Interview: "Der bedeutendste Technikbau der Römer nördlich der Alpen"

Interview : "Der bedeutendste Technikbau der Römer nördlich der Alpen"

Der Morenhovener Professor Klaus Grewe (70) ist der Römerkanal-Experte schlechthin. Fast sein ganzes Berufsleben hat sich der Archäologe mit der Erforschung der antiken Wasserleitung beschäftigt. Mit ihm sprach Hans-Peter Fuß.

Was macht die Faszination dieses Bauwerks aus?
Klaus Grewe: Römische Ingenieure haben mit einfachen Mitteln technische Großbauten verwirklicht, die Vergleiche mit Bauwerken unserer Zeit nicht scheuen müssen. Die Aquädukte mit ihren Brücken, Tunneln und Druckleitungen haben einen Ingenieurgeist gefordert, der uns beeindruckt.

Wie haben die Römer die Kanaltrasse mit ihren Höhenunterschieden vermessen?
Grewe: Der römische Fachschriftsteller Vitruv (1. Jahrhundert v. Chr.) beschreibt einen Chorobaten, ein fast sechs Meter langes Nivelliergerät aus Holz, das sich mittels Loten und einer Wasserwaage horizontal stellen ließ. Mit diesem Gerät wurden die Höhen Punkt für Punkt übertragen. Durch Wenden des Chorobaten bei jedem zweiten Messgang wurden unvermeidbare Gerätefehler automatisch eliminiert. Durch Zählung der Geräteaufstellungen konnte man die für die Planung des Gefälles unverzichtbare Streckenlänge ermitteln. Einfach und genial zugleich.

Wie lange haben Sie am Römerkanal geforscht?
Grewe: Mein Berufsleben nach dem Ingenieurstudium begann 1967 am Rheinischen Landesmuseum Bonn, und ich merkte bald, dass in meinem Arbeitsgebiet ein technisches Bauwerk schlummerte, das man getrost als den bedeutendsten Technikbau der Römerzeit nördlich der Alpen bezeichnen kann. 1986 habe ich den "Atlas der römischen Wasserleitungen nach Köln" vorgelegt.

Auf welchem Stand war die Forschung 1967?
Grewe: Die ersten Forschungen datieren in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Vor mir hat sich Waldemar Haberey mit dem Bauwerk beschäftigt. Auf seinen Forschungen konnte ich aufbauen.

Wie sind Sie vorgegangen?
Grewe: Mich hat besonders der vermessungstechnische Hintergrund interessiert. Da Anfang der 70er Jahre im Verlauf der Römerkanaltrasse das letzte Blatt der Deutschen Grundkarte 1:5000 fertiggestellt war, fand ich es reizvoll, den Trassenverlauf in diesem großen Maßstab neu zu kartieren. Das erforderte zur Lückenschließung viele archäologische Eingriffe.

Wie viele Grabungen haben Sie vorgenommen?
Grewe: Ein paar Dutzend. Das Spektrum geht von der kleinen Baustellenbeobachtung bis zu einem großflächigen Bodeneingriff.

Ihr bedeutendster Fund?
Grewe: Zum ersten Mal nachzuweisen, dass die Römer ihre Aquädukttrassen in Baulose eingeteilt haben, fand ich ganz gut. Auch der Befund, dass die Brücken dem Wasserleitungsbau vorauseilend gebaut worden sind, war neu. Bisher unbekannte Kleinbauwerke und Brücken zu lokalisieren, freizulegen und der Fachwelt konserviert zu präsentieren, hat mir Spaß gemacht - über die Bedeutung sollen andere urteilen.

Warum holten sich die Römer das Wasser für Köln aus der Eifel? Gab es in der Stadt keine Brunnen?
Grewe: Das Eifelwasser kam aus der Sötenicher Kalkmulde. Dort war das Wasser in großer Qualität und Quantität vorhanden. Und es waren 20 Millionen Liter, die täglich nach Köln transportiert werden konnten. Ab dem Ende des 3. Jahrhunderts können wir für Köln einen vermehrten Brunnenbau nachweisen, was uns in der Annahme unterstützt, die Leitung habe die Frankeneinfälle dieser Zeit nicht überstanden.

Warum bevorzugten die Römer kalkhaltiges Wasser?
Grewe: Die einen sagen: Das schmeckt besser. Aber es wird noch einen Grund gehabt haben. Das kalkhaltige Wasser führte zu Kalkausscheidungen, die im Druckleitungsnetz innerhalb der Stadt die Bleirohre innen versiegelte. Damit war einer Bleivergiftung des Wassers vorgebeugt.

Sind die Forschungen am Römerkanal weitgehend abgeschlossen?
Grewe: Ob es in absehbarer Zeit noch gezielte archäologische Untersuchungen am Römerkanal geben wird, kann ich nicht sagen. Zufallsfunde bei Baumaßnahmen wird es mit Sicherheit noch geben.

Welche Stellen sollten sich Interessenten unbedingt ansehen?
Grewe: Ich empfehle die Wasserfassungen am Grünen Pütz (Nettersheim) und Klausbrunnen (Mechernich-Kallmuth). Dann die Brücken in Vollem und Vussem. Und auch den Aufschluss bei Breitenbenden, denn dort kann man sogar sehen, dass die Römer im Leitungsinneren Zierfugen eingeritzt haben. Als wären sie nur zur Freude des Archäologen fast 2000 Jahre nach dem Bau gedacht gewesen. Pfusch am Bau sieht wahrlich anders aus.

Zur Person

Klaus Grewe (70) studierte in Mainz Vermessungswesen. Er war 43 Jahre beim Amt für Bodendenkmalpflege des LVR tätig. Seit 2000 ist er Honorarprofessor an der TH in Aachen. Seine Hauptforschungsgebiete sind antike Wasserleitungen, Straßen und Tunnel. In seinem Wohnort Swisttal-Morenhoven rief er die überregional bekannten Kabaretttage ins Leben.

Mehr von GA BONN