Uni-Professor im Interview: Das denkt Claus Wiegandt über die Zukunft Bonns

Uni-Professor im Interview : Das denkt Claus Wiegandt über die Zukunft Bonns

Claus C. Wiegandt, Professor für Stadt- und Regionalforschung der Uni Bonn, empfiehlt im großen GA-Interview, einen Neubau der Oper durchzurechnen und Beethoven nicht überzubewerten.

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Was ist aus ihrer Sicht in Bonn seit dem Umzug von Parlament und Regierung gut gelaufen?

Claus Wiegandt: Zur Überraschung vieler hat Bonn den Strukturwandel nach der Hauptstadtentscheidung gut bewältigt. Die Zahl der Arbeitsplätze ist gestiegen und nicht gesunken, wie anfangs befürchtet. Dazu tragen die zahlreichen neuen Bundesbehörden bei, die seit Mitte der 1990er Jahre nach Bonn verlagert oder hier neu gegründet wurden und in denen heute nahezu so viele Menschen beschäftigt sind wie Arbeitsplätze der Ministerien nach Berlin verlagert wurden. Dazu kommt das große Glück, dass sich in den vergangenen Jahren die Telekom, die Post und die Postbank in Bonn rasant entwickelt haben.

Konnte man diese Entwicklung absehen?

Wiegandt: Nein, damit war Anfang der 1990er Jahre gar nicht zu rechnen. Alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt sollten sich bewusst sein, dass es hier zwei Weltkonzerne gibt, die ihren Hauptsitz eben in Bonn und nicht in Frankfurt oder München haben. Und dann kommen noch die rund 1000 Arbeitsplätze bei den verschiedenen UN-Sekretariaten hinzu – noch nicht eingerechnet weitere Arbeitsplätze bei den internationalen Nicht-Regierungsorganisationen. Das ist erst einmal eine positive Bilanz für Bonn.

Was lief eher schlecht?

Wiegandt: Seit dem WCCB-Skandal hat sich aus meiner Sicht das politische Klima in der Stadt verschlechtert. Die kommunale Politik ist verunsichert und hat große Angst, erneut Fehler zu machen. Das Vertrauen in die Arbeit der Stadtverwaltung ist erschüttert worden. Aber auch die Bürger sind in den letzten Jahren verunsichert und misstrauisch gegenüber Politik und Verwaltung. Kostensteigerungen oder Verzögerungen von Bauvorhaben sind hier nicht gerade förderlich für neue Projekte. Dabei muss es sich gar nicht immer um die Vorhaben der Stadt handeln, wie etwa die Sanierung der Uni-Garage oder der Godesberger Bahnhof zeigen.

Diese Missstände werden aber oft pauschal der Stadt zugerechnet. Und dann wird in Bonn viel diskutiert, aber es bewegt sich am Ende doch nur wenig und langsam. Ein Leitbild für die zukünftige Entwicklung der Stadt ist dringend erforderlich. Daran könnten sich dann Einzelentscheidungen orientieren. Andere große deutsche Städte haben solche Leitbilder. In Bonn wurden diese Debatten zwar begonnen, aber leider nicht zu einem Ende gebracht. Hier sollte etwas passieren.

2020 feiert Bonn den 250. Geburtstag Beethovens. Wie wichtig ist die Marke Beethoven für Bonn?

Wiegandt: Beethoven ist sicherlich ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt, das als Aushängeschild genutzt werden sollte. Die Geburtstagsfeierlichkeiten passen zum generellen Trend der Festivalisierung, durch den sich die Stadtentwicklungspolitik heute auszeichnet. Die Stadt würde sicherlich eine Chance verpassen, diesen Anlass nicht zu nutzen. Die Idee, dazu ein Festspielhaus zu eröffnen und von der finanziellen Förderung durch die großen Konzerne der Stadt zu profitieren, ist schon verspielt worden. Die Marke Beethoven sollte aber auch nicht überbewertet werden und zum alleinigen Markenkern werden. Für den Städtetourismus mag Beethoven einen wichtigen Stellenwert haben, doch gerade die jüngere Bevölkerung kann mit diesem Komponisten gar nicht so viel anfangen. Hier sind andere Kulturereignisse wie der Kunst!Rasen mindestens genauso bedeutsam.

Hat Bonn Beethoven als Alleinstellungsmerkmal bislang genügend gepflegt?

Wiegandt: Nach meiner Auffassung ist Beethoven nur für einen Teil der Bonner Bürger eine Identifikationsfigur – auch wenn das manche Kreise gerne anders sähen. Beethoven trägt aber durchaus zur Internationalität der Stadt bei. Dies ist bei einer Markenbildung viel stärker zu berücksichtigen und herauszuarbeiten.

Nochmal zur Kultur: Braucht Bonn eine Oper? Wie beurteilen Sie die aktuelle Debatte um Abriss und Neubau oder Sanierung?

Wiegandt: In Deutschland gibt es fast 100 Opernspielstätten. Auch kleinere Städte leisten sich eigene Häuser. Die Aufgabe der Oper wäre deshalb sicherlich kein gutes Zeichen. Eine jüngere Umfrage in der Düsseldorfer und Kölner Oper zeigt aber, dass es eher die gebildeten Älteren sind, die die Oper besuchen. Der Musikgeschmack der jüngeren Generation ist meist ein anderer. Eine isolierte Debatte ist nicht zu empfehlen.

Was empfehlen Sie?

Wiegandt: Auch dies sollte in eine längerfristige Leitbilddiskussion eingebunden werden, wo die Reise in Bonn hingehen soll. Städtebaulich hat die Idee schon Charme, den derzeitigen Standort der Oper aufzugeben und sie mit dem Schauspiel in Godesberg zusammenzulegen. Die Bonner Innenstadt kann dann mit einem Neubauprojekt besser an den Rhein angebunden werden und die Barriere des Opernbaus kann aufgebrochen werden. Für die gebeutelte Godesberger Innenstadt könnte ein Neubau auch einen wichtigen Impuls setzen. Das Kino in Godesberg zeigt ja, dass solche Einrichtungen Besucher aus der ganzen Stadt und der Region nach Godesberg ziehen und dies zur Belebung beiträgt. Knackpunkt ist sicherlich die Finanzierung, die durchzurechnen ist.

Welchen Stellenwert hat die Uni in der Bonner Stadtentwicklung?

Wiegandt: Die Universität ist zum ersten einer der größten Arbeitgeber und damit auch ein ganz wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Stadt. Hinzu kommen die über 35 000 Studenten, die immer wieder zu einer Verjüngung der Stadt beitragen. Nach Abschluss ihres Studiums werden sie zu wichtigen Botschaftern Bonns in aller Welt, weil die Studienzeit meist positiv besetzt ist. Zum zweiten trägt die Universität in hohem Maße zur Internationalität der Stadt bei. Fast alle meine Kollegen sind bestens mit ihren ausländischen Kollegen vernetzt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es an vergleichbaren lokalen und regionalen Vernetzungen mit den großen Unternehmen in Bonn noch fehlt und hier noch Potenziale liegen.

Wie sehen Sie die Vernetzung zwischen der Universität und Stadtpolitik, also Stadtrat und Verwaltung?

Wiegandt: In der Tat ist zunächst zwischen Stadtrat und Stadtverwaltung zu unterscheiden. Die gewählten Vertreter im Stadtrat und die Mitarbeiter der Universität haben nach meiner Kenntnis nur wenig miteinander zu tun. Dies gilt allerdings nicht für das Verhältnis von Oberbürgermeister und Uni-Rektor. Auch zur städtischen Verwaltung gibt es mehr Berührungspunkte. Das Planungsamt oder die Wirtschaftsförderung haben durchaus Interesse an unseren Forschungen zur Stadtentwicklung und den vielen Abschlussarbeiten, die unsere Studierenden mit einem Bezug zu Bonn schreiben.

Wir verstehen uns in der Geografie als eine Institution der Reflektion, die nicht selbst Stadtpolitik betreiben will, die aber bereit ist, das politische Geschehen im Dialog zu kommentieren. Etwas anderes ist es, wenn die Universität selbst zum Akteur wird – etwa beim Bau einer Bibliothek oder der Entwicklung des Campus Poppelsdorf. Hier hat sie dann eigene Interessen wie andere Akteure in der Stadt auch.

Was raten Sie beim Thema Berlin/Bonn-Gesetz und Rutschbahneffekt?

Wiegandt: Die Stadt sollte den Rutschbahneffekt nicht einfach nur beklagen. Ein bloßes Beharren auf dem Berlin/Bonn-Gesetz mit einem Status-quo-Denken wird in vielen Teilen Deutschlands nicht mehr verstanden und gibt kein gutes Bild ab. Nach meiner Einschätzung ist der Verbleib einzelner Ministerien in Bonn vielmehr neu zu begründen. Dabei kann helfen, dass sich in den Bereichen Umwelt und Entwicklungszusammenarbeit in den vergangenen 25 Jahren ein ganz neuer Cluster gebildet hat.

Dazu gehören die drei Ministerien für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), für Bau- und Umwelt (BMUB) und für Bildung und Forschung (BMBF). Mit den Vereinten Nationen, die sich mit globalen Klimafragen in Bonn beschäftigen, und den vielen Nicht-Regierungsorganisationen bilden sie einen eindrucksvollen Verbund in Themen der Nachhaltigkeit. Und wenn die Kommunalpolitik dann auch noch eine eigene überzeugende Nachhaltigkeitsstrategie hätte, könnte dies für eine überzeugende Selbstdarstellung nur hilfreich sein.

Wie beurteilen Sie die verkehrliche Situation der Stadt Bonn, die laut Prognose in den kommenden Jahrzehnten um 30 000 Einwohner wachsen wird?

Wiegandt: Die verkehrliche Situation wird in Bonn sicherlich nicht einfacher. Probleme bereiten ja nicht nur das Bevölkerungswachstum, sondern auch die bevorstehenden Sanierungsmaßnahmen bei der Verkehrsinfrastruktur – etwa beim Tausendfüßler. Es ist bedauerlich, dass der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs in Bonn immer wieder blockiert wird. In vielen Städten vergleichbarer Größenordnung sind in den letzten Jahren mit Erfolg Straßenbahnen ausgebaut worden. Hier stellt in Bonn der Ausbau der Seilbahn eine interessante Option dar, bei der sich allerdings wie früher bei der Hardtbergbahn der Widerstand der Anlieger formiert.

Wie soll sich die Stadt auf die wachsende Bevölkerung einstellen?

Wiegandt: Die Stadt sollte dazu beitragen, den Wohnungsbau in Bonn anzukurbeln, damit die Miet- und Kaufpreise nicht explodieren. Dies bedeutet die Ausweisung von Bauland, dies bedeutet aber auch ein stärkeres kommunales Engagement in Fragen des sozialen Wohnungsbaus. Dies ist für den sozialen Frieden auch in Bonn eine zentrale Zukunftsaufgabe.

Ist es überhaupt möglich, ausreichend Wohnungen in Bonn zu schaffen?

Wiegandt: Bonn hat mit rund 140 Quadratkilometern ein außerordentlich kleines Stadtgebiet, dessen Entwicklungsmöglichkeiten zudem durch Kottenforst und Siebengebirge stark eingeschränkt werden. Bei einer geringeren Einwohnerzahl hat etwa Münster mehr als doppelt so viel Fläche zur Verfügung und kann ihr Wachstum dadurch leichter auf ihrem Stadtgebiet organisieren. Bonn wird stattdessen vermutlich nur einen Teil ihrer Nachfrage durch eine weitere Nachverdichtung befriedigen können. Die Stadt ist deshalb gezwungen, mit ihren Nachbargemeinden zu kooperieren und eine gemeinsame Wohnungspolitik zu betreiben. Dies gilt auch für die Gewerbeflächen. Wichtig ist es hier, die neuen Wohngebiete im Umland auf den öffentlichen Personennahverkehr auszurichten, um den zukünftigen Verkehr zu bewältigen.