Leiterin Ingrid Schöll im Interview: Das plant die VHS in Bonn für die Zukunft

Leiterin Ingrid Schöll im Interview : Das plant die VHS in Bonn für die Zukunft

Die Leiterin der Volkshochschule, Indrid Schöll, spricht mit Lisa Inhoffen und Philipp Königs über die künftigen Aufgaben der VHS, bauliche Schwächen und die Pläne für das Beethovenjahr 2020.

Vor etwa drei Jahren ist die Volkshochschule Bonn (VHS) in das neue Haus der Bildung an den Mülheimer Platz gezogen. Leiterin Ingrid Schöll freut sich immer noch täglich über ihren Arbeitsplatz.

Wie lange ist es her, dass Sie persönlich einen VHS-Kursus besucht haben?

Ingrid Schöll (lacht): Ich bin ja als Leiterin ständig in der VHS. Ich habe in unserem Haus unter anderem an einem Powerpoint-Kursus teilgenommen. Wie lange das her ist, weiß ich nicht mehr genau. Dazu absolviere ich regelmäßig Referentenfortbildungen, ich mache Kurse zu Twitter und Facebook und bin regelmäßig selbst bei Veranstaltungen dabei. Übrigens auch in der VHS in Bad Godesberg.

Die Volkshochschule ist ein Pflichtangebot der Stadt. Wie hat sich das Angebot in den vergangenen Jahren verändert?

Schöll: Veranstaltungen, wie wir sie im großen Saal durchführen, hatten wir vor dem Umzug in das Haus der Bildung eher selten. Wir hatten ja auch nicht diesen wunderbaren Saal, wie Sie ihn im ersten Obergeschoss vorfinden. Ein wichtiger Ort, an dem die Stadtgesellschaft über alle Themen diskutieren kann, die sie betreffen. Mit etwa 130 Plätzen hat er eine gute Größe für die Diskussionsveranstaltungen, die meistens sehr gut besucht werden.

Bei uns fand zum Beispiel die erste Debatte über eine mögliche Seilbahn zum Venusberg statt. Dieses Semester hatten wir eine Reihe zur Stadtentwicklung auf dem Programm, die auch außerordentlich gut besucht war. Wir bewegen mit solchen Angeboten etwas in der Stadtgesellschaft. Und wir stellen fest: Es kommen Besucher, die sonst gar nicht kämen. Vor allem jüngere Leute. Genauer gesagt: Bei den gesellschaftlichen Diskursen in unserem Haus sind immer alle Generationen gut vertreten.

Sind Kursangebote wie gemeinsames Singen oder Weinwanderungen durch das Siebengebirge noch zeitgemäß? Ist das wirklich Aufgabe einer VHS?

Schöll: Aber ja. Gemeinsames Singen ist sehr wichtig. Diese Angebote werden auch sehr gut angenommen. Viele Menschen wollen sich halt nicht in einem festen Chor binden. Für sie ist Singen Entspannung. Deshalb dürfen diese Kurse in keinem Programm fehlen. Sie mögen lächeln, aber auch die Weinwanderungen finden stets großen Zuspruch. Für Sie und mich, die wir schon lange hier leben, mag das komisch klingen. Aber es leben viele Neubonner in der Stadt, darunter auch viele aus anderen Ländern. Sie lernen auf diese Weise die Region und ihre Geschichte kennen. Manche Exkursionen führen wir deshalb auch auf Englisch durch. Sie sind sehr nachgefragt. Und wundern Sie sich nicht, die Altersspanne bei den Teilnehmern der Wanderungen ist groß, sie bewegt sich zwischen 15 und 85.

Das Haus der Bildung ist vor knapp drei Jahren eingeweiht worden.Der frühere Kulturdezernent Ludwig Krapf, der sich immer sehr für den Bau eingesetzt hat, wollte damit auch eine Belebung der Innenstadt erreichen. Hat sich diese Hoffnung aus Ihrer Sicht erfüllt?

Schöll: Absolut. Ein Riesenvorteil ist die zentrale Lage, das Haus ist aus allen Richtungen sehr gut zu erreichen. Jemand, der zum Beispiel in Vilich wohnt und abends einen Kursus in Spanisch belegt hat, der hat hinterher kein Problem, mit dem ÖPNV wieder nach Hause zu kommen. Natürlich gelangt man auch mit dem Auto gut in die Stadt, allerdings muss man dann Parkgebühren zahlen. Einige trauern deshalb dem kleinen Parkplatz der alten VHS an der Wilhelmstraße nach. Aber das ist für eine Innenstadtlage ohnehin nicht selbstverständlich. Auch vor dem neuen VHS-Gebäude ist viel mehr Leben als früher.

Das Haus der Bildung ist ein Haus des Wohlbefindens, es zieht die Menschen an, die Architektur fasziniert sie. Das hat sich so schnell rumgesprochen, dass wir auch im Ausland bekannt sind. Im Nachhinein kann man von Glück sagen, dass die Stadt Bonn diese Lage dafür genutzt hat. Es war eine gute Entscheidung, mit dem Haus der Bildung nicht hinter den Bahnhof zu gehen, wie ursprünglich angedacht war. Wie gut die Lage, wie ansprechend das Gebäude ist, sehe ich auch daran, dass mein Verband am liebsten jede Gremiumssitzung hier abhalten würde.

Im vergangenen Winter hat das Café im Haus der Bildung schließen müssen, weil die Heizung nicht funktionierte. Gibt es noch an anderen Stellen bauliche Probleme?

Schöll: Ja, das mit der Heizung im Foyer ist in der Tat ein Problem. Das hat man nicht gut überlegt. Die Gestaltung des Eingangsbereich ist ganz klar ein Planungsfehler. Da muss eine Lösung auf den Tisch, denn das Café ist wichtig, es ist unser Schaufenster. Das Städtische Gebäudemanagement arbeitet zurzeit an einer Lösung. Wir mussten übrigens auch den Anmeldungsbereich verlegen, der war viel zu klein geplant. Manche Dinge ergeben sich erst, wenn man sie nutzt.

Wie kommt das Haus der Bildung bei den Bürgern an?

Schöll: Viele äußern sich erstaunt darüber, dass die Stadt Bonn für die Volkshochschule und Zentralbibliothek ein so schönes Gebäude bereitstellt und keine 08/15-Lösung gewählt hat. Das empfinden viele unserer Besucher als persönliche Wertschätzung. Sie loben oft die geschmackvolle Inneneinrichtung, die hohe Wertigkeit der Materialien. Dann sind natürlich auch alle froh, dass VHS und Bibliothek barrierefrei sind. Das war das Gebäude an der Wilhelmstraße nicht.

Das Haus der Bildung hat mit 26,4 Millionen Euro am Ende auch deutlich mehr gekostet als ursprünglich veranschlagt. Spielt das bei den Bürgern noch eine Rolle?

Schöll: Nein, dazu höre ich nichts. Ich muss auch sagen, bei der Menge an umbautem Raum ist die Summe angemessen. Klar, es handelt sich um Steuergelder, aber sie wurden komplett für die Bürger aufgewandt. Wir haben alle etwas davon. Neulich sprach mich eine ältere Frau an, sie war sehr gerührt, weil sie sich so sehr freute, trotz ihrer kleinen Rente unsere Angebote wahrnehmen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Wir haben eben ein niederschwelliges Kulturangebot und sind wirklich ein Haus der Generationen.

Wo sehen Sie denn noch Verbesserungsbedarf?

Schöll: Unser digitaler Bereich ist noch ausbaufähig. Vor allem das Wlan im Haus könnte verbessert werden. Das ist wichtig.

Wie klappt die Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek?

Schöll: Sehr gut. Die Kursteilnehmenden können zum Beispiel gleich nach Ende des Kurse in die Stadtbücherei gehen und sich dort mit der entsprechenden Literatur versorgen. Das hatten wir früher nicht. Das nehmen vor allem die Teilnehmenden in Anspruch, die selbstlernfähig sind, für sie ist das toll. Andere Teilnehmende führen wir an die Nutzung der Stadtbibliothek heran. Das gilt vorwiegend für Integrationskurse. Sie werden beispielsweise von unseren Dozenten durch die Bibliotheksräume geführt, damit sie das Angebot kennenlernen.

Apropos Integrationskurse: Reicht das Angebot aus?

Schöll: In den beiden vergangen Jahren war unsere VHS den ganzen Tag über mit Integrationskursen belegt. Wir haben damals dafür auch sehr schnell das notwendige Personal zur Verfügung gestellt bekommen. Trotzdem war es für alle eine große Herausforderung, zumal viele junge Menschen, die zu uns kamen, schwer traumatisiert waren. Das hat uns alle oftmals an den Rand unserer Kräfte gebracht. Aber wir haben es bewältigt. Inzwischen hat sich einiges geändert. Wir bieten jetzt vorwiegend berufsbezogene Integrationskurse an. Auch ist der Andrang aufgrund der rückläufigen Flüchtlingszahlen nicht mehr so groß.

Ist die VHS eigentlich in die Vorbereitungen für das Beethoven-Jubiläum 2020 eingebunden.

Schöll: Direkt nicht. Man verbindet die Volkshochschule ja nicht primär mit Beethoven, dafür stehen in Bonn viele andere Einrichtungen und Institutionen. Aber wir bedienen das Thema trotzdem. So präsentieren wir in der VHS seit vier Jahren Filme zu Beethoven. Seit drei Jahren steht eine Beethovenvitrine in unserem Haus, die wir gemeinsam mit dem Stadtmuseum betreuen. Ich könnte mir aber vorstellen, für das Beethoven-Jubiläum eine Ausstellung zu konzipieren, die das heutige Wien zeigt. Beethoven hat dort lange gelebt. Wir sind noch auf der Suche nach etwas, was andere noch nicht machen oder gemacht haben.

Finden Sie das Jahresbudget von 4,7 Millionen Euro ausreichend?

Schöll: Wir hoffen, dass das Land die Arbeit der Volkshochschulen noch weiter und nachhaltig unterstützt, gerade in den wichtigen Feldern Digitalisierung, Grundbildung und demografischer Wandel, wo wir Verstetigung und keine Projektförderung benötigen. Weiterhin kann ich mir vorstellen, dass wir gemeinsam mit der Kommune und den Akteuren des Arbeitsmarkts die Synergien im Drittmittelbereich verbessern und hier – auch in den Quartieren – vertieft zusammenarbeiten.

Wo sehen Sie die VHS in zehn Jahren?

Schöll: Bis dahin müssen wir drei wichtige Ziele erreicht haben.Wir müssen eine Teilhabegerechtigkeit geschaffen haben, denn der Anteil der bedürftigen älteren Menschen wird wachsen. Sie werden dann selbst unsere moderaten Gebühren kaum noch zahlen können. Wir müssen außerdem Konzepte erarbeiten, wie wir Menschen mit Integrationshintergrund aus bildungsfernem Milieu für Bildung begeistern können. Denn in Bildung liegt der Schlüssel für die gesellschaftliche Teilhabe. Und wir brauchen bessere Formate für das Digitale Lernen. Die Frage lautet: Was können wir jungen Eltern bieten, die kleine Kinder, aber nicht immer einen Babysitter haben? Kurse im Internet wären zum Beispiel eine Lösung. Die kritischste Gruppe, die wir im Blick haben, ist die Gruppe der Familien mit Kindern, in der beide Elternteile berufstätig sind.Für sie ist Zeit – neben der Gesundheit natürlich – das höchste Gut. Und es wird immer mehr alte Menschen geben. Was bieten wir ihnen? Es ist eine komplexe Gemengelage, in der wir uns befinden. Ich denke, die VHS wird für die Gesellschaft wichtiger denn je sein, weil sie im wirklich besten Sinne inklusiv ist.

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