Im Gespräch mit einer Bonner Stiftung: „Deutschland ist eine Katastrophe“

Im Gespräch mit einer Bonner Stiftung : „Deutschland ist eine Katastrophe“

Die Regenwaldstiftung OroVerde mit Sitz in Bonn feiert 30. Geburtstag. Martin Wein sprach mit Geschäftsführer Volkhard Wille über Herausforderungen der Gegenwart und Wünsche für die Zukunft.

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Volkhard Wille: Ich selbst habe mich schon von klein auf sehr für Natur interessiert. Der Tropenwald war immer das absolute Maximum des Vorstellbaren. Dort leben zwei Drittel aller lebenden Tier- und Pflanzenarten. Als ich das erste Mal im Regenwald stand – unter diesen riesigen Bäumen und umringt von exotischen Geräuschen – fand ich das faszinierend.

Im Fernsehen sehen wir seit Jahrzehnten Bilder fallender Urwaldriesen und brandgerodeter Ödnis. Ist die Lage wirklich so prekär?

Wille: Die Situation ist äußerst prekär. Die Wälder der Tropen hatten eine sehr große Ausdehnung. Nur so können sie ihre Funktion als Klimaküche der Welt und als biologisches Reservoir ausfüllen. Natürlich dauert es eine gewisse Zeit – ich sage es mal sarkastisch – bis der Kuchen ganz aufgegessen ist.

1950 waren schätzungsweise 11 Prozent der Landfläche der Erde mit tropischen Regenwäldern besetzt. 1985 war kaum noch die Hälfte übrig, heute vielleicht ein Viertel. Kämpfen Sie nicht einen hoffnungslosen Kampf?

Wille: Wenn man die Fakten betrachtet, ist das ernüchternd, teilweise frustrierend. OroVerde hat nicht den Anspruch, den ganzen Regenwald zu retten. Wir können mit Pilotprojekten zeigen, wie der Schutz und die Erhaltung funktionieren können. Damit sind wir erfolgreich. Aber wir führen nicht nur Schutzprojekte durch, sondern machen auch Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, um zu zeigen, was jeder einzelne tun kann.

Gibt es noch intakte Primärwälder auf der Welt?

Wille: Ja, im Amazonas- oder im Kongobecken, auch auf den Inseln Indonesiens zum Beispiel in West-Papua gibt es noch intakte Primärwälder, auch wenn die schon stark geschwunden sind. Es ist noch nicht zu spät! Aber wir müssen mit dem Schutz jetzt Ernst machen.

Wo ist die Lage am kritischsten?

Wille: In Asien. Dort ist der Nutzungs- und Bevölkerungsdruck am größten. Das heißt allerdings nicht, dass wir uns auf anderen Kontinenten entspannen könnten.

Wer schadet den Wäldern am meisten?

Wille: In Südamerika ist der Soja-Anbau der Haupttreiber. In Asien sind es die Plantagen zum Anbau von Ölpalmen. In Afrika haben der Rohstoffabbau und die Holzwirtschaft den größten schädlichen Einfluss.

Sie haben den Klimawandel schon genannt. Die einen sagen: Ohne Klimaschutz kein Regenwald mehr. Sie sagen: Ohne Wälder kein Klimaschutz. Ist das ein Henne-Ei-Problem?

Wille: Die Wälder machen Klima, sind aber selbst auf ein intaktes Klima angewiesen. Wir erleben das in Deutschland. Durch die Trockenheit 2018 und die sich anbahnende in diesem Jahr sieht man jetzt schon überall absterbende Wälder. Die Fichte wird hier im Flachland weitgehend verschwinden.

Und der Tropenwald wird ähnlich reagieren?

Wille: Ja, auch dort gibt es Rückkopplungseffekte.

Manche glauben, bei mehr Kohlendioxid in der Luft grünt es umso üppiger?

Wille: Das ist Unfug aus der Propaganda-Abteilung der Klimawandelleugner. Wir müssen aufhören, dieser Propaganda Raum zu geben. Ein höheres Kohlendioxid-Angebot führt in den meisten Fällen nicht zu mehr Wachstum, weil die Pflanzen wichtige Nährstoffe aus dem Boden beziehen – und das Angebot dieser Stoffe nimmt ja nicht parallel zum Kohlendioxid zu. Zudem begrenzen Wassermangel und überhöhte Temperaturen das Wachstum. Hierzu gibt es diverse wissenschaftliche Studien.

Kommen wir zu OroVerde: Was kann eine kleine Stiftung aus Bonn ausrichten gegen große Holzkonzerne, Minengesellschaften oder arme Farmer?

Wille: In den Tropenländern zeigen wir zusammen mit lokalen Partnerorganisationen, wie man den Tropenwald erhalten und den Menschen, die dort leben, eine Perspektive geben kann. Die Umsetzung in großem Stil können sich dann andere Player davon abschauen. Unsere Partner sind vor Ort übrigens häufig Motoren einer positiven, zivilgesellschaftlichen Entwicklung. Deshalb kommt ihnen auch über den Waldschutz hinaus eine wichtige Rolle zu. Das ist in Deutschland genauso. Was wäre denn, wenn wir nicht den BUND, NABU und die Deutsche Umwelthilfe hätten?

Manche würden sich freuen…

Wille: Ja, aber jeder kluge Mensch weiß, dass fast alle wichtigen Fortschritte in der Gesellschaft von engagierten Bürgern erkämpft wurden. Das ist in den Ländern der Tropen genauso. Zusammen mit unseren Partnern bieten wir Lösungsansätze, äußern aber auch Kritik, wenn etwa ein Erdölkonzern ein indigenes Volk vertreiben will.

Was ist Ihr besonderer Ansatz?

Wille: OroVerde ist eine Organisation, die an der Schnittstelle zwischen Umweltschutz- und Entwicklung arbeitet. In einem großen Regenwaldschutzgebiet leben ja Menschen. Die haben vorher vielleicht vom Holzeinschlag gelebt. Wenn wir den Wald schützen wollen, müssen wir die mitnehmen und ihnen neue Perspektiven beispielsweise mit Agroforstsystemen oder als Parkwächter oder im Natur-Tourismus eröffnen. Außerdem bemühen wir uns, unsere Erfahrungen auf internationaler Ebene etwa auf den Klimakonferenzen einzubringen.

Wie viel Geld fließt von OroVerde jedes Jahr in den Schutz der Wälder?

Wille: Wir haben im Moment einen Jahresetat von 3,5 Millionen Euro. Davon gehen 2,5 Millionen Euro in die Projektländer. Es gibt auch Projekte in Deutschland.

OroVerde ist als Stiftung organisiert. Legen Sie Ihr Geld nachhaltig an?

Wille: Ja, als Stiftung müssen wir unser Kapital konservativ anlegen und dies dann in nachhaltigen Fonds, die kein Geld etwa in der Rüstungs- oder Chemieindustrie anlegen. Allerdings sind wir keine kapitalfinanzierte Stiftung. Von den Zinsen allein können wir unsere Arbeit nicht finanzieren. Unsere Haupteinnahmen stammen aus Spenden, Bußgeldern, Unternehmenskooperationen, öffentlichen Zuwendungen und von privaten Stiftungen.

Was waren in den vergangenen 30 Jahren die größten Erfolge?

Wille: 2001 wurde im Osten Kubas der Alexander-von-Humboldt-Nationalpark eingerichtet. Heute gilt er als wichtigstes biologisches Refugium der Karibik. Die Artenvielfalt dort ist beispielsweise höher als auf den Galapagos-Inseln. Daran hatte OroVerde maßgeblichen Anteil. Aktuell forsten wir in Mittelamerika und in der Karibik in mehreren Ländern gemeinsam mit den Einheimischen auf vielen Tausend Hektar auf und leisten damit einen Beitrag zum Klimaschutz. Diese Dimensionen hätte ich mir bei meinem Dienstantritt vor 15 Jahren nicht träumen lassen.

Wie ist es hier in Deutschland? Durch Bonn ist seit Kurzem der Regenwaldbus der SWB mit Werbung für OroVerde unterwegs. Haben solche Aktionen einen Effekt?

Wille: Wir bekommen sehr viel Rückmeldungen zu unserer Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. In den letzten 18 Monaten erlebt das Thema Umwelt in Deutschland einen starken Aufschwung. Viele Menschen merken: Wir müssen uns jetzt sputen, wenn wir unseren Kindern halbwegs vernünftige Lebensbedingungen erhalten wollen. Mit unserem jetzigen Lebensstil verschlimmern wir die Zukunft unserer Kinder auf gravierendste Weise. Allerdings stehen nicht alle dahinter. Ich frage mich immer wieder, was die motiviert – Bequemlichkeit, Ignoranz oder Egoismus. Wenn ich darüber nachdenke, werde ich sehr ungeduldig und auch wütend.

Was können wir abgesehen von Spenden tun, um die Wälder besser zu schützen?

Wille: Wir müssen unseren ökologischen Fußabdruck verkleinern und dazu bei den großen Faktoren anfangen. Statt der Fernreise eine Bahnfahrt oder eine Fahrradtour in Europa. Statt der Äpfel aus Südafrika ökologisch gewachsene Äpfel aus der Region. Und bei Leuten, die mit dem SUV zum Fitness-Studio fahren, kann ich persönlich sowieso nur noch den Kopf schütteln.

Nutzt die Politik in Deutschland ihre Spielräume, um die tropischen Wälder der Welt zu erhalten?

Wille: Nein. Die deutsche Politik ist ein Desaster. Es gibt kaum jemanden, der Umweltschutz ernsthaft verfolgt. Es ist üblich geworden, durch wohlklingende Begriffe Scheinaktivität vorzutäuschen. Das ist eine bewusste Narkotisierung der Bevölkerung. Wenn Sie eine Tagesschau von vor 20 Jahren schauen, staunen Sie über die Versprechen der damaligen Umweltministerin Angela Merkel, was sich alles in zwei, drei Jahren regeln werde. Seitdem hat sich nichts geändert. Die Agrarpolitik in Deutschland ist einer der größten Treiber für den Artenschwund auf der Welt. Wir importieren Millionen Tonnen Soja aus ehemaligen Regenwaldgebieten, um sie an Schweine und Geflügel zu verfüttern. Dieses in Massentierhaltung produzierte Fleisch exportieren wir in alle Welt. Zurück bleiben Nitrat und Antibiotika im Grundwasser und ausgeräumte Landschaften.

Manche sehen im Umweltschutz im Globalen Süden eine Art Feigenblatt mit spätkolonialer Attitüde. Der Regenwald ist schön weit weg und zwingt kaum zu eigenem Handeln. Die Menschen im Süden sind in dieser Sichtweise schuld an seiner Zerstörung...

Wille: Generell gibt es solche Muster und manchen Ablasshandel. Wir setzen auf Kooperation in Augenhöhe mit den Partnern in unseren Projektländern. Klar ist: Die Hauptverursacher für die Zerstörung der tropischen Regenwälder sind wir im reichen Norden.

Sie kommen selbst aus der regionalen Umweltarbeit. Sollten wir nicht lieber die Natur vor unserer eigenen Haustür schützen anstatt für den Regenwaldschutz zu spenden?

Wille: Ich persönlich tue beides. Auf Deutschland bezogen haben wir als einer der Treiber der Waldzerstörung auch eine globale Verantwortung zum Regenwaldschutz. Aber wir müssen erst recht im eigenen Land vorbildlich vorgehen. Das tun wir nicht, auch wenn unsere Politiker ihre eigenen Taten so vehement selbst loben. Deutschland ist Bremser einer fortschrittlichen Umweltpolitik und damit eine Katastrophe.

OroVerde wird 30. Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?

Wille (lacht): Ich wünsche mir, dass es uns im nächsten Jahrzehnt gelingt, die genannten Missstände mit positiven Beispielen in die richtige Richtung zu drücken. Diese zehn Jahre sind entscheidend. Wenn wir dann keine Trendwende schaffen, wird es zappenduster. Schimpfen reicht nicht aus. OroVerde ist ein kleiner, innovativer Laden. Wir hoffen, die Menschen mit guten Ideen zu begeistern.

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