Gespräch über Essgewohnheiten: Das rät eine Bonner Ernährungsexpertin

Gespräch über Essgewohnheiten : Das rät eine Bonner Ernährungsexpertin

Die Bonner Ernährungswissenschaftlerin Margareta Büning-Fesel macht sich dafür stark, dass die Menschen ihre Essgewohnheiten ändern. Durch zu viel ungesunde Lebensmittel gibt es mehr Erkrankungen, die das Gesundheitssystem jährlich rund 63 Milliarden Euro kosten.

Was haben Sie heute gefrühstückt?

Margareta Büning-Fesel: Ein Müsli aus Getreideflocken, Nüssen, Joghurt und frischen Früchten, heute mit Pfirsich und Johannisbeeren, und einen Milchkaffee dazu. Das schmeckt mir und macht lange satt.

Was ist das größte Problem beim Essverhalten der Deutschen? Die XXL-Portion?

Büning-Fesel: Nicht unbedingt nur das, sondern auch die Tatsache, dass immer und überall etwas zum Essen angeboten wird: in Fußgängerzonen, in Einkaufszentren, in Bahnhöfen. Die Aufnahme an Nahrungsenergie übersteigt dann schnell den Verbrauch. Bei vielen Snacks verliert man den Überblick und das Gefühl für die Menge, die man isst.

Zu viel Zucker, zu viele Fette, zu viel Salz: Ist das nicht auch problematisch?

Büning-Fesel: Zu viel ist nie gut. Immer mehr Menschen leiden an Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes mellitus Typ 2. Weil sie es eben nicht schaffen, Süßigkeiten nur manchmal zu essen und beim Gemüse doppelt zuzugreifen. Weil sie ständig und überall für kleines Geld wohlschmeckende, aber oftmals hochkalorische, fettreiche Speisen und zuckerhaltige Getränke kaufen können. Weil sie mehr Salz verwenden und weniger Vollkornprodukte essen als empfohlen.

Wie sehen die Folgen für die Gesellschaft aus?

Büning-Fesel: Eine ungünstig zusammengesetzte Ernährung, ausgeprägtes Übergewicht und Bewegungsmangel führen dazu, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ2-Diabetes und Krebs zunehmen. Solche ernährungsmitbedingten Erkrankungen gelten weltweit als Todesursache Nummer eins. Sie beeinträchtigen nicht nur die Lebensqualität, sondern bedeuten auch eine hohe Belastung für die Sozialsysteme. Die deutsche Allianz für nichtübertragbare Krankheiten weist darauf hin, dass sich die Kosten für die Folgeerkrankungen von krankhaftem Übergewicht auf jährlich rund 63 Milliarden Euro beziffern.

Sie werden beim Forum über Lebensstiländerungen diskutieren. Wie können die aussehen?

Büning-Fesel: Hilfreich ist es, Wissen und Kompetenz in Sachen Ernährung und im Umgang mit Lebensmitteln so früh wie möglich zu unterstützen. Es geht aber auch darum, die Essumgebung der Menschen so zu gestalten, dass die gesündere Wahl die leichtere Wahl ist. Hier setzt unter anderem die nationale Reduktions- und Innovationsstrategie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) an, indem vor allem Fertigprodukte auf Dauer weniger Energie, Zucker, Salz und ungünstige Fette enthalten sollen.

Welche Zielgruppen haben Sie in Ihrer Arbeit besonders im Blick? Die Familie?

Büning-Fesel: Ja genau, junge Familien und auch Bildungseinrichtungen wie Kita und Schule stehen bei der Arbeit des Bundeszentrums für Ernährung im Fokus. Mit unserer Initiative „Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie“ möchten wir junge Familien in ihrer Gesundheitskompetenz stärken, unter anderem mit einheitlichen Handlungsempfehlungen. Mit unseren Aktivitäten zur Ernährungsbildung, zum Beispiel dem Ernährungsführerschein für die Grundschule, unterstützen wir Lehrkräfte bei ihrer Bildungsarbeit. Mit dem nationalen Qualitätszentrum für die Ernährung in Kita und Schule bündeln wir Maßnahmen und Interessen rund um eine ausgewogene und gesundheitsförderliche Kita- und Schulverpflegung.

Finden Konsumenten in Bonn denn ein vergleichsweise gutes Angebot gesunder Lebensmittel?

Büning-Fesel: Bonn liegt ja mitten in einem Anbaugebiet für Gemüse und Obst, sodass man auf den Wochenmärkten oder in der Direktvermarktung ein großes Angebot an frischen, saisonalen und regionalen Produkten findet. Und auch viele gute Initiativen unterstützen die Versorgung mit regional und fair erzeugten Lebensmitteln, beispielsweise „Bonn im Wandel“.

Warum bleiben wir trotzdem oft in schlechten Zubereitungsarten verhaftet?

Büning-Fesel: Das Wissen rund um die Auswahl und die Zubereitung von Lebensmitteln ist eine wichtige Alltagskompetenz, die gelernt und gelebt werden muss. Unterstützung erfahren Familien dabei idealerweise von Kita und Schule, indem hier Ernährungsbildung eine Rolle spielt.

Wird in Bonner Kindertagesstätten, Schulen und Mensen denn gesund gegessen?

Büning-Fesel: Das kommt auf das jeweilige Angebot an. Mit den Qualitätsstandards der deutschen Gesellschaft für Ernährung für die Verpflegung in der Kita oder Schule gibt es eine klare Orientierungshilfe: und zwar für die Lebensmittelauswahl und die Zusammensetzung der Speisen. Dies kann zum Beispiel bei der Ausschreibung eines Verpflegungsanbieters zugrunde gelegt werden. Hilfestellung bietet auch die Vernetzungsstelle für Kita- und Schulverpflegung NRW. Sie ist bei der Verbraucherzentrale NRW angesiedelt. Wichtig ist, dass alle Beteiligten rund um die Verpflegung an einem Strang ziehen und ihre Ansprüche und Bedürfnisse klar formulieren.

Stehen nicht auch die Betriebe in großer Verantwortung?

Büning-Fesel: Ja unbedingt. Auch Betriebe können mit einer guten betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) in ihrem Gesundheits-Management ganz erheblich zum Wohlbefinden ihrer Beschäftigten beitragen, gerade mit Blick auf die Ernährung. Die BGF hat zudem durch das Präventionsgesetz neuen Schub und mehr finanzielle Ressourcen bekommen.

Wie sollten unsere Lebensmittel der Zukunft beschaffen sein?

Büning-Fesel: Anfang des Jahres haben Wissenschaftler einen „Speiseplan der Zukunft“ vorgestellt, der die Gesundheit des Menschen und die des Planeten gleichermaßen schützen soll. Auf diesem Speiseplan steht die doppelte Menge an Gemüse und Obst, Hülsenfrüchten und Nüssen und nur noch die Hälfte an Fleisch und Zucker wie bisher. Als einfache Faustregel für den eigenen Teller gilt: Iss bunt und wähle mindestens drei Viertel der Lebensmittel aus pflanzlicher Herkunft.

Ist im Ernährungsbereich mehr Lenkung durch den Staat wünschenswert?

Büning-Fesel: Die Entwicklung hin zu einer mehr gesundheitsförderlichen Ernährung darf nicht nur dem Einzelnen überlassen bleiben. Hier sind klare Rahmenbedingungen und Vereinbarungen sinnvoll. Der Staat hat die übergeordnete Aufgabe, seine Bürgerinnen und Bürger zu unterstützen, ohne sie jedoch einzuschränken. Es geht hier nicht um strikte Verbote, sondern um kreative und innovative Lösungen. Hilfreich sind moderne Public-Health-Maßnahmen, also etwa eine intuitiv und leicht erkennbare Nährwert-Kennzeichnung auf verarbeiteten Lebensmitteln oder die Anwendung von Nudges, die sanft zur gesünderen Wahl anstupsen.

Und was kann das „Nudging“ konkret anstupsen?

Büning-Fesel: Zum Beispiel: mehr Gemüse in die erste Reihe, indem keine Süßigkeiten auf Augenhöhe von Kindern in der Kassenzone am Supermarkt liegen, sondern Obst oder Gemüse. Oder dass immer Trinkwasser in Karaffen auf dem Tisch steht, dass das Obstangebot in der Kantine vor dem Pudding erfolgt oder die Salatauswahl gleich zu Beginn des Angebots zu finden ist. Da gibt es viele spannende Ansätze.

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