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Folgen des Coronavirus: Chinesen in Bonn äußern Kritik an europäischen Behörden und Medien

Folgen des Coronavirus : Chinesen in Bonn äußern Kritik an europäischen Behörden und Medien

Chinesen in Bonn stehen in engem Kontakt mit ihren Familien. Sie erfahren so aus erster Hand, was in ihrer Heimat in Sachen Coronavirus passiert.

Hunde mit Atemmasken, die Ganzkörperanzüge aus Plastikmüllsäcken tragen: Im Internet kursieren zahlreiche Bilder und Videos aus China, die zeigen sollen, wie die Menschen mit der Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus 2019-nCoV umgehen. Die Stimmung im Reich der Mitte scheint angespannt zu sein, dennoch fühlen sich viele Chinesen von westlichen Medien falsch verstanden.

Studentin Yoyo Huang aus der chinesischen Provinz Jlangxi, unweit von Wuhan, ist 35 Jahre alt und studiert seit einem Jahr in Bonn Deutsch als Fremdsprache. Sie findet, europäische Medien dramatisierten die Lage dort.  „Natürlich gibt es vereinzelt Menschen, die übervorsichtig sind und ihre Haustiere so einpacken“, sagt sie und lacht. Das Coronavirus werde allerdings nicht durch Katzen oder Hunde übertragen. Das bestätigt auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Trotzdem seien einige Tierhalter der Meinung, man müsse sich zum Schutz vor einer Übertragung von seinem Haustier trennen.

Asienwissenschaftsstudent Jin Lin (24) erzählt, dass viele Hunde- und Katzenbesitzer ihre Tiere sogar zur Tötung freigäben, um eine Gefahr für die Allgemeinheit auszuschließen. Solche Handlungen hingen mit dem Bildungsniveau vieler Menschen in China zusammen. Die meisten seien schlicht unaufgeklärt über das Virus. „Die Menschen wissen nicht, dass die Temperaturmessungen an Flughäfen und öffentlichen Orten die Bevölkerung nur beruhigen sollen“, sagt er. Die Inkubationszeit von rund 14 Tagen laufe meist symptomfrei ab. In der Volksrepublik glaubten jedoch viele an Gerüchte über die antivirale Wirkung von Knoblauch oder Essig. Jeden Tag, sagt Jin Lin, besprühten Desinfektionswagen alle Straßen in China.

Der Student aus Shenzhen wohnt seit fünf Jahren in Bonn. Von seiner Cousine in der chinesischen Großstadt Shenzhen erfuhr er, dass Chinas Schüler wegen des Corona-virus nicht mehr zur Schule dürfen. Der Unterricht fände nur noch via Livekamera von zu Hause aus statt. Die Bürger dürften ihre Provinzen nicht verlassen. Auch Studentin Yoyo Huang aus Jlangxi erzählt, dass ihre Familie das Haus nur unter bestimmten Bedingungen verlassen kann. Die Regierung setze fest, wer wann einkaufen gehen dürfe, um eine mögliche Ansteckungsgefahr einzudämmen. Der chinesische Chat-Dienst „Wechat“ wird vermehrt von Familien genutzt, die miteinander in Kontakt bleiben möchten.

Trotz der enormen Einschränkungen sind die meisten Chinesen davon überzeugt, ihre Regierung habe alles richtig gemacht. „Wären die Städte nicht in Quarantäne versetzt worden, hätte sich das Virus noch rasanter ausbreiten können“, meint Yoyo Huang. Auch der chinesische Bauingenieur Chi Lee (30) aus Köln hält das Verhalten der Regierung für effizient und angemessen. Er findet, dass Verschwörungstheorien, die über das Virus kursierten, die globale Medienberichterstattung beeinflussten. In China seien die Bürger mittlerweile guter Dinge, dass sich die Lage dort bald wieder entspannen wird. Ein deutlicher Infektionsrückgang sei zu verzeichnen. Chi Lee und auch Yoyo Huang finden, westliche Medien stellten die Situation in China falsch dar. Jin Lin berichtet von einer ideologischen Berichterstattung in China, die eine heile Welt vermitteln wolle und die Lage verharmlose.

Der deutsch-chinesische Pathologe Hui Zhou (59) aus Bonn kritisiert die chinesischen Behörden. Bürokratische Abläufe unter Xi Jinpings „totalitärem Regime“ seien machtorientiert und zudem langwierig. Er meint, man habe in China nicht viel aus der SARS-Epidemie von 2003 gelernt. Dennoch sei westliche Berichterstattung nicht neutral genug und stünde dem Kommunismus in China grundsätzlich kritisch gegenüber. Dabei gebe es keinen Menschen in China, der ans Auslaufmodell Kommunismus glaube, betont Zhou.

Hui Zhou pflegt engen Kontakt zu seiner Familie in der Küstenstadt Ningbo, die südlich von Shanghai liegt. Sie erzähle von strikten Regierungsmaßnahmen, die das Virus ausrotten sollen. Die Städte organisierten sich in kleinen ummauerten Hochhaussiedlungen, wo nun regelmäßig der Ein- und Ausgang per Passkontrolle stattfinde, berichtet Zhou. Da die Aufzüge in den Bauten ein hohes Ansteckungsrisiko bieten, habe China nun die Pflicht eingeführt, jeden Aufzug mit Fingerlingen zu bestücken, um die Tasten zu bedienen. „Die Fingerlinge werden nach strengen Kriterien im Sondermüll entsorgt und später verbrannt“, sagt er.

Das Vertrauen der Menschen untereinander sei gesunken, die Bürger kontrollierten die Einhaltung der neuen Regeln mittlerweile auch in ihrem Umfeld, aus Angst vor Ansteckung. Zhou merkt zu Europa noch an: „Hier wird noch überwiegend Papiergeld benutzt. Das ist eine riesige Infektionsgefahr“.