Bombenangriff auf Bonn: „Das Koblenzer Tor war ein glühender Kohleofen“

Bombenangriff auf Bonn : „Das Koblenzer Tor war ein glühender Kohleofen“

Als am 18. Oktober 1944 in Bonn die Bomben fielen, half Prälat Klaus Becker gerade als Messdiener bei einer Taufe. 75 Jahre danach erinnert er sich detailliert, wie er den Tag und die Wochen danach als damals Elfjähriger erlebt hat.

Am vergangenen Freitag jährte sich der schlimmste Bombenangriff auf Bonn im Zweiten Weltkrieg zum 75. Male. Prälat Dr. Klaus M. Becker (86) war als Bonner Junge mittendrin. Anlässlich des Jahrestages sprach Thomas Michael Krause mit ihm.

Herr Prälat, der Luftangriff der Alliierten auf die Stadt erfolgte am Vormittag. Wo waren Sie gerade?

Klaus M. Becker: An diesem Mittwochmorgen war ich Messdiener bei einer Taufe. Das war streng geheim, denn getauft wurde eine junge Frau, etwa 19 Jahre alt, die als russische Zwangsarbeiterin nach Deutschland kam und der Gaststätte Fleischhauer in der Meckenheimer Straße, der heutigen Thomas-Mann-Straße, zugewiesen wurde.

Eine russische Zwangsarbeiterin?

Becker: Bei Fleischhauers war Nadja völlig in der Familie integriert und so zum Glauben gekommen, aber sie zu taufen war praktisch unmöglich. Die Nazis hätten das niemals geduldet und alle Beteiligten sofort verhaftet. Den Vorbereitungsunterricht und dann die Taufe, Firmung und Erstkommunion erteilte und spendete Pfarrer Wachowsky von der Marienkirche. Er war in der Bundesrepublik später Prälat geworden und Diplomatenseelsorger, denn er beherrschte zwölf Sprachen.

Wo fand die Messe statt?

Becker: In der Hauskapelle des Bonner Stadtdechanten. Diese war damals über dem Kreuzgang der Münsterkirche und nur von dessen Wohnung aus zugänglich. So konnte man vor Störungen halbwegs sicher sein. Anwesend waren nur Pfarrer Wachowsky, Nadja, Familie Fleischhauer, meine Mutter und ich. Sohn Heinz und ich hatten ministriert.

Und danach ging es zu Fleischhauers nach Hause?

Becker: Ja, um kurz vor 11 Uhr waren wir in den Privaträumen der Familie über der Gaststätte. Wir waren gerade im Raum angekommen, da fielen schon die ersten Bomben. Der Hauptalarm wurde viel zu spät gegeben, da hatte es schon begonnen.

Wo brachten Sie sich in Sicherheit?

Becker: Wir rannten schnell hinunter in den Luftschutzkeller. Das Licht flackerte und bei jedem Krachen kam der Putz von der Decke. Der Luftdruck presste uns an die Wand. Danach war erstmal Stille.

Hatten Sie Angst?

Becker: Natürlich! Ich schrie: "Wir müssen raus hier!" Draußen mussten wir durch eine riesige weiße Staubwolke. Wir tasteten uns an den Hauswänden bis zur heutigen Budapester Straße entlang, die damals noch zur Sternstraße gehörte, und von dort dann weiter zum Hochbunker am Stadthaus, dem heutigen "Haus der Bildung".

Der Hochbunker steht ja heute noch dort.

Becker: Die Türen waren noch nicht geschlossen. Mit uns kamen noch immer Menschen, die hinein wollten. Gegenüber von Fleischhauers war eine Luftmine in das Kino "Kammerspiele" gefallen. Später erfuhren wir, dass dabei viele Besucher starben.

Wie war das in dem sicherlich überfüllten Bunker?

Becker: Viele Leute beteten vor Angst. Der Bunker bebte bei den Bombeneinschlägen. Dort blieben wir bis nachmittags, bis etwa 16 Uhr. Der Bombenangriff dauerte nur rund 10 Minuten, aber man wusste nicht, ob noch etwas nachkam.

Wissen Sie, was mit Familie Fleischhauer und Nadja passierte?

Becker: Die hatten den Angriff alle überlebt. Was nach dem Krieg aus Nadja wurde, das weiß ich nicht.

Die Innenstadt muss ein großes Inferno gewesen sein. Wo wohnten Sie?

Becker: Mein Elternhaus war in der Hundsgasse / Ecke Brückenstraße, im sogenannten Rheinviertel. Die Brückenstraße war die Verlängerung der Friedrichstraße und führte auf die Rheinbrücke. Den Bertha-von-Suttner-Platz hatte es so noch nicht gegeben. Das Viertel war dicht bebaut.

Wie sind Sie nach Hause gekommen?

Becker: Zum Friedensplatz zu kommen, der damals "Adolf-Hitler-Platz" hieß, war noch möglich, aber die Friedrichstraße war nicht passierbar. Alles brannte von beiden Seiten. Deshalb gingen wir über die Wilhelmstraße weiter. Bei der Rotkreuzstation am Landgericht ließen wir uns mit Augentropfen gegen den Staub, Rauch und Ruß versorgen.

Sie mussten einen Bogen um den Stadtkern machen...

Becker: Ja, von dort versuchten wir es weiter zum Johannes-Hospital. Die Straße hatte etliche Bombentrichter. Ich stolperte, aber meine Mutter zog mich gerade noch weg, als auf genau diese Stelle ein Mauerstück herunterbrach. Vom Wilhelmsplatz kämpften wir uns dann über die Kölnstraße zum Stadtkern weiter vor. Auf den Stufen der Stiftskirche musste ich ausruhen. Da hörten wir aus der Kirche ein furchtbares Getöse. Vielleicht war gerade ein Teil des Gewölbes eingestürzt. Wir sprangen sofort von den Stufen und eilten zurück zum Johannes-Hospital. Von dort liefen wir über die Wachsbleiche zum Rheinufer hinunter. Auf der Wachsbleiche lagen einige Tote. Doch weil am Rhein überall Bombentrichter und Brände waren, mussten wir wieder zurück, noch einmal an den Leichen vorbei.

Die heutige Bebauung zwischen Altem Zoll und Wachsbleiche steht bekanntlich auf einer gewaltigen Trümmerhalde.

Becker: Genau, und das Rheinviertel war die eigentliche Bonner Altstadt. Es war durch die Zufahrt zur Rheinbrücke zweigeteilt. Der nördliche Teil, die "Kuhl" genannt, war ein dicht bebautes Arbeiterviertel. Der südliche Teil war dagegen bürgerlich.

Was versuchten Sie als nächstes?

Becker: Über Johannes-Hospital und Friedensplatz liefen wir zum Sterntor, hinter dem ein Hotel lichterloh brannte. Am Hauptpostamt vorbei schafften wir es zum Münsterplatz und wollten dann zum Markt. Beethoven stand noch auf seinem Sockel. Aber in der Remigiusstraße war auch kein Durchkommen; also besser Kaiserplatz und Hofgarten. Im Hofgarten hatte ich Tage zuvor heimlich Blätter mit Predigten des Münsteraner Bischofs von Galen gegen die Nazis ausgelegt. Eine Tante hatte sich die Mitschriften besorgt und etliche Male mit Durchschlägen abgetippt.

Die Universität hätte an diesem Tag ihren 126. Gründungstag feiern können...

Becker: Das hatte die Alliierten nicht davon abgehalten, sie in Schutt und Asche zu legen. Das Schloss brannte so furchtbar, dass wir nicht daran vorbeigehen konnten. Aber die Marienfigur der Regina Pacis, also die Königin des Friedens, oben in der Fassade des Hauptgebäudes, hatte das Feuer unbeschadet überstanden.

Wie konnte man noch in den Stadtkern gelangen?

Becker: Wir gingen im Bogen zum Stockentor, aber hinter dem war alles völlig zerstört. Einer meiner Freunde ist dort mit seiner Familie verbrannt. Der nächste Versuch galt dem Koblenzer Tor. Aber es war unmöglich. Durch das Tor schauten wir wie in die Öffnung eines glühenden Kohlenofens hinein. Zum Alten Zoll und am Rheinufer hatten wir es dann gar nicht mehr versucht. Im Rheinflügel des Schlosses war die Universitätsbibliothek, die bis zu diesem Luftangriff noch nicht vollständig evakuiert war. Wir fanden Tage später noch halbverkohlte Papierfetzen mit Bibliotheksstempel bei Eitorf, die der Wind bis dahin geweht hatte.

Sie wussten nicht, ob Ihr Zuhause überhaupt noch existiert, und hatten sicher auch nichts an Habseligkeiten dabei. Wo blieben Sie dann mit ihrer Mutter?

Becker: Über Hofgarten, Kaiserplatz und Hauptbahnhof, der intakt geblieben war, kämpften wir uns zur Noeggerathstraße durch, wo auch eine Tante von mir wohnte. Ihr Haus blieb verschont. Dabei kamen wir am Stadtdechantenhaus vorbei, wo wir morgens noch bei der geheimen Taufe waren. Die Kapelle wurde durch eine Bombe zerstört.

Wie spät war es inzwischen?

Becker: Es war abends. Der Weg durch die Trümmer und Flammen hatte uns mehrere Stunden gekostet. Die vielen Zerstörungen, Trümmer, Flammen und toten Menschen... Die Leute aus den Bunkern versuchten zu ihrem Zuhause zu kommen. Man wusste ja nicht, ob es noch stand. Bei meiner Tante blieben wir dann über Nacht.

Konnten Sie denn am nächsten Morgen zu ihrem Elternhaus?

Becker: Ja, bis zum nächsten Morgen waren die Brände zurückgegangen. Wir wollten den kürzesten Weg versuchen, über die Meckenheimer Straße und den Friedensplatz, vorbei an rauchenden und schwelenden Trümmern. An der Ecke Hundsgasse / Brückenstraße war das Blumengeschäft Radermacher, das nicht zerstört war. Es steht heute noch.

Ein direktes Nachbargebäude?

Becker: Unser Haus war das erste daneben und schien auch stehen geblieben zu sein. Es war Hundsgasse 15 mit dem "Friseursalon Kartäuser". Das nächste Gebäude, die "Bäckerei Viktor", war komplett durchgebrannt, wie alle anderen Häuser auf der Hundsgasse.

Ihr Elternhaus war halbwegs heil geblieben?

Becker: Das Dach und das oberste Geschoss hatten gebrannt, wurden aber offenbar von Feuerwehr oder einem Hilfstrupp gelöscht. Wir holten zuerst unsere Notkoffer aus dem Luftschutzkeller, die wir dort vorsorglich deponiert hatten. Es war ein alter Weinkeller, denn meine Urgroßeltern hatten dort eine Weinhandlung.

Kamen Sie noch einmal in die Wohnung?

Becker: Ich stieg hinauf in den dritten Stock. Unter dem offenen Dach lag eine noch nicht detonierte Stabbrandbombe. Sie war 60-80 cm lang und hatte kleine Düsen, aus denen blaue Flammen kamen. Ich nahm sie und warf sie in den Hof hinunter. Dort war niemand, so dass sie keinen Schaden anrichten konnte.

Diese Brandbombe war im Haus also nicht geborsten, aber auch noch nicht leergebrannt. War das Haus noch bewohnbar?

Becker: Nein, und es ist nach dem Luftangriff am 28. Dezember sogar eingestürzt. Die Trümmer wurden später von der Bevölkerung für Feuerholz ausgeschlachtet. Wir mussten erst einmal weg und raus aus der Stadt. Wir wollten nach Eitorf, wo wir Verwandte hatten.

Wie konnten Sie die Stadt verlassen?

Becker: Mit unseren Notkoffern gingen wir über die Rheinbrücke. Es war nur Fußverkehr möglich. In der Fahrbahn waren Löcher von durchgeschlagenen Bomben. Durch sie konnte man unten den Rhein fließen sehen. Von Beuel wollten wir mit der Bröltalbahn nach Hennef und von dort weiter nach Eitorf.

Wann kamen Sie wieder nach Bonn?

Becker: In Eitorf blieben wir bis 1946. In Bonn teilten wir uns später mit einer anderen Familie eine kleine Wohnung in der Adolfstraße. Es war alles sehr beengt, aber wir waren froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. Mein Vater kam erst 1948 aus britischer Gefangenschaft zurück.

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