20 Jahre Regierungsumzug – eine Bilanz: Der Strukturwandel in Bonn ist geglückt

20 Jahre Regierungsumzug – eine Bilanz : Der Strukturwandel in Bonn ist geglückt

Bonn hat sich von der einstigen Funktion als Bundeshauptstadt emanzipiert. Im Regierungsviertel konzentriert sich heute fast ein Fünftel aller Bonner Arbeitsplätze.

So lange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird, heißt es in Martin Walsers Roman „Ein springender Brunnen“. Mit Bonn hat er nichts zu tun – doch traf er, als er 1998 erschien, die Situation in der Stadt am Rhein recht gut. Auch wenn die große Kolonne der Umzugswagen noch ein Jahr auf sich warten ließ, dämmerte es den Menschen in der Noch-Bundeshauptstadt doch so langsam, dass dort etwas zu Ende ging.

Rückblende. Als sich am 20. Juni 1991 der Bundestag mit knapper Mehrheit für den Umzug von Parlament und Teilen der Regierung nach Berlin entscheidet, macht sich unter Bonner Einzelhändlern, bei den unzähligen kleineren Dienstleistern mit Auftraggebern im Regierungsviertel und auch in der lokalen Immobilienwelt ein Gefühl breit, das für diese Branchen jahrzehntelang ein Fremdwort geblieben ist: Existenzangst.

„Wir lassen Bonn nicht im Regen stehen“

Die Indizien, dass der erzwungene Wandel für Bonn verträglich ausgehen könnte, ragen da bereits schlank und stählern über die Stadt. Beschlossen ist beschlossen, und so drehen sich die Kräne über dem zunächst als Abgeordnetenhaus geplanten Langbau des Architekten Schürmann, über dem neuen Plenarsaal von Behnisch, der Kunst- und Ausstellungshalle von Peichl, dem Haus der Geschichte von Rüdiger und dem städtischen Kunstmuseum von Schultes munter weiter.

„Wir lassen Bonn nicht im Regen stehen“, so lässt sich das Diktum der Parteien im Bundestag kurz und knapp zusammenfassen. Und dieser Rückenwind trägt die Stadt buchstäblich in die Zukunft. Der prognostizierte Untergang findet nicht statt, die Lichter am Rhein bleiben an. Und noch dauert es eine Weile, bis in der Stadt die letzten Auflagen der Postkarten mit der Aufschrift „Bundeshauptstadt Bonn“ vergriffen sind.

Auf eine Milliarde Euro werden später die Investitionen des Bundes beziffert, die der Bund nach dem Umzugsbeschluss in Bonn tätigt. Sechs Ministerien behalten ihren ersten Dienstsitz am Rhein, hinzu kommen Post, Telekom und die Vereinten Nationen, die sich in den früheren Parlamentsgebäuden und rund um das einstige Parlament ansiedeln.

Von dort aus waren fast 50 Jahre lang allabendlich die Bilder in alle Welt gegangen: Der Bundespräsident mit Staatsgästen und dem Wachbataillon auf dem roten Teppich vor der Freitreppe der Villa Hammerschmidt. Die Limousinen der Fahrbereitschaft des Bundestages vor dem Plenarsaal. Die Wagen der Koalitionäre in der Zufahrt zum Kanzleramt. Und natürlich der Lange Eugen – für Generationen von Nachrichtensendungen das Hintergrundfoto für Schaltgespräche aus Bonn.

Das ehemalige Regierungsviertel

Fast ein Fünftel aller Bonner Arbeitsplätze

Längst hat das ZDF seine sonntägliche Politiksendung „Bonn direkt“ in „Berlin direkt“ umbenannt. Doch niemals geht man so ganz. Das frühere Hauptstadtstudio platzt aus allen Nähten und dient dem Dokumentations- und Ereigniskanal Phoenix als Hauptsitz, auch der WDR nutzt das Gebäude für sein Bonner Studio. Gedanken an einen Umzug, womöglich gar nach Berlin, gibt es bei Phoenix nicht. Wie so viele andere Beispiele steht der öffentlich-rechtliche Sender exemplarisch für den erfolgreichen Strukturwandel.

Davon zeugen auch die nackten Zahlen. Um das Jahr 1990 beherbergte das Regierungsviertel laut Stadtverwaltung knapp 21.000 Arbeitsplätze. Mehr als 45.000 sind es den städtischen Angaben zufolge heute. Damit konzentriert sich in der Gronau, wo bis zum Krieg freies Feld nur von einigen Solitärbauten wie Pädagogischer Akademie, Stadthalle und Wasserwerk unterbrochen wurde, heute fast ein Fünftel aller Bonner Arbeitsplätze.

Apropos Wasserwerk: Zwischen den prominenten Altbau, der dem Bundestag in den späten 1980er Jahren als Interimsquartier diente, und seinen transparenten Neubau schiebt sich derzeit ein neues, 17-stöckiges Hochhaus: Dem UN-Klimasekretariat, der größten Bonner UN-Organisation, wird es im früheren Abgeordnetenhochhaus neben dem alten Bundestag allmählich zu eng.

WCCB, Telekom und DPDHL

Der Neubau ist Teil einer Rahmenplanung, mit der die Stadt das einstige planerische „Sondergebiet Hauptstadteinrichtungen“ schrittweise weiterentwickeln möchte. Gleich nebenan, im World Conference Center Bonn (WCCB), verhandelt die Welt. Dass das Kongresszentrum wegen des Investorenskandals und Defiziten aus dem Betriebsergebnis für den städtischen Haushalt – und damit die Steuerzahler – zum finanziellen Alptraum wurde, steht auf einem anderen Blatt.

Die größten Arbeitgeber in dem längst zum „Bundesviertel“ umfirmierten Quartier sind Telekom und Post, deren Post Tower auch schon fast zwei Jahrzehnte die Silhouette Bonns überragt. Und auch in den umliegenden Straßen leuchtet vor so manchem Gebäude das gelbe Signet der Post.

Von Monokultur ist der Arbeitsmarkt gleichwohl weit entfernt: Das Spektrum reicht vom Forschungszentrum Caesar und der Deutschen Welle bis zum Johanniter-Krankenhaus, der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Kommando Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr, dessen Bürokapazitäten in einem früheren Kanzleigebäude ein gutes Jahr nach dem Einzug schon wieder erschöpft sind. Ein Paradebeispiel dafür, wie wirksam der Bund Bonn „von der Leine gelassen“ hat, findet sich entlang der Kurt-Schumacher-Straße, wo Ärzte, Redaktionsbüros, ein Restaurant und ein Kindergarten die ehemaligen Landesvertretungen bezogen haben.

Mittagessen im Bundesrechnungshof

Ausreichend Stoff für eine eigene Monografie böte längst die Rochade, zu der sich nach 1999 Ministerien und oberste Bundesbehörden in Bewegung setzten. Ein Beispiel ist der Bundesrechnungshof, das mit dem Berlin/Bonn-Gesetz von Frankfurt an den Rhein verlagert wurde und heute seinen Sitz im früheren Bundespostministerium nahe der Zweiten Fährgasse zwischen Adenauerallee und Rhein hat.

Wer Lust verspürt, sein Mittagessen in einem authentischen Gebäude der frühen Bundeshauptstadt einzunehmen und beim Blick auf den Rhein gedanklich dem „Strom der Geschichte“ (Helmut Kohl) nachzuhängen, ist im – öffentlichen – Kasino des Bundesrechnungshofes richtig. Und dann gibt es natürlich noch jene Gebäude, an deren Zweckbestimmung sich mit dem Umzug nichts verändert hat, etwa die Villa Hammerschmidt als Bonner Dienstsitz des Bundespräsidenten oder die Hardthöhe als Standort des Bundesverteidigungsministeriums.

Es gebe im politischen Berlin keine Bonn-Nostalgie, sagte im Kontext dieser Serie neulich Wolfgang Schäuble. Vielen Abgeordneten, so der Bundestagspräsident, fehle die persönliche Erinnerung an die Zeit der Hauptstadt am Rhein. Doch auch in Bonn verblassen die persönlichen Erinnerungen.

So halten sich die Emotionen über den Abriss der Cäcilienhöhe oder den Verfall des Amerikanischen Clubs in Grenzen. Und wer seinen auswärtigen Gästen bei einer privaten Stadtführung mit dem lange bewährten „Hier konnte man früher immer beobachten, wie...“ kommt, blickt inzwischen zunehmend in teilnahmslose Gesichter. Doch die Bonner Gastgeber können beruhigt sein. Denn gerade die rasante Entwicklung ist es, die besonders bei jungem Publikum das Interesse an Bonn wachsen lässt. An der Stadt, die mal Hauptstadt war.

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