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Coronavirus Bonn: Frust an Schulen wächst

Krisenmanagement in Zeiten von Corona : Frust an Bonner Schulen wächst

Bonner Schulleiter kritisieren die Kommunikation mit dem Ministerium: Ständige neue Verordnungen und Erlasse im Zusammenhang mit der Corona-Krise machen einen Überblick kaum noch möglich.

Die Corona-Krise stellt die Schulleitungen vor Herausforderungen. Sie erhalten vom Land fast täglich Empfehlungen, Erlasse, Gesetzesänderungen und Anordnungen, müssen scheinbar Unmögliches in kürzester Zeit möglich machen und sehen sich obendrein mit vielen Fragen, aber auch mit Unverständnis seitens der Eltern konfrontiert. Wie sehr das Frustrationspotenzial wächst, das hat  Rainer Winand, Leiter der Integrierten Gesamtschule Beuel (IGS), in einem Schreiben an die Elternschaft deutlich gemacht. Das Schreiben liegt dem GA vor.

 Winands Kritik war eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, wie er am Freitag erklärte. „Elternvertreter hatten mich gebeten, doch bitte auch einmal alle Eltern über die Lage in Kenntnis zu setzen, damit sie verstehen, wie mühsam es zurzeit ist, den Schulbetrieb zu organisieren.“  Offiziell vom GA darauf angesprochen, macht Winand keinen Hehl daraus, dass auch bei ihm angesichts der Flut an Schulmails des Landes, teils auch mit sich ändernden Anforderungen, der Frust wachse: „Ich habe ja gewissermaßen Verständnis für die Behördenmitarbeiter, denn auch sie sind von der Krise überrollt worden“, sagte Winand. Sein Eindruck sei aber, dass vieles nicht mit der Schulbasis kommunziert werde.

Zudem seien Vorgaben zeitlich so eng mitgeteilt worden, dass sie kaum umsetzbar waren. In seinem Elternbreif wird Winand deutlicher: „Um das Ganze auch wirklich herausfordernd zu machen, gibt es dann in diesen wenigen Tagen fast täglich Änderungen, Präzisierungen, Ergänzungen, Korrekturen, die bisherige Planungen teilweise oder vollständig über den Haufen werfen.“ Als Beispiel nennt er eine Anweisung, dass Lehrkräfte, die zu den Risikogruppen gehören, mündliche Abiturprüfungen nicht durchführen dürften. Daraufhin habe seine Schule alle Mühen aufgebracht, Ersatzlehrkräfte zu finden. Als die Vorbereitungen anliefen, kam dann die Verfügung: Auch alle Risikopersonen  müssen die Prüfungen doch selbst abnehmen.

Mit seiner Kritik spricht Winand offensichtlich vielen Kollegen aus der Seele: Der Direktor eines Bonner Gymnasiums, der seinen Namen in dem Zusammenhang nicht in der Zeitung  lesen will, um einer möglichen Auseindersetzung mit seinem Dienstherrn aus dem Weg zu gehen, meinte: „Unser Problem ist doch, dass wir Entscheidungen von oben mit den Ansprüchen von unten zusammenbringen müssen. Und das ist derzeit äußerst komplex.“ Als Beispiel nannte er die Aufforderung des Landes, neben dem Präsenzunterricht parallel das Homeschooling fortzusetzen. „Auf unsere Frage, wie das denn gehen soll, haben wir bisher keine Antwort bekommen.“ Auch der Schulleiter der Münsterschule, Clauspeter Wollenweber, hatte im GA beklagt, dass er freitagnachts Mails mit Anweisungen erhalte, die montags umzusetzen seien.

Auf Nachfrage beim NRW-Schulministerium antwortete ein Sprecher: „Dass den Schulen derzeit viel abverlangt wird, steht außer Frage. Das Schulministerium bietet vielfältige Unterstützung, wo immer es möglich ist. Zudem hat das Ministerium für Schule und Bildung alle wesentlichen Maßnahmen in vielen Gesprächen mit den Lehrerverbänden, Elternvertretungen und Gewerkschaften abgestimmt.“

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft in Bonn (GEW) sowie die Stadtschulpflegschaft bemängeln ebenso den geringen zeitlichen Vorlauf. „Die Schulen müssen ihre Pläne ständig überarbeiten und haben kaum Planungssicherheit“, beschreibt Rolf Haßelkus von der GEW die Lage. Nicht selten seien die Mitteilungen an die Schule derart unkonkret, dass sie Interpretationsspielraum ließen. Das wiederum habe an einigen Bonnern Schulen dazu geführt, dass dort eine Maskenpflicht in Schulgebäuden und Klassenzimmern eingeführt worden sei, „die das Land gar nicht angeordnet hat“, berichtet der Stadtschulpflegschaftsvorsitzende Andreas Beutgen. „Manche schießen über das Ziel hinaus, was sicher auch an den vielen Informationen liegt“, glaubt er.

Viele Landesentscheidungen habe Beutgen nachvollziehen können. Dass das Ministerium nun aber drei Prüfungen für Schüler an einem Tag für machbar einschätzt, hält Beutgen nicht mehr für maßvoll. Haßelkus findet zudem, dass die Schulen beim digitalen Lernen mehr oder minder allein gelassen würden, „dabei sehe ich dort in Bezug auf den Datenschutz eine rechtliche Grauzone“.