Studierendenwerk stellt Zukunftpläne vor: Bonner Mensa wird für drei Jahre geschlossen

Studierendenwerk stellt Zukunftpläne vor : Bonner Mensa wird für drei Jahre geschlossen

Die Mensa an der Nassestraße wird zum April 2020 schließen - dies allerdings nur vorübergehend. Im Herbst 2023 will das Studierendenwerk Bonn dort einen modernen Neubau öffnen. Im Interview erläutert die Geschäftsführung ihre Pläne.

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Frau Cziudaj, Herr Huber, das Studentenwerk wurde vor hundert Jahren, unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, als eines der ersten in Deutschland gegründet. Gibt es etwas Besonderes zum Jubiläum?

Sarah Cziudaj: Unseren Gründungstag, den 19. September, werden wir groß feiern. Zudem gibt es über das ganze Jahr eine Reihe an kleineren Veranstaltungen zu bestimmten Themen. In den Mensen werden wir Blicke „hinter die Kulissen“ anbieten, aber auch Aktionswochen machen, beispielsweise zum Thema „Essen vor hundert Jahren“.

Jürgen Huber: Wir sind seit hundert Jahren im Dienste der Studierenden in Bonn und seit 1995 auch für die Studierenden im Rhein-Sieg-Kreis tätig. Das macht uns schon stolz.

Mit dem geplanten Neubau Ihres Mensa- und Verwaltungsgebäudes an der Nassestraße werfen ja ganz andere Ereignisse ihre Schatten voraus. Was ist der Anlass für dieses Großprojekt?

Huber: Sie müssen bedenken, dass es sich hauptsächlich um Nachkriegsbauten handelt, die über die Jahre immer wieder erweitert und teilrenoviert wurden. Das Ergebnis ist ein Konglomerat aus Gebäuden, das in keiner Weise barrierefrei ist. Hinzu kommen Defizite beim Brandschutz und bei der Praktikabilität. Wir haben lange überlegt, ob eine Kernsanierung sinnvoll und ökonomisch vertretbar wäre, und haben uns für den Neubau entschieden. So schaffen wir für die nächsten Jahrzehnte eine Einrichtung, die den Bedürfnissen heute und morgen gerecht wird. Anders lässt sich das verwinkelte Flickwerk nicht vernünftig auflösen. Diese Antwort hat uns auch jeder befragte Architekt gegeben, und auch die Stadtverwaltung hat uns zum Neubau ermuntert.

Welche Bedürfnisse sind das?

Huber: Es wird bei den drei Nutzungsarten bleiben mit Gastronomie, Wohnen und studentischem Servicecentrum. Dies aber unter guten und modernen Arbeitsbedingungen. Weiterhin soll der AStA im Haus bleiben und gerade das Erdgeschoss für die Umgebung in der Südstadt als deren Bestandteil offen stehen. Hier soll es auch Angebote für die Nachbarschaft geben.

Cziudaj: Ich will die Bedürfnisse am Beispiel der Mensa erläutern: Wir haben eine Anlieferung im Erdgeschoss über Nasse- oder Lennéstraße, Lager im Keller, Küchen über drei Etagen und einen Lastenaufzug, für den es keine Ersatzteile mehr gibt. All das erschwert die Arbeitsorganisation, die nur besser werden kann. Auch gibt es regelmäßig Wassereintritt bei Starkregen.

Wie sind denn die ersten Reaktionen der Studenten auf Ihre Pläne?

Huber: Im Verwaltungsrat des Studierendenwerks sitzen auch vier Studentenvertreter. Von dort gab es volle Unterstützung. Auch der AStA unterstützt das Vorhaben.

Gebaut werden soll in den Jahren 2020 bis 2023. Wie werden Sie diese Zeit überbrücken?

Huber: Derzeit planen wir, die Mensa zum 3. April 2020 zu schließen und drei Jahre später im Herbst 2023 wiederzueröffnen. Hinter den Kulissen wird an Interimslösungen gearbeitet. Ziel ist es, eine solide Zeltmensa möglichst in Nähe des heutigen Standorts zu errichten. Wir rechnen hier mit einer Entscheidung in den nächsten Wochen. So lange es keine vernünftige Zwischenlösung gibt, werden wir den Neubau allerdings auch nicht beginnen.

Haben Sie als Bauherr bestimmte Vorgaben an die Architektur gemacht?

Huber: Nicht, sofern sie über die genannten Ansprüche hinausgehen. Ziel des laufenden Architektenwettbewerbs mit 18 teilnehmenden Büros ist eine städtebauliche Lösung die mit den verschiedenen Bedürfnissen in Einklang gebracht werden kann.

Auch mit den Bedürfnissen der Nachbarschaft?

Huber: Ja. Zum Beispiel soll sich ein Neubau möglichst harmonisch in die ihn umgebende Gründerzeitbebauung einfügen. Zugleich wollen wir natürlich unsere Ziele erreichen. Beim Umbau des früheren Bürogebäudes der Kultusministerkonferenz gegenüber der Mensa in ein Wohnheim ist das ja bereits gelungen.

Wann erfahren wir Näheres?

Huber: Das Preisgericht tagt am 19. Juni. Wir sind gespannt und absolut überzeugt davon, dass dieser Wettbewerb sinnvoll ist. Gerade mit Blick auf die historische Bebauung ringsum ist es wichtig, alle Möglichkeiten auszuloten.

Werden sich bauliche Details der alten Mensa erhalten lassen?

Cziudaj: Die Häuser Nassestraße 7 und 9 stehen unter Denkmalschutz. Zudem haben wir den Architekten freigestellt, dass das historische, geschwungene Treppenhaus im Tillmannhaus an der Lennéstraße erhalten bleiben kann. Dieselbe Option gibt es für Elemente des großen Speisesaals. Inwieweit sich das realisieren lässt, wird sich zeigen.

Wie wird sich die Gesamtfläche verändern?

Huber: Wir kalkulieren derzeit mit einer maßvollen Erweiterung von derzeit 13200 auf rund 15000 Quadratmeter Bruttogrundfläche plus Tiefgarage.

Apropos Kalkulation: Was soll das Ganze eigentlich kosten?

Huber: Auch da warten wir das Wettbewerbsergebnis ab, Details kann man da noch nicht nennen.

Wie schade. Welcher Aufsichtsbehörde sind Sie eigentlich rechenschaftspflichtig?

Huber: Als Anstalt öffentlichen Rechts haben wir einen Verwaltungsrat. Er ist Kontrollorgan und beratendes Gremium gegenüber der Geschäftsführung, ansonsten agieren wir selbstständig im Rahmen des Studierendenwerksgesetzes. Die Rechtsaufsicht liegt beim Ministerium für Kultur und Wissenschaft.

Wie funktioniert die Finanzierung?

Huber: 60 Prozent unserer Einnahmen erwirtschaften wir selbstständig, der Rest setzt sich aus staatlichen und kommunalen Zuschüssen und vor allem dem Sozialbeitrag zusammen, den die Studierenden leisten. Als gemeinnützige Organisation sind wir dazu verpflichtet, jeden erwirtschafteten Euro in studentische Angebote zu reinvestieren.

Kürzlich wurde bekannt, dass Bonn der drittteuerste Wohnort für Studenten in NRW ist. In welchem Preissegment bewegen Sie sich im Vergleich zum Gesamtmarkt?

Huber: Die durchschnittliche Warmmiete liegt bei rund 295 Euro. 72 Prozent unserer Wohneinheiten, vorwiegend Appartements und WG-Zimmer, liegen unter 300 Euro warm.

In welchem Verhältnis steht Ihr Angebot zur Nachfrage?

Huber: Im Wintersemester haben wir lange Wartelisten, auch wenn wir alles versuchen, damit jeder eine Unterkunft erhält. Mittel- und langfristig werden hier nur neue Wohnheime einen Effekt haben.

In welche Richtung gehen da Ihre Pläne?

Huber: Wir haben vor, unseren Bestand aus rund 45 Liegenschaften zu konsolidieren. Auf Dauer ist die Zahl der Standorte zu hoch. Wenn wir das studentenfreundliche Angebot auf dem Wohnungsmarkt erhalten wollen, müssen wir weniger und dafür größere Wohnheime im Bestand haben und zugleich die Platzzahl erweitern, möglichst von derzeit 3700 auf künftig bis zu 4500 Plätze. Dafür arbeiten wir an einem Liegenschaftskonzept, das bis Ende 2020 durch den Verwaltungsrat beschlossen werden soll.

Sind auch Schließungen von Studentenwohnheimen denkbar?

Huber: Es kann schon sein, dass wir den Verkauf des einen oder anderen kleineren Standorts in Erwägung ziehen werden.

Wie bewerten Sie Ihre Situation als Bauherr, beispielsweise in Fragen der Finanzierung?

Huber: Es gibt zwar zinsgünstige Darlehen für den Wohnheimbau. Wir sind uns aber mit anderen Studierendenwerken in NRW einig in der Einschätzung, dass es dringend eines Investitions- und Sanierungsprogramms des Landes bedarf, bei dem es direkte Zuschüsse gibt.

Das Studentenwerk ist ja auch ein wichtiger Arbeitgeber. Wie hat sich Ihr Personalbestand zuletzt entwickelt?

Cziudaj: Wir liegen stabil bei rund 400 Mitarbeitern, davon etwa die Hälfte im Bereich Hochschulgas-tronomie.

Wie beurteilen Sie die Verfügbarkeit von Kräften auf dem Arbeitsmarkt?

Huber: Die Suche nach Fachkräften ist ein essenzielles Thema für uns. Durch den Tarif für den öffentlichen Dienst sind wir limitiert. Deshalb beschreiten wir andere Wege, um als sozialer Arbeitgeber attraktiv zu sein.

Cziudaj: Wir haben, soweit es die Praxis erlaubt, die Arbeitszeiten flexibilisiert, mobiles Arbeiten an einem Tag pro Woche etabliert und Qualifizierungsmöglichkeiten gestärkt - dazu gehören auch Sprachkurse, sowohl in Englisch als auch in Deutsch.

Huber: Einen hohen Stellenwert genießen auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und: Mit zwölf Prozent haben wir die doppelte Schwerbehindertenquote als eigentlich vorgeschrieben. Es ist für uns wichtig, auch hier integrativ zu wirken.

Mal ein ganz anderes Thema: Was macht eigentlich die vielbeschworene Uni-Card, nutzbar für alle Dienstleistungen rund um die Universität?

Cziudaj: Derzeit ist selbst die aufladbare Mensacard beim Bezahlen an der Kasse nur in Kombination mit dem Studentenausweis nutzbar. Daran sieht man schon, wie kompliziert es derzeit noch ist. Man sieht am Beispiel der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, dass eine solche Karte, die verschiedene Ausweise und Bezahlen kombiniert, vieles erleichtert. Wir begrüßen eine Einführung insofern uneingeschränkt.

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