte hinterlässt Spuren bei den jungen Zuhörern

Mit ihrer kleineren Schwester bot sich Katsir alltäglich für jede Hausarbeit gegen ein Stück Brot an. Ihre Kleidung hatte die Familie schon früh gegen Essbares getauscht. Immer wieder berichtete sie von der Stärke ihrer Mutter, die auch der kleinen Katsir in den buntesten Farben ausmalte, welch schöne Kleider sie ihr eines Tages wieder nähen würde.

„Es hat mich total bewegt“, sagte Maria (17) vom Bonner Friedrich-Ebert-Gymanisum. Es sei „super wichtig“, dass es alle noch von einer Zeitzeugin erfahren konnten. „Ich bin beeindruckt, wie Frau Katsir gehandelt hat. Viele in unserer heutigen Generation würden sicher nicht mehr so selbstlos sein“, war Finn (18) davon beeindruckt, wie Katsir mit ihrer Körperwärme bei minus 24 Grad die Füße ihrer Großmutter gewärmt hatte.

Kaum eine Schülerin oder Schüler, von denen nicht zu hören war, dass es „sehr intensiv“ und „nachdenklich stimmend“ gewesen sei. „Bisher dachte ich, dass man nach 75 Jahren mal einen Schlussstrich ziehen sollte“, sagte Younnes (18) vom Nicolaus-Cusanus-Gymnasium, „doch nach dem Vortrag habe ich den Eindruck, dass man sich noch eine ganze Weile mit der eigenen Geschichte beschäftigen muss.“