Kinderarmut in Bonn: Diakoniechef fordert Armutsbericht

Kinderarmut in Bonn : Diakoniechef fordert Armutsbericht

Leser bieten Spenden für eine bedürftige Familie an, über die der GA berichtete. Und Experten diskutieren aufs Neue, was die Politik tun muss, um Kinderarmut in Bonn zu bekämpfen. Es gibt aber auch Appelle an jeden einzelnen Bürger, etwas gegen die Not zu unternehmen.

20,6 Prozent der Bonner Kinder wachsen in Armut auf, so berichtete der GA am Dienstag. Sofort entbrannte eine heiße Leserdiskussion. Viele fragten nach Wegen, wie betroffenen Familien schnell zu helfen sei. Bei der Caritas gingen sogar Spenden für die vom GA porträtierte Familie ein. Von dem Geld werden nun neue Matratzen für die Kinder gekauft.

Ulrich Hamacher, Geschäftsführer des Diakonischen Werks, verspricht, die alarmierenden Zahlen Ende November beim runden Tisch Kinder- und Familienarmut einzubringen. Dort arbeiten seit Jahren Vertreter der Wohlfahrtsverbände, Vereine und Gewerkschaften, Stadtverordnete und die Stadt selbst mit. „Am runden Tisch würden wir uns über weitere Mitwirkende aus der Stadtgesellschaft freuen“, sagt Hamacher.

Ohne Entscheidungen des Bundes wie beispielsweise die Einführung einer Kindergrundsicherung deutlich über Hartz-IV-Niveau werde das Problem auch in Bonn nicht lösbar sein, schränkt der Diakoniechef ein. Auf kommunaler Ebene könnten nur Armutsfolgen gelindert werden. Deshalb müsse endlich ein detaillierter Bonner Armutsbericht her. „Leider fehlen uns dazu die nötigen stadtteilbezogenen Daten. Die müsste die Stadt liefern, damit Hilfsangebote zielgerichtet verstärkt werden können.“

Patenschaften für bedürftige Kinder

Dringend notwendig sei ein kommunales Gesamtkonzept, um die Akteure, die Prävention, Bildung und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen im Fokus hätten, besser zu vernetzen und zu koordinieren, fordert auch Susanne Seichter, Geschäftsführerin der Paritätischen Sozialdienste, in dem viele Vereine vertreten sind. Bürger könnten sich in Patenschaften für arme Kinder engagieren: etwa beim Verein Familienkreis oder dem Kinderschutzbund, so Seichter.

Die Bonner Fraktionen reagieren bestürzt. Laut Christian Gold (CDU) sollte das Kinderbetreuungsangebot mit sozial gestaffelten Beiträgen bedarfsgerecht ausgebaut werden. Zudem müsse mehr Wohnraum auch für Geringverdiener her. Peter Kox (SPD) erwartet genau dabei, dass die Bonner Koalition aus CDU, Grünen und FDP „ihre Blockadehaltung aufgibt. Mit der Vebowag hat die Stadt ein Mittel in der Hand, um relativ schnell für neue Wohnungen im niedrigen Preissektor zu sorgen“.

Wobei sein Parteikollege Bernhard von Grünberg vor einseitigen Sozialstrukturen warnt, wenn das Wohnen nur noch in „preiswerten Wohngegenden“ möglich sei. Angelika Esch (SPD) sieht ein Muss im Ausbau der Kinderbetreuung in Bonn. Annette Standop (Grüne) plädiert wiederum für ein weiteres Engagement in der Bildung, damit Armut nicht vererbt werde.

Linkspartei: Mehr sozialer Wohnraum und ein vergünstigtes Sozialticket

Und sie kritisiert, „dass es zu wenige Arbeitsplätze für Menschen mit einfachen Berufsabschlüssen gibt“. Holger Schmidt von den Linken gehr weiter: Er fordert neben mehr sozialem Wohnraum ein stark vergünstigtes Sozialticket im Nahverkehr und einen Sozialstromtarif. All das blockiere die Mehrheit im Rat regelmäßig.

Klartext kommt von den Kirchen. Der katholische Stadtdechant Wilfried Schumacher sagt, dass „wir den Schrei der Armen in dieser Stadt nicht ignorieren dürfen. Sie haben keine Lobby, sie starten kein Bürgerbegehren“. Deshalb werbe er für eine tagtägliche Freundschaft mit den Armen. „Jeder Euro, der in Arme, besonders in Kinder und Jugendliche investiert wird, ist eine nachhaltige Investition.“

Konkret wird der evangelische Superintendent Eckart Wüster. Die Verantwortlichen in Bonn müssten sich schnell zusammensetzen, um etwa die finanziellen Rahmenbedingungen von Alleinerziehenden zu verbessern. Das Beispiel der vom GA porträtierten Familie lässt Wüster nicht los: Er schlägt etwa vor, Kindergeburtstage weniger teuer zu gestalten, sodass auch Kinder aus ärmeren Familien mitfeiern und ermutigt würden, selbst einzuladen.

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