Depressionen: Bonnerin veröffentlicht Suizid in Todesanzeige

Depressionen : Bonnerin veröffentlicht Suizid in Todesanzeige

Eine Bonnerin, die unter schweren Depressionen litt, machte ihren Suizid mit einer Todesanzeige im General-Anzeiger öffentlich.

Es gibt Dinge, über die spricht man kaum. Tod und Krankheit zählen dazu. Noch leiser wird es bei den Themen Suizid und Depression. Gundula P. hat sich für Offenheit entschieden. Die 57-Jährige Bonnerin hat sich das Leben genommen. Auf eigenen Wunsch nennt ihre Todesanzeige, die im März im General-Anzeiger erschienen ist, auch offen ihre Todesursache.

„Im Tod sehe ich für mich die einzige Möglichkeit, dem Druck Ruhe zu verschaffen. Weder halte ich den innen empfundenen Druck noch den von außen erlebten Druck weiterhin aus“, erklärt sie in der Anzeige selbst ihre Beweggründe. Wie in ihren Worten bereits anklingt, litt die 57-Jährige unter Depressionen, war auch in Behandlung.

Norbert Schlüpen hat die Traueranzeige auf ihren Wunsch hin veröffentlicht. Der evangelische Pfarrer und systemischer Therapeut hat sie in den vergangenen Monaten als Seelsorger begleitet. Den Wortlaut der Anzeige hatte er vorher gemeinsam mit ihr aufgeschrieben. „Ich habe nie versucht, sie von ihrem Suizid abzubringen“, erklärt Schlüpen. „Aber ich habe ihr gesagt, dass ich es schade finde, wenn sie nicht mehr da ist“, sagt er. Sie bat ihn damals, sie in dieser Zeit seelsorgerisch zu begleiten.

Mit der Todesanzeige wollte sie auf die Krankheit aufmerksam machen, aber auch darauf, wie die Gesellschaft mit dem Thema umgeht. „Sie wollte, dass Leute darüber nachdenken und darüber reden“, erklärt Schlüpen. Die Gesellschaft sollte mitbekommen, dass ein Mensch so verzweifelt sein kann, sein Leben zu beenden. „Mein letzter Wunsch im Leben ist ein würdevoller Tod“, steht in der Anzeige. Auch die Auseinandersetzung mit dem Themen Sterben und Sterbehilfe, die als aktive Form in Deutschland strafbar ist, wollte sie anregen.

100.000 Suizidversuche pro Jahr

Laut Auskunft der Stiftung Deutsche Depressionshilfe erkranken in Deutschland im Laufe eines Jahres 5,3 Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Form der Depression. Trotzdem ist in der Gesellschaft nur sehr wenig über die Erkrankung und deren Behandlung bekannt. Viele hielten eine Depression immer noch für eine Charakterschwäche oder einen Fehler in der Erziehung, wie aus einer Umfrage der Stiftung hervorgeht. Ratschläge an die Betroffenen, sich zusammenzureißen, Schokolade gegen die depressive Stimmung zu essen oder einfach mal in den Urlaub zu fahren, seien jedoch wenig hilfreich.

„Hoffnungslosigkeit ist ein Teil der Depression. Das kann auch zu Suizidgedanken führen“, erklärt Professor Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Laut Hegerl verläuft eine Depression in Phasen. „Das Problem ist, wenn die Depression nicht konsequent behandelt wird“, so der Experte. Mit Antidepressiva und einer geeigneten Form der Psychotherapie ließen sich die depressiven Episoden zum Abklingen bringen. Auch Schlüpen bezeichnet den Tod von Gundula P. nicht als Freitod, sondern eher als Zwangstod, als Zwang der Erkrankung. „Viele Depressive könnten leben, wenn das Umfeld sich besser auf sie eingestellt hätte, sie besser begleitet hätte“, meint Schlüpen.

Laut dem Statistischen Bundesamt begehen in Deutschland jährlich etwa 10.000 Menschen Suizid. Depression ist dabei die häufigste Ursache für die Selbsttötung. Zum Vergleich: Bei Verkehrsunfällen sterben jährlich etwa 3500 Menschen. Die Zahl der Drogentoten liegt bei etwa 1200 Menschen pro Jahr. Weit höher ist die Zahl der Suizidversuche: Pro Jahr versuchen 100.000 Menschen sich das Leben zu nehmen. Experten schätzen die Dunkelziffer allerdings noch höher ein.

Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe haben sich die Fälle von Selbsttötungen in den vergangenen 30 Jahren beinahe halbiert, derzeit stagniert die Zahl allerdings. Ein großes mediales Interesse erregte 2009 der Suizid des Fußballspielers Robert Enke. Der Nationaltorwart und Torhüter von Hannover 96 war ebenfalls an Depressionen erkrankt. Die ausführliche Berichterstattung und Schilderung veranlasste viele Nachahmer, ebenfalls Selbstmord zu begehen.

Schlüpen, der als Inserent der Todesanzeige ebenfalls namentlich genannt wird, hat Reaktionen auf die außergewöhnliche Anzeige erhalten. „Ich kann mit meiner Familie nicht über das Thema Sterben reden“, sagte ihm beispielsweise eine ältere Dame am Telefon. „Für mich war die Anzeige völlig normal, weil es der letzte Wunsch einer Sterbenden war“, so Schlüpen.