Die Angst ist zurück: Bonner Jüdin spricht über vermehrten Antisemitismus

Die Angst ist zurück : Bonner Jüdin spricht über vermehrten Antisemitismus

Am 9. November 1938 wüteten den Nazis in der Reichspogromnacht. Das Gedenken daran soll den Deutschen in Erinnerung rufen, dass dieses Unrecht niemals wieder geschehen darf. Umso bedrückender, dass eine Bonner Jüdin nun über zunehmenden Antisemitimus in der Gesellschaft spricht.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 Jahren brannten Tausende Synagogen. Nationalsozialisten zerstörten ebenso viele Wohnungen und Geschäfte von Juden, verfolgten sie und ermordeten allein in jener Nacht Hunderte Menschen jüdischen Glaubens. Der Pogromnacht gedenken in diesen Tagen viele Menschen bei zahlreichen Veranstaltungen. Die Angst, dass die barbarischen Zeiten zurückkehren könnten, ist groß, wie eine Bonner Jüdin dem GA schildert.

Es ist ein kühler Novembervormittag. Die Tempelstraße ist menschenleer. Nur zwei Polizisten sitzen in einem Bully und halten ein spätes Frühstück. Der Wagen parkt neben dem Eingang zur einzigen Synagoge in Bonn. Sie steht seit vielen Jahren unter Polizeischutz. Alles wie immer. Alles wie immer? Früher, erinnert sich eine Mitarbeiterin der Gemeinde, die anonym bleiben möchte, stand die Polizei nur zu den Bürozeiten vor der Synagoge. Seit dem Anschlag kürzlich auf eine Synagoge in Halle, bei dem zwei Menschen starben, bewachen die Beamten das Gotteshaus rund um die Uhr. Zu den Festtagen sogar mit Verstärkung. Die Mitarbeiterin, nennen wir sie Rebekka, ist seit 20 Jahren hauptamtlich in der Gemeinde mit mehr als 900 Mitgliedern beschäftigt. „Ich habe Angst“, sagt sie. „Ich habe sogar tierische Angst, dass wir Juden in Deutschland wieder verfolgt werden könnten.“

Vor 23 Jahren ist sie aus der Ukraine nach Bonn gekommen

Der 58-Jährigen treten die Tränen in die Augen, als sie das sagt. „Wissen Sie, als wir damals aus Russland nach Deutschland ausreisen durften, haben wir uns riesig gefreut. Endlich in Sicherheit, wir haben gejubelt“, erzählt sie. Das ist 23 Jahre her. Rebekka stammt gebürtig aus der Ukraine. Als 17-Jährige ging sie mit den Eltern nach Russland. Juden wurden dort anfangs diskriminiert. Später auch offen bedroht, erinnert sich Rebekka.

Rebekka und ihr Mann, der der russisch-orthodoxen Kirche angehört, wurden mit ihrem zehnjährigen Sohn schnell heimisch in Bonn. Alle lernten schnell deutsch. Während ihr Mann Arbeit als Schweißer fand, absolvierte Rebekka ein Fernstudium. „Ich erinnere mich, dass mir damals einige Juden, die schon lange in Bonn lebten, sagten, ich solle meinen Koffer nicht auspacken.“ Erst verstand sie nicht , was sie meinten. Schließlich konnte sie hier in Bonn anders als in Russland ohne fünf Schlösser an der Haustür und ohne Notrufeinrichtung leben. Dann erlebte sie eine Demonstration mit Neonazis. „Ich fragte mich, warum das in Deutschland überhaupt noch erlaubt ist.“ Die Angst kam zurück. Zunächst in kleinen Schritten. „Damals freute ich mich über die große Gegendemonstration. Das war für mich die Botschaft: Habt keine Angst. Also dachte ich, das ist Quatsch, was mir die anderen erzählt haben.“ Trotzdem war Rebbeka vorsichtig. Jüdische Symbole, wie den Davidstern als Anhänger, trug sie schon damals nicht.

Vermehrte Feindseligkeit gegenüber Israel und Juden erlebt

Mit der Zeit spürte die 58-Jährige eine schleichende Veränderung: „Die Feindseligkeit gegen Israel und damit gegen uns Juden nahm zu. Wir merkten das an den Berichten in den Medien, aber auch in den Diskussionen“, sagt sie. Israel werde immer mehr zum Sündenbock gemacht, ist sie überzeugt. „Hier die armen Palästinenser, dort die bösen Juden.“ Sie erlebe kaum noch, dass jemand mit ihr sachlich über den Nahost-Konflikt reden wolle. Natürlich dürfe Kritik auch an Israel kein Tabu sein. Aber was sie erfahre, sei offene Feindseligkeit, purer Hass gegen Israel und damit gegen die Juden. „Das hat dem Antisemitismus auch in Deutschland wieder Tür und Tor geöffnet“, ist Rebekka überzeugt. Für sie ist es unbegreiflich, dass die von einer Mehrheit im Bundestag als antisemitisch bewertete Bewegung Boycott, Divestment and Sanctions (BDS), ungestraft zum Boykott Israels aufrufen dürfe. Dass jüdische Kinder mittlerweile auch in Bonn auf den Schulhöfen wieder als „du Jude“ beschimpft würden, sei nicht selten. Viele Eltern hätten ihren Kindern verboten, sich als Juden zu outen.

Und noch etwas bereitet ihr große Sorge: „Ich höre oft von Nicht-Juden, man solle die Vergangenheit endlich ruhen lassen.“ Eine Frau, die sie bei Spaziergängen am Rheinufer kennengelernt hatte, habe ihr gesagt, es müsse mal Schluss sein mit den „ewigen“ Gedenkfeiern. „Sie wusste nicht, dass ich Jüdin bin. Ich habe ihr gesagt, dass nicht wir die Gedenkfeiern veranstalten, sondern dazu eingeladen werden.“ Ihre Angst, sagt Rebekka, hat sie gelehrt, viel mehr als früher auf ihre Umgebung zu achten. Inzwischen bereue sie, ihren Nachbarn erzählt zu haben, sie sei Jüdin. „Die Judenverfolgung im Dritten Reich ging schnell. Da wurden aus Nachbarn plötzlich Feinde.“

Wie lange hält ein Mensch so viel Angst aus? „Ich weiß es nicht.“ Einige aus der Gemeinde wollten nach Israel auswandern. „Aber ich bin nicht nur Jüdin. Ich bin auch Bonnerin. Ich lebe gerne hier und möchte bleiben.“

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