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Gedenken an Ersten Weltkrieg: Bonner Studenten zogen jubelnd an die Front

Gedenken an Ersten Weltkrieg : Bonner Studenten zogen jubelnd an die Front

Ein Buch und eine Lesung erinnern an die gefallenen Soldaten. Die Feldpostbriefe spiegeln den Krieg und seine Folgen.

Im August 1914 ist die Stimmung an der Westfront noch einfach „famos“. „Es meckern nur jene, die nicht gleich mitkämpfen dürfen, darunter auch ich“, schreibt der 22-jährige Johannes Wierich aus dem Ersten Weltkrieg an die Familie in Küdinghoven. „Bitte Bleistifte senden, die anderen habe ich leider verloren,“ hängt er noch Banales dran.

Der junge Bonner Lehramtsstudent hat noch nicht realisiert, wo er hingeraten ist: ins Gemetzel eines mörderischen Krieges. Auch im Mai 1915 kritzelt der junge Bonner im nordfranzösischen Dorf Coulommes aufs Papier: „Ich habe gar keine Angst. Im Gegenteil. Ich höre die Geschosse über meinen Kopf durch die Luft fliegen, wenn der Franzmann schon wieder viel zu weit geschossen hat.“

Aber nur ein paar Wochen später hat der Student seine Verblendung erkannt: Der Krieg geht ihnen allen, die sich so himmelhoch jauchzend an die Front gemeldet hatten, ans Leben. Selbst den Feind, „die Franzmänner“, sieht der junge Rekrut jetzt mit anderen Augen. „Die Einwohner dieser Gegend haben's nicht rosig. Sie müssen uns mit Essen versorgen und dürfen keine Widerworte geben. Sie erfahren keine Gnade.“

Menschlichkeit ist nicht gefragt, erkennt Wierich und bittet die Eltern nur noch, ihm sein Gebetbuch in den Kugelhagel zu schicken. „Ich denke, Beten ist der einzige Schutz.“ Ostern 1916 hatte der Bonner Universitätsrektor noch „innige Grüße an diejenigen, die in die Welt hinausgezogen sind“ geschickt. Doch dann brechen die Briefe nach Küdinghoven ab: Der blutjunge Johannes Wierich bleibt wie zahllose junge Deutsche und Franzosen verschollen.

In Gedenken an den Ersten Weltkrieg (1914-1918) lesen an diesem Mittwoch ab 19.30 Uhr im Universitätsmuseum im Hauptgebäude, Regina-Pacis-Weg 1, Michael Klevenhaus und Klaus Herkenrath aus erschütternden Frontbriefen wie diesen. Matthias Höhn singt und spielt mit der Concertina Lieder der Zeit.

Das tun die Herren seit zwei Jahren immer rund um den Tag des Waffenstillstandsabkommens von Compiègne am 11. November 1918. Und sie werden es bis 2018 tun. „Was Befehle, Lageberichte, hoheitliche Verlautbarungen, auch solche des Rektors der Universität, nicht verraten, das spiegeln die persönlichen Feldpostbriefe der Soldaten und ihrer Familien. Krieg und alle seine Folgen treffen immer in die Mitte der Gesellschaft“, kommentiert Klaus Herkenrath.

Fast unglaublich heute: 1000 Bonner Studenten hätten damals nicht einmal den Einberufungsbefehl abgewartet, sondern hätten sich, von Ideologie verformt, neben den schon eingezogenen anderen 1000 freiwillig für den Kampf gemeldet, erläutert Uniarchivar Thomas Becker. Auf seiner Ausstellung „Die Universität im Ersten Weltkrieg“ von 2014 baut auch die heutige Lesung auf.

„Die damaligen Studenten waren mit Hass auf andere, sie waren auf Krieg getrimmt worden“, sagt Becker und zeigt Porträts gefallener junger Männer. „Das ist doch noch ein Babyface“, meint er kopfschüttelnd, als er auf das Bild des kindlich unter der Pickelhaube hervorschauenden Hermann Josten zeigt. Über die Folgen von Hass nachzudenken, sei 100 Jahre nach dem Massaker auf jeden Fall wieder unsere Aufgabe.