Fitness-Programm: Bonner sammeln beim Plogging Müll auf

Fitness-Programm : Bonner sammeln beim Plogging Müll auf

Freiwillig den Müll anderer Leute aufsammeln? Für die Anhänger der Plogger-Bewegung ist genau das Teil ihres Fitness-Programms - auch wenn es manch einen erst einmal Überwindung kostet.

Coffee-to-go-Becher, Bierflaschen, Einmal-Grills und manchmal auch Spritzen: Wenn Tamae Meixner, eine Bonner Unternehmerin, montags durch die Grünanlagen Bonns geht, ist sie oft entsetzt, wie viel Müll sich nach einem Wochenende wieder angesammelt hat. „Bonn ist extrem schmutzig“, sagt sie. Gerne möchte sie das ändern, mit anderen Freiwilligen zusammen.

Schon aus anderen Städten kennt sie das sogenannte Plogging, ein Trend, der seit diesem Frühjahr aus Schweden auch in die deutschen Großstädte schwappt. Das Wort ist eine Kombination aus „Joggen“ und dem schwedischen Wort „Plocka“, gleichbedeutend mit „etwas aufheben“: Müllsammeln beim Laufen. Meixner, die sich im Verein Bunter Kreis Rheinland engagiert, hat auch in Bonn eine Plogging-Gruppe eingerichtet.

Seit April trifft sich die Gruppe einmal im Monat an der Bonner Hofgartenwiese. Die Teilnehmer sind höchst unterschiedlich: vom Kind über die Studentin bis hin zum Umweltaktivisten. „Jeder kann mitmachen, von ganz jung bis alt“, sagt Meixner. „Wir nehmen auf das Tempo des Langsamsten Rücksicht.“

Ausgestattet mit Schutzhandschuhen und kleinem Müllbeutel macht sich die Gruppe auf den Weg. „Am Anfang ist es natürlich ekelhaft, weil man auch in Sachen reinfasst, in die man nicht reinfassen möchte“, sagt sie. Doch sie lassen sich etwas einfallen: so werden die potenziell gefährlichen Spritzen nicht in die Plastiktüte geworfen, sondern in einer Glasflasche aufbewahrt.

Bei ihrer Sammelaktion werden die Läufer auch von anderen Passanten aufmerksam beobachtet. „Die Resonanz von außen ist immer ganz unterschiedlich“, sagt Meixner. „Einige finden es ganz toll und wollen das nächste Mal gerne mitmachen, andere erklären uns für blöd - wir sollen die Stadt doch ihre Arbeit machen lassen, die werden doch dafür bezahlt.“

Müll aufsammeln vor der Yogastunde

Auch die junge Yogalehrerin Annalena van Beek gehört zur Bonner Plogging-Gruppe. Sie bietet für ihre Kunden seit kurzem ein ähnliches Konzept an: Vor der kostenlosen Yogastunde gehen alle für eine Stunde Müll aufsammeln - bevorzugt direkt am Rhein, wo der Wind sonst schnell die Plastiktüten ins Wasser weht. „Ich wollte das Aufräumen etwas attraktiver für die Leute machen; wir kennen ja alle das Problem, das Müll im Ozean verursacht“, sagt van Beek, die selber versucht „zero waste“ - also ohne Verpackungsmüll - zu leben.

Nicht nur in Bonn, auch in München, Hamburg, Bochum, Düsseldorf, Frankfurt und anderen Städten haben sich Läufer zum gemeinnützigen Sportreiben zusammengeschlossen - zum Teil mit prominenter Unterstützung: In der Berliner Plogging-Gruppe hat auch Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel schon zur Mülltüte gegriffen. In Köln konnte die Idee schon Hunderte überzeugen - die Gruppe Plogging Cologne zählt mittlerweile mehr als 350 Mitglieder.

Auf einer interaktiven Plogging-Karte von gruenkoepfe.de und auf Facebook machen Initiativen ihre Veranstaltungen öffentlich. Doch auch außerhalb Deutschlands, in den USA, Russland oder Chile hat sich die Bewegung dank sozialer Plattformen schnell verbreitet.

Sportwissenschaftler sieht Plogging kritisch

Ob Plogging geeignet ist, nachhaltig die Umwelt zu schützen, ist fraglich. Umweltverbände wie der Naturschutzbund NABU plädieren dafür, besser generell weniger Müll zu produzieren.

Aus sportwissenschaftlicher Sicht ist das Plogging nicht uneingeschränkt zu empfehlen. Sportwissenschaftler Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln sieht die häufigen Unterbrechungen durch das Bücken und Müllaufsammeln kritisch. „Wenn ich laufen will, dann will ich laufen - ohne Unterbrechungen.“ Er schlägt ein Intervalltraining vor, damit der sportliche Effekt trotzdem nicht verloren geht.

Für Meixner und ihre Gruppe ist die Trainingswirkung trotz aller Bedenken aus wissenschaftlicher Sicht gut spürbar. „Nach dem letzten Plogging-Einsatz hatte ich drei Tage später noch Muskelkater“, erzählt sie. Doch das hält sie nicht auf, im Gegenteil.

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