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Coronavirus in Bonn: Virologe sieht Bonn erst am Anfang der Epidemie

Interview mit dem Bonner Virologen Hendrik Streeck : „Wir stehen in Bonn erst am Anfang der Epidemie“

Das neue Coronavirus kann laut dem Bonner Virologen Hendrik Streeck zu einem ernstzunehmenden Probelauf genutzt werden, der Schwachstellen offenbart. Bonn stehe dabei erst am Anfang der Epidemie. Doch Grund zur Panik sieht er darin nicht.

Alle paar Minuten klingelt beim Bonner Virologen Hendrik Streeck das Telefon. Sein Terminplan quillt über, er springt zwischen Interviews, Patienten und Krisensitzungen hin und her. Aktuell ist er einer der gefragtesten Experten, wenn es um das neue Coronavirus geht. Am Samstag hatte es den ersten bestätigten Fall einer Infektion in Bonn gegeben.

Besorgte Bonner melden sich in seinem Büro an der Uniklinik, gleichzeitig ist er mit Kollegen aus der ganzen Welt oder auch den Gesundheitsministerien in eng­em Kontakt. Viele Medienanfragen blockt er mittlerweile ab. „Sonst kann ich meiner Arbeit vor Ort nicht mehr nachkommen“, sagt er. Mit Nicolas Ottersbach sprach er darüber, warum im Falle von Epidemien der Gemeinschaftssinn gefragt ist, welche Fehler bislang gemacht wurden, wie gut Bonn auf das Virus SARS-CoV-2 vorbereitet ist und ob es sich weiter ausbreiten wird.

Herr Streeck, der Bonner Corona-Infizierte hatte Kontakt zu Kindern. Müssen sich die Eltern nun Sorgen machen?

Hendrik Streeck: Für Kinder ist das neue Coronavirus viel ungefährlicher als für Erwachsene. Bislang sieht es so aus, dass Kinder zwar leichter infiziert werden, die Symptome aber viel milder sind. Es gibt bislang keinen bestätigten Todesfall bei Kindern. Das kann man mit den Windpocken vergleichen: Während Kinder meist nur unangenehmen Ausschlag bekommen, können Erwachsene schwere Krankheitsverläufe haben. Das Immunsystem von Kindern reagiert anders, aber das ist nichts Neues für uns Virologen.

Wie lautet Ihre Prognose für die nächsten Monate?

Streeck: Wir stehen in Bonn erst am Anfang der Epidemie, es wird mehr Infizierte geben. Jedes Jahr gibt es vier verschiedene Coronaviren, die für die typischen grippalen Infekte sorgen. Die kommen immer wieder hoch. Mit dem neuen Coronavirus wird das vermutlich ähnlich sein, allerdings mit einer Sterblichkeitsrate, die geringer sein wird, als die, die man derzeit annimmt. Wir werden das Virus nicht aufhalten können, werden aber deutlich mildere Verläufe sehen. So wie bei dem ersten Patienten in Bonn, der nur sehr schwache Symptome gespürt hat.

Die Karte zeigt den Ausbruch verschiedener Viren-Infektionen auf der Welt. Foto: Grafik GA

Ist dann wie bei der herkömmlichen Grippe im Sommer alles vorbei, im Winter geht es wieder los?

Streeck: Eine genaue Prognose ist unmöglich. Da spielen viele Faktoren ein Rolle. Es kommt zum Beispiel darauf an, wie gut wir das neue Coronavirus einfangen können. Laufen noch viele Menschen damit herum, von denen wir nichts wissen? Wird es nochmal sehr kalt werden, was schlecht für die Schleimhäute ist? Oder steigen die Temperaturen, die Leute gehen mehr an die frische Luft, tanken Energie durch die Sonne und werden wieder fitter?

Wie wird man eigentlich Coronavirus-Experte?

Streeck: Coronaviren waren bislang eine Nische in unserem Forschungsfeld. Wenn man früher an ihnen geforscht hat, waren sie fast ein Karrierekiller. Das hat sich erst mit SARS und MERS geändert. Dass das Fach Nachwuchsprobleme hat, erkennt man zum Teil daran, dass es nur wenige Experten gibt und man derzeit immer dieselben Gesichter im Fernsehen sieht. Erst jetzt versteht man, wie wichtig das Fach ist. Denn nur die Fachärzte können eine Diagnostik entwerfen oder eine Therapie vorstellen.

Erster Fall des Coronavirus in Bonn aufgetreten

Muss man das als Systemkritik verstehen?

Streeck: Ja. Das wird nicht unsere letzte Epidemie sein. Wir sind bislang immer nur reaktiv gewesen, aber nicht proaktiv. Ich habe Kollegen in den USA, die haben vor einem halben Jahr an einem Impfstoff gearbeitet, der alle Coronaviren einer Familie abdeckt. Weil sie da noch nicht als Gefahr gesehen wurden, gab es keine Forschungsgelder.

Wie zufrieden sind sie mit der Lage?

Streeck: Überhaupt nicht. Aber dafür, dass das Virus nach Deutschland kommt, kann keiner etwas. Bei aller Kritik – sie zu üben, ist ja immer leicht – muss man auch mal eine Lanze für die Bundesregierung brechen. Die Politik handelt situativ, vor ein paar Monaten kannten wir das neue Coronavirus noch gar nicht. Jedes Mal, wenn wir etwas dazugelernt haben, wurden die ergriffenen Maßnahmen angepasst. Wie infektiös es ist, haben wir erst nach und nach verstanden. Und auch erst, wie gefährlich es ist. Im Vergleich zu SARS und MERS verbreitet es sich leichter und schneller, ist aber weniger tödlich.

Wie unterscheiden sich das neue Coronavirus und frühere Fälle von SARS oder MERS im Umgang?

Streeck: SARS und MERS, bei denen es sich auch um Coronaviren handelt, haben sich viel langsamer ausgebreitet. Das liegt zum Teil daran, dass sie sich in der tiefen Lunge vermehren, das neue Coronavirus eher in den oberen Atemwegen. Es springt quasi von Rachen zu Rachen. Zudem nehmen wir es stärker wahr, weil wir besser vernetzt sind. Die mediale Aufmerksamkeit ist sehr viel größer. Wir haben rund 87.000 Infizierte weltweit, das klingt viel. Aber alleine an der diesjährigen Grippe haben sich in den USA bereits 29 Millionen Menschen infiziert, 16.000 sind verstorben. In Relation ist das eine ganz andere Wahrnehmung. So wie mit der Angst vor dem Fliegen. Im Auto kommen viel mehr Menschen ums Leben.

Hat sich die Einschätzung geändert? Erst wirkte alles halb so wild, jetzt steht Heinsberg unter Quarantäne.

Streeck: Die wissenschaftliche Einschätzung hat sich nicht geändert, sondern die Kommunikation dazu. Grund ist die politische Angst, falsch zu liegen, wodurch sich der Sprachgebrauch geändert hat. Es ist gut, zu versuchen, das Virus einzudämmen. Im Moment kann man das noch. Deswegen ist es gut, Quarantäne zu verordnen.

Muss man es überhaupt eindämmen?

Streeck: Ja. Denn es geht darum, Leben zu retten. Bei Menschen über 70 Jahren liegt die Sterblichkeitsrate bei acht Prozent, bei Über-80-Jährigen bei 15 Prozent. Das Problem ist, dass es dieses neue Coronavirus noch nicht im menschlichen System gab. Es fehlt eine teilweise leicht schützende Immunität, die es bei der saisonalen Grippe oder anderen respiratorischen Erregern gibt. Je häufiger ein Erreger herumzirkuliert, desto eher gibt es einen Teilschutz im Alter. Das ist bei SARS-CoV-2 nicht der Fall.

SARS-CoV-2 ist von China bis ins Rheinland gekommen. Es scheint, als könne man es gar nicht aufhalten.

Streeck: Ob man es kann, ist eine Frage der Gemeinschaft. Das Virus wird per Tröpfcheninfektion übertragen. Es an der Hand zu haben sorgt also nicht für eine Infektion. Auf Oberflächen überlebt es bis zu vier Tage. Wer sich krank fühlt, sollte zu Hause bleiben. Man sollte nicht in die Hand, sondern in den Ellenbogen husten und niesen. Häufigeres Händewaschen mit Seife reicht vollkommen aus, wenn es kein Desinfektionsmittel gibt. Vor allem sollte man aber nicht in Panik verfallen. Je mehr Panik es gibt, desto schlechter ist es.

Warum?

Streeck: Weil es unsere Notaufnahmen überlastet, wenn plötzlich jeder mit einem Schnupfen ins Krankenhaus rennt. Es ist völlig normal, dass auch eine Erkältung länger anhält. Jeder hatte nach Karneval mal einen Schnupfen, da helfen auch Ingwertee und Ruhe. Erst wenn es auch nach Tagen nicht besser oder sogar schlechter wird, sollte man zum Arzt gehen. Aber nicht direkt hinrennen, sondern vorher anrufen, um die Mitmenschen nicht zu gefährden. Ich empfehle, sich daran zu erinnern, wie man das im vergangenen Jahr gehandhabt hat. Grippeähnliche Symptome können viele Ursachen haben.

Wie oft kann man von Panik abraten, ohne sie zu verbreiten?

Streeck: Das ist eine gute Frage. Im Prinzip kann man sich nur auf sachliche Informationen verlassen. Wir Virologen analysieren mit einem kühlen Kopf. Wir haben viel Erfahrung, alleine unsere Virologiebücher sind voll mit Seiten zu Coronaviren. Meiner Einschätzung nach gibt es derzeit keinen Grund zur Panik.

Anders gefragt: Haben sie Angst?

Streeck: Nein.

Stört sie die aktuelle Berichterstattung mit dem Aufzählen jedes neuen Falls?

Streeck: Die Bürger nehmen eine deutliche Diskrepanz wahr. Es ist eine schwere Gratwanderung, die wir alle versuchen. Man darf nicht dramatisieren, aber auch nicht bagatellisieren. Viele schwenken ein und machen die Situation dramatischer, um auf der sicheren Seite zu sein. Auch wir Ärzte sind keine Hellseher. Deshalb ist es manchmal besser, aus Vorsicht dramatischer sein.

Und was ist mit der Stimmung in der Bevölkerung?

Streeck: Mich stimmt nachdenklich, dass die Personen, die sich angesteckt haben, angegriffen und angefeindet werden. Sie können nichts dafür. Plötzlich werden Italiener und Asiaten gemieden. Das sind Rassismus und Hass,  die unangebracht sind. Das Virus ist der Feind, nicht der Mensch. Es gibt keine Pestaussätzigen, sondern nur die Pest. Umso mehr muss die Gemeinschaft greifen.

Wird sich die Situation durch die normale Grippewelle verschärfen?

Streeck: Das muss man getrennt voneinander betrachten. Die Grippewelle scheint derzeit abzuflachen. Bei der Coronaviruswelle sind wir offenbar am Anfang. Schlimm wäre, wenn beides gleichzeitig kommt. Denn dann haben wir in beiden Fällen intensivpflichtige Patienten, was für Engpässe sorgen würde.

Ist Deutschland für so einen Ansturm gewappnet?

Streeck: Wir haben ein fantastisches Gesundheitssystem mit hervorragenden Medizinern. Dennoch ist das eine Herausforderung für uns alle. Teilweise gehen wir auf dem Zahnfleisch. Wir weiten unsere Kapazitäten aus, müssen improvisieren.

Wie sieht es in Bonn aus?

Streeck: Wir haben hier eine gut funktionierende Taskforce, bei der alle zusammenkommen, auch innerhalb einer halben Stunde. Da sitzen nicht nur Leiter des Pflegepersonals, sondern auch Assistenzärzte, Hygieniker, Virologen, die Presseabteilung, Verwaltung, Chefärzte und sogar der ärztliche Direktor. Dort besprechen wir, wie wir mit veränderten Lagen umgehen. Es darf für uns nichts geben, wo wir einknicken. Zum Beispiel hat das Robert Koch-Institut vor Kurzem die Leitlinien angepasst, wer getestet werden soll. Vorher ging es nur um Personen aus Risikoregionen. Jetzt ist es so, dass es in NRW vermehrt Fälle gibt, und wir bei einer bestimmten Symptomatik testen. Das muss man logistisch vorbereiten.

Wird das Coronavirus dadurch zu einem Testlauf für den Ernstfall?

Streeck: In gewisser Weise ist das ein Probelauf, aber ein sehr ernst zu nehmender. Wir werden nachher auf jeden Fall wissen, wo unsere Schwachstellen sind und daraus lernen.