Professor Carl Christoph Schweitzer: Der richtige Mann am richtigen Platz

Professor Carl Christoph Schweitzer : Der richtige Mann am richtigen Platz

Professor Carl Christoph Schweitzer baute vor 65 Jahren die Bundeszentrale für politische Bildung mit auf. Er musste gegen massive Widerstände kämpfen und gegen einen Mann, der die Nürnberger Rassengesetze kommentiert hatte.

Der Mann ist ein lebendiges Geschichtsbuch. Faszinierend kann der Politikwissenschaftler Professor Carl Christoph Schweitzer auch mit 92 Jahren über die Anfänge der Bundesrepublik Deutschland erzählen: Wie er zum Beispiel von 1952 bis 1961 die Bonner Bundeszentrale für Heimatdienst und damit die heutige Bundeszentrale für politische Bildung mit aufbaute. Wie er berühmte Menschen wie den Philosophen Max Horkheimer als Referenten an den Rhein holte. Oder wie er brisante Dokumente aus der Nazizeit für die Entnazifizierungskampagne an Land zog, und wie er sich letztlich gegen die Machenschaften entsprechender politischer Gegner in den Bundesministerien wehren musste.

Die hatten dem jungen Wissenschaftler offensichtlich schnellstens den Stuhl vor die Tür setzen wollen. Schweitzer berichtet von alldem mit Feuereifer und offenbart: Er war in den Nachkriegsjahren genau der richtige Mann am richtigen Ort.

Schweitzer war schon Ende 1951 von Staatssekretär Hans Ritter von Lex eingestellt worden, um die neue Behörde mit dem kommenden ersten Direktor Paul Franken vorzubereiten. Im Herbst 1962 ging sie offiziell „an den Strom“. Und so kann das 2017 fällige 65-jährige Bestehen der Zentrale schon dieser Tage eingeläutet werden. „Wir sollten anfangs hauptsächlich dafür sorgen, dass die Bevölkerung endlich nicht mehr dem NS-Regime nachtrauerte“, erzählt Schweitzer.

Vor allem sollte die neue Bundeszentrale dabei helfen, den Deutschen die Demokratie nahezubringen. Viele hätten immer noch nicht glauben wollen, dass das Terrorregime und der Holocaust Millionen Menschen das Leben gekostet hatten. „In vielen Köpfen galten die Widerständler des 20. Juli weithin als Verräter. Dieser Lüge mussten wir entschieden entgegentreten“, betont der 92-Jährige im Rückblick. Es sei klar gewesen, dass politische Bildung damit vor allem in die Schulen hineinwirken musste.

Referat für Referat habe er in der Zentrale mit Experten besetzt, die garantiert keine Nazi-Vergangenheit hatten, erklärt Schweitzer. „Wir haben auf allen Kanälen agiert: in den Medien, im Film, in Vorträgen.“ Dafür habe er Zeitzeugen und Originalzeugnisse aufgespürt, die die Massenmörder entlarvten. Letztlich habe damit von Anfang an auch die Förderung des europäischen Gedankens im Fokus gestanden, meint Schweitzer.

Und wie hat er Max Horkheimer zu zwei Tagungen ins Rheinhotel Dreesen gelockt? „Och, ich habe ihn aufgesucht, wir haben uns kenntnisreich ausgetauscht, und dann referierte er bei uns über Antisemitismus“, schildert der 92-Jährige. Politische Gegner habe er mit seiner konsequenten Art natürlich sofort gehabt, sagt Schweitzer, der ab 1961 im persönlichen Stab von Bundespräsident Heinrich Lübke tätig war, ab 1963 als Professor in Berlin und seit 1969 an der Universität Bonn lehrte und von 1972 bis 1980 für die SPD als Mitglied im Deutschen Bundestag saß.

„Dem umstrittenen Hans Globke war meine Arbeit in der Bundeszentrale damals ein Dorn im Auge“, erläutert Schweitzer. Genau jenem Kanzleramtschef von Konrad Adenauer, dessen Wirken von 1953 bis 1963 Kulturstaatsministerin Monika Grütters heute in einem wissenschaftlichen Projekt über NS-Wurzeln untersuchen lässt. Globke, der 1936 die Rassengesetze von Nürnberg kommentiert hatte, habe ihn unbedingt weghaben wollen. „Da hat nur noch Staatssekretär Ritter von Lex meinen Kopf retten können.“

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