Demos für den Klimaschutz: Deshalb gehen Schüler in Bonn zu "Fridays For Future"

Demos für den Klimaschutz : Deshalb gehen Schüler in Bonn zu "Fridays For Future"

Immer wieder freitags gehen Jugendliche und Studenten bei den Fridays For Future auf die Straße, um für den Klimaschutz zu streiken. Zwei Bonner Mitorganisatoren sprechen über ihre Ziele und den nächsten Protest auf dem Münsterplatz.

Wie sind Sie in Bonn dazu gekommen, sich zu organisieren?

Carl Eck: Ich hatte immer das Gefühl, meine Mitschüler seien ziemlich unpolitisch, bin zur Linksjugend gekommen und dort seit etwa zwei Jahren aktiv. Ein Freund kam dann auf die Idee, Fridays For Future zu organisieren – und da wollte ich mitmachen.

Noah Rosenbrock: Ich habe mich schon immer für Klimapolitik interessiert. Das erste Mal von Greta Thunberg, beziehungsweise der Bewegung, habe ich während der Klimakonferenz Cop 24 in Katowice gehört. Als ich mitbekommen habe, dass es auch in Bonn eine Ortsgruppe gibt, bin ich zu einem der offenen Plenen gegangen, und jetzt bin ich hier.

Die Bewegung mag aus der politischen Ecke die Initialzündung bekommen haben. Aber sie scheint eine breite Masse anzusprechen. Woher kommt dieser Impuls?

Eck: Dieses Gefühl habe ich auch. Menschen, die bisher politisch nicht engagiert waren, kommen nicht nur zu den Veranstaltungen, sondern engagieren sich ebenso bei der Organisation. Das hat mich erstaunt. Das Thema Umwelt zeigt, dass die Jugend etwas bewegen und sich einbringen möchte.

Rosenbrock: Es ist eben ein Bündnis, das auch aus Leuten besteht, die überhaupt noch keine politische Meinung haben, aber die sehen, dass es um unsere, um ihre Zukunft geht. Deshalb ist uns wichtig, dass wir von keiner Gruppe vereinnahmt werden und autark bleiben. Es ist wichtig, dass das auch so bleibt.

Noch einmal die Frage: Wie ist diese Massenbewegung zu erklären?

Eck: Das sind spontane politische Bewegungen, die etwas unvermittelt zu kommen scheinen, aber natürlich ist das für mich ein Ausdruck dafür, dass es schon ganz lange brodelt. Umweltproteste und Friedensbewegungen gab es schon in den sechziger und siebziger Jahren. Das ist also nichts Neues. Ich stelle aber fest, dass solche Demonstrationen in letzter Zeit wieder zugenommen haben. Die Proteste für den Erhalt des Hambacher Forstes zeigen das oder vor ein paar Jahren die Demonstrationen gegen Atomkraft.

Welche Rolle spielt die 16 Jahre alte Schwedin Greta Thunberg, die in ihrem Land die Klimaschutzbewegung anführt, die Süddeutsche bezeichnet sie als „Galionsfigur der Klimaschutzbewegung“?

Rosenbrock: Sie hat einen entscheidenden Anstoß gegeben. Ihr Video ist total viral gegangen. Das hat vor allem Jugendliche erreicht, weil sie selbst dazu gehört und eben nicht eine 40 oder 50 Jahre alte Berufspolitikerin ist. Thunberg ist auf einer Ebene mit uns, deshalb haben die Proteste auch die Stadt Bonn erreicht.

Wie hoch ist der Organisationsgrad für Fridays For Future?

Rosenbrock: Wir sind in Deutschland auf Ortsgruppen verteilt. Jede Gruppe hat Delegierte, die Nachrichten aus der Bundesgruppe weiterleiten. Jede Lokalgruppe organisiert aber selbstständig Streiks. Immer einer aus der Mitte dient als Ansprechpartner für die Polizei und als Anmelder des Protests.

Eck: Alle zwei Wochen findet ein Plenum statt, zu dem jeder kommen kann. Mobilisierung, Technik, Öffentlichkeitszuständige haben wir auch. Die Hierarchien sind flach, jeder kann sich einbringen. Manchmal ist es etwas chaotisch, aber am Schluss kommt etwas dabei heraus.

Manche Jugendliche treffen sich jeden Freitag. Ihr hattet die letzte Veranstaltung mit rund 2000 Teilnehmern im Januar, die nächste findet am 15. März statt. Warum diese zeitliche Lücke?

Rosenbrock: Wir glauben, dass es sinnvoller ist, die Demonstrationen nicht jede Woche zu organisieren, damit die Leute auch kommen und sich die Bewegung nicht totläuft.

Wie lässt sich das verhindern?

Rosenbrock: Überspitzt gesagt: Wir arbeiten eigentlich daran, überflüssig zu werden. Wir fordern das Einhalten der Klimaschutzziele, wie sie in Paris vereinbart wurden. Und am liebsten wäre es uns, wenn wir dafür nicht protestieren müssten. Aber die Wirklichkeit sieht derzeit leider anders aus. Unser Ziel ist es, nachhaltig weiterzuleben und unseren Planeten nicht zu überlasten. Die Zeit drängt. Wenn gefährliche Gase einmal ausgestoßen sind, dauert es Hunderte Jahre, bis das wieder rückgängig gemacht ist. Deshalb bin ich auch überzeugt davon, dass die Bewegung sich nicht in Luft auflöst, sondern Bestand haben wird.

Wie sehen die konkreten Forderungen aus?

Eck: Bis 2030 sollen 80 Prozent der Kohlekraftwerke abgestellt werden und der gesamte Kohleausstieg muss vor 2038 vollzogen sein. Dieser Wandel muss aber auch sozialverträglich sein. Den Beschäftigten in der Braunkohleindustrie darf nicht einfach gekündigt werden. Wenn wir auf erneuerbare Energien umsteigen, entstehen aber wiederum neue Arbeitsplätze. Ein weiterer wichtiger Punkt ist es, Mobilität komplett anders zu denken, um wegzukommen vom Auto, hin zu einer Ausweitung eines kostengünstigen Nahverkehrs und besserer Radinfrastruktur.

Rosenbrock: Es ist doch aberwitzig, dass es billiger ist, mit dem Flugzeug nach Berlin zu fliegen, als mit dem Zug zu fahren. Ich komme aus Rheinbach. Wenn der eine Bus ausfällt, warte ich 55 Minuten auf den nächsten. Das ist vielen zu lästig, und ich kann es verstehen. An dieser Stelle müssen die Politiker aufwachen und für gute Alternativen sorgen. Im Grunde geht es uns aber zunächst darum, die in Paris verhandelten Klimaschutzziele tatsächlich zu erreichen. In dem Vertrag stehen die zeitlichen Ziele, die sich die Länder selber gesetzt haben. Wir wollen erreichen, dass zumindest Deutschland sich daran hält.

Eck: Letztlich muss das 1,5-Grad-Ziel erreicht werden. Laut Pariser Abkommen von 2016 soll die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts nicht über diesen Wert steigen. Es spricht aber zum jetzigen Zeitpunkt viel dafür, dass dieses Ziel nicht erreicht wird.

Rosenbrock: Man kann infrage stellen, ob die beschlossenen Maßnahmen ausreichen. Aber so sieht unsere Forderung bis hierhin aus, und ich denke nicht, dass das eine radikale Forderung ist.

Gibt es Versuche, direkt auf Politik, Verwaltung, Wirtschaft zuzugehen?

Eck: Auf die Straße gehen ist der erste und wichtigste Schritt. Zwei Dinge kann man tun. Ich kann mir die Frage stellen, wie ich selbst nachhaltig leben kann. Und das zweite wäre die Einflussnahme auf die Politik, was ja bei demokratischen Wahlen anfängt und bei einem eigenen Engagement in der Politik enden kann.

Es wäre ja möglich, Entscheider direkt anzusprechen...

Eck: Politiker kann man natürlich ansprechen, aber im Zweifel wird ihnen das Thema Arbeitsplätze und Versorgungsplätze wichtiger sein. Das Reden wird aus meiner Sicht nicht viel bewirken. Man muss Druck machen, Druck auf der Straße und klar machen, dass die Jugend anders tickt. Wir lassen uns nicht länger etwas vormachen.

Wie ist das mit der Unterstützung aus dem Elternhaus?

Rosenbrock: Meine Mutter sieht es positiv und findet es gut, dass ich mich dafür einsetze. Das Negative kommt wohl eher aus der Schule selbst, aus den Ministerien, die Druck auf die jeweilige Schulleitung ausüben.

Es gibt zwar auch Unterstützer, doch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet sagt,Ihr sollt lieber zur Schule gehen und erinnert an die Schulpflicht.

Eck: Vielleicht sollte er sich selbst die Zeit nehmen, das Klimaschutzabkommen zu lesen.

Rosenbrock: Ich halte das Argument einiger, wir wollten nur die Schule schwänzen, für schwach. Die letzte Demonstration war im Januar bei recht kalten Temperaturen. Ich glaube kaum, dass 2000 Teilnehmer in Bonn auf die Straße gegangen wären, wenn es ihnen nicht um die Sache gehen würde. Da hätten sie sich doch besser vor den Fernseher setzen können.

Und was ist mit dem großväterlichen Ratschlag, in der Freizeit zu demonstrieren?

Eck: Wir gehen genau deshalb freitags auf die Straße, um gehört zu werden. Glauben Sie denn ernsthaft, man würde uns zuhören, wenn wir samstags oder sonntags in unserer Freizeit unterwegs wären. Das wäre vielleicht eine Randnotiz wert. So haben wir offenbar einen Nerv getroffen.

Rosenbrock: Es wäre genauso ineffektiv, wenn Arbeitnehmer streiken würden, wenn sie gerade frei haben. Wir streiken bewusst während der Schulzeit, damit sich die Politiker mit uns beschäftigen müssen.

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