20 Jahre nach dem Regierungsumzug: Bundesbehörden in Bonn wachsen stetig

20 Jahre nach dem Regierungsumzug : Bundesbehörden in Bonn wachsen stetig

Als vor 20 Jahren ministerielle Arbeitsplätze nach Berlin verlegt wurden, sollten Bundesbehörden in Bonn den Verlust kompensieren. Sie wurden stetig ausgebaut, einige neue kamen hinzu. Mehr als 18.000 Menschen arbeiten heute in den Einrichtungen.

Manche arbeiten eher im Verborgenen, manche stehen häufiger in der Öffentlichkeit – etwa dann, wenn es etwas zu genehmigen, zu verbieten oder zu regulieren gibt. Die Rede ist von Bundesbehörden. Mehr als 30 davon gibt es in Bonn, die meisten von ihnen haben ihren Hauptsitz in der Bundesstadt. Insgesamt kommen sie auf mehr als 18 000 Mitarbeiter, Tendenz steigend. Die Bundesbehörden wachsen stetig, während sich bei den ministeriellen Arbeitsplätzen das Gewicht immer weiter in Richtung Berlin verlagert: Dort sind 12 600 Dienstposten angesiedelt, in Bonn nur noch gut 6000.

Dass Bonn Standort vieler Bundesbehörden ist, hängt auch, aber längst nicht nur mit seiner Geschichte als Bundeshauptstadt zusammen. Mehr als 20 Einrichtungen wurden erst im Zuge des Regierungsumzugs am Rhein angesiedelt. Die Grundlage lieferte das Berlin-Bonn-Gesetz von 1994. So sollte der Verlust von Arbeitsplätzen der Bundesregierung in Bonn kompensiert werden. Nach damaliger Rechnung wechselten 7000 der 21 000 ministeriellen Arbeitsplätze nach Berlin. Dies entsprach etwa der Zahl der Dienstposten in Behörden, die aus Berlin und dem Rhein-Main-Gebiet nach Bonn verlagert wurden – darunter das Bundeskartellamt (zuvor Hauptsitz in Berlin) und der Bundesrechnungshof (zuvor Frankfurt). Die Begeisterung unter den Mitarbeitern hielt sich in Grenzen: Nach einer GA-Umfrage von 1995 wollte in den meisten betroffenen Einrichtungen nur eine Minderheit von fünf bis zehn Prozent freiwillig nach Bonn umziehen.

Jahre des Kofferpackens sind vorbei

Jochen Nagel erinnert sich gut an den Umzugsfrust. „Dieser Prozess war für viele sehr belastend“, sagt Nagel, damals wie heute beim Bundesrechnungshof. Er selbst habe sich damals lange den Kopf zerbrochen, viele Gespräche mit Familie und Freunden geführt, schließlich mit seiner Frau Bonn an zwei Wochenenden erkundet. Letztlich habe es gepasst, sagt er. Und schließlich seien auch die meisten Kollegen mitgezogen. „Die Arbeit des Bundesrechnungshofs ist so spannend, da überlegt man sich gut, ob man den Arbeitsplatz wechselt“, sagt Nagel, der heute Sprecher der Personalräte der obersten Bundesbehörden ist.

Die Jahre des großen Kofferpackens sind längst vorbei, viel hat sich getan in der Behördenlandschaft. Einige Häuser wurden umstrukturiert und umbenannt, einige in Bonn gegründet. Beispiel Bundesnetzagentur: Sie ging 2006 aus der Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation hervor, die 1998 gegründet worden war. Mit der Zeit kamen Zuständigkeiten hinzu – und Mitarbeiter: „Seit der Umbenennung der Regulierungsbehörde in Bundesnetzagentur zum 1. Januar 2006 und der damit einhergehenden Übertragung vielfältiger Aufgaben, insbesondere in den Bereichen Energieregulierung, Eisenbahnregulierung sowie des Netzausbaus, hat sich die Anzahl der am Standort Bonn eingesetzten Beschäftigten um etwa 700 erhöht“, so Sprecher Michael Reifenberg. Heute sind es am Standort Bonn – Hauptsitz ist im Tulpenfeld – mehr als 1000.

BSI wächst stark

Dass eine Behörde mit ihren Aufgaben wächst, zeigt sich auch beim Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationstechnik. Lange beim Innenministerium angesiedelt, ist die Einrichtung seit 2016 eine eigenständige oberste Bundesbehörde. „Wir haben allein seit dieser Zeit mehr als 150 neue Stellen erhalten“, sagt Sprecher Dirk Hensel. „Ob Big Data, Internet of Things oder Künstliche Intelligenz – im Zeitalter der Digitalisierung ist das Thema Datenschutz bedeutender denn je. Auch in der Bevölkerung wächst dieses Bewusstsein mit jedem Datenskandal.“ Neben erhöhtem Verwaltungsaufwand führten vor allem der europaweite Anwendungsbeginn der Datenschutzgrundverordnung 2018 und die Datenschutzkontrolle von Sicherheitsbehörden des Bundes zu einem erhöhten Personalbedarf. Die Behörde, der seit Januar der langjährige Bonner SPD-Bundestagsabgeordnete Ulrich Kelber vorsteht, kommt inzwischen auf 240 Dienstposten.

Stark wachsend ist auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), das derzeit 940 Stellen zählt und weitere 349,5 erhalten soll. Das heute auf mehrere Standorte in Bonn verteilte Bundesamt soll künftig an der Ludwig-Erhard-Allee in einem Neubau gebündelt werden.

Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn gegründet

„Dass so viele Arbeitsplätze in den Bundesbehörden entstanden sind, ist für Bonn ein gutes Zeichen“, sagt Jochen Nagel. „Digitalisierung, Cybersicherheit, Datenschutz – das sind Zukunftsthemen, bei denen Bonn vorne dabei ist.“ Sie böten den Menschen Perspektiven und interessante Arbeitsplätze. Gleichwohl sei die Präsenz der Ministerien für Bonn wichtig, weil viele Einrichtungen, die UN, Verbände und Dienstleister damit verbunden seien – ein Argument, das die politischen Unterstützer Bonns immer wieder ins Feld führen, wenn es um die Zukunft der Bundesstadt geht.

Verflochten mit Bonn sind aber auch die Bundesbehörden. Manche sehen sich als Teil der Stadtgesellschaft, so wie die Bundeszentrale für politische Bildung, die 1952 in Bonn gegründet wurde. Als Demokratieschule stand sie schon immer den Bürgern offen. Inzwischen arbeitet sie verstärkt mit zahlreichen Einrichtungen zusammen – von Schulen über das Institut Français bis hin zum Haus der Geschichte. „Wir vernetzen uns mit Institutionen in der Stadt, die das demokratische Miteinander in der Gesellschaft fördern“, sagt Sprecherin Anna Hoff. „Wir arbeiten mit unseren Zielgruppen zusammen, um passende Angebote für sie anbieten zu können.“ Allein in den vergangenen zweieinhalb Jahren richtete die Bundeszentrale in ihrem Medienzen-trum an der Adenauerallee und an weiteren Orten in Bonn rund 100 Veranstaltungen aus.

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