Bonn: Zeitzeugen erinnern an den Luftangriff vom 18. Oktober 1944

Bombenangriff in Bonn : Zeitzeugen berichten über Luftangriff vom 18. Oktober 1944

Bei der schweren Bombardierung Bonns vor 75 Jahren sind 300 Männer, Frauen und Kinder gestorben, die historische Altstadt wurde nie wieder aufgebaut. Auch ein Dreivierteljahrhundert später tun sich viele Überlebende mit den Erlebnissen schwer.

Gegen elf Uhr tauchen sie über der Stadt auf, die 127 britischen Bomber und mehr als 200 Begleitjäger, drehen noch eine Schleife hinüber zum Siebengebirge und gehen dann zum Angriff auf Bonn über. Eine gute Stunde später ist Bonn nicht mehr das, was es war. Vor allem die ehemalige Altstadt zwischen Altem Zoll und Rheinbrücke mit ihren mittelalterlichen Gässchen geht unwiederbringlich verloren. Am linken Rand dieser Seite geben mehrere Aufnahmen einen Eindruck von der Anmut der Residenz- und Universitätsstadt kurz vor dem Krieg. Gegenüber, am rechten Seitenrand, sind dieselben Ecken der Stadt aus gleicher oder ähnlicher Perspektive nach der Zerstörung zu sehen.

Neben den optischen Narben im Stadtbild zwischen Wachsbleiche, Arndtstraße, Kaiser- und Wilhelmsplatz hinterließ der Großangriff menschliches Leid. Gespräche mit Zeitzeugen lassen erahnen, in welcher Weise das erlittene Trauma auch ein Dreivierteljahrhundert später fortwirkt. Aber längst nicht jeder Betroffene findet bis heute Worte dafür, was er an jenem Mittwoch, 18. Oktober 1944, erlebt hat. So endet mancher Bericht der damaligen Bonner Kinder und Jugendlichen abrupt in Kopfschütteln und in Schweigen. Rüdiger Franz hat mit einigen Zeitzeugen gesprochen, ihre Schilderungen notiert und Bonner Familienerinnerungen zusammengetragen.

„Das donnernde Geräusch verfolgt mich mit heute“

Helga Große Drieling aus Holzlar war zum Zeitpunkt des Angriffs mit ihren beiden Geschwistern zu Besuch bei ihrer Oma an der Koblenzer Straße, der heutigen Adenauerallee:

Wir befanden uns im dritten Stockwerk, als die ersten Bomben einschlugen. Wie durch ein Wunder erreichten wir zwischen einstürzenden Fenstern und Treppengeländern noch den zum Luftschutzraum ausgebauten Gewölbekeller des Hauses, in dem sich bereits alle Bewohner befanden. Es waren bange Stunden, die wir dort erlebten. Das donnernde Geräusch der einschlagenden Bomben verfolgt mich bis heute. Als die Entwarnung kam, konnten wir den Keller verlassen, jedoch nicht zur Straßenseite hin. Die gesamte Koblenzer Straße stand in Flammen, und wir konnten nur das nackte Leben retten, indem wir durch die hinteren Gärten und über hohe Gartenmauern kletternd endlich die Lennéstraße erreichten.

Ganz in der Nähe befand sich zu dieser Zeit Elisabeth Drühe, geb. Königs. Die gebürtige Krefelderin arbeitete als 22-jährige Hilfskraft gerade im geografischen Institut an der Nassestraße (am Standort der heutigen Mensa), als Vollalarm ausgelöst wurde.

Im Lennéviertel musste eine schwere Mine heruntergekommen sein, kurze Zeit später krachte in unserem Institut eine Bücherwand zusammen. Mein einziger Gedanke war: nur nicht hier, nur nicht hier. An der Weberstraße, schräg gegenüber dem Ernst-Moritz-Arndt-Haus, hatte ich eine Studentenbude. Als ich dort ankam, stand das Haus schon in Flammen und brannte aus. Ich habe noch ein altes Ehepaar aus einem Keller geholt, einige Kleidungsstücke gerettet und zugesehen, dass ich irgendwo unterkam. Wir waren jung und aktiv. Schräg gegenüber, wo jetzt der Bundesrechnungshof ist, kam die Familie des Schriftstellers Paul Coelestin Ettighofer bei dem Angriff ums Leben; in der Villa daneben erlitt ein kleiner Junge bleibende Gehirnschäden durch den Druck einer Luftmine. In die Stadt zu gehen, blieb gar keine Zeit. Deren Zerstörung haben wir erst später realisiert und stattdessen die Trümmer im Institut geräumt. Man war einfach auf das engste Umfeld fokussiert.

Die Bomben fielen auch in Beuel

Ebenfalls in der Nähe des heutigen Juridicums erlebte die Mutter von Wilfried Schumacher den Angriff. Der frühere Bonner Stadtdechant erzählt:

Meine Mutter erzählte immer von diesem Tag, dass sie nach den ersten Bombeneinschlägen aus Bonn geflüchtet ist. Sie arbeitete in der Schaumburg-Lippe-Straße. Da der Weg in die Stadt versperrt war, sind sie und ihre Kollegen hinunter zum Rhein gelaufen und unterhalb der Böschung auf dem bei Niedrigwasser auch heute sichtbaren Absatz Richtung Godesberg gelaufen. Von dort aus ist sie dann am Nachmittag nach Endenich zurückgekehrt.

Nicht nur in der Bonner Innenstadt, auch im gegenüberliegenden Beuel fielen die Bomben. Die 92-jährige Anni Metz, Schwester des langjährigen Beueler Bezirksvorstehers Hans Lennarz, erinnert sich:

Nach Anschluss der Höheren Handelsschule sollte ich eigentlich zum Westwall kommandiert werden. Weil ich dann doch eine Lehrstelle bekam, befand ich mich am Tag des Angriffs an meinem Arbeitsplatz im Schmirgelwerk, das kurz vor Limperich zu beiden Seiten der Königswinterer Straße lag. Gegen elf Uhr war Alarm, mindestens eine Stunde lang saßen wir mit 15 Leuten im Luftschutzkeller auf dem Werksgelände. Obwohl draußen irgendwann keine Flieger mehr zu hören waren, hörte die Knallerei nicht auf. Später wussten wir, warum: Auf den Gleisen hinter dem Werk hatte ein Munitionszug gestanden, 30 Waggons sind explodiert. Später habe ich mich über Pützchens Chaussee und Gartenstraße zu Fuß auf den Heimweg nach Geislar gemacht, das an diesem Tag nicht getroffen wurde. In Vilich allerdings brannten Kirche und Kloster. Kurz nach Mittag war ich zu Hause, drüben in Bonn bin ich erst nach dem Krieg wieder gewesen.

Blick auf das Inferno

Auch im Umland wurde das Unheil registriert, das an jenem Herbsttag über Bonn hereinbrach. Von den Höhen des Vorgebirges blickte man auf das Inferno. Die Meckenheimerin Louise Kurig-Servais berichtete:

Ich war zwar erst sieben Jahre alt, als auf Bonn die Bomben fielen. Wir wohnten damals in Witterschlick und sahen den Himmel über Bonn blutrot. Meine Eltern waren in großer Sorge, denn eine Schwester meines Vaters lebte mit ihrer Familie in Poppelsdorf. Ihr Haus wurde von Brandbomben getroffen, sie selbst kamen mit dem Schrecken davon. Ich erinnere mich noch heute, als wäre es gestern gewesen.

In Dransdorf lebten 1944 die Eltern des Bonner Buchautors Josef Niesen. Helene Niesen, zum Zeitpunkt des Angriffs 16 Jahre alt, absolvierte eine Kaufmannslehre im Metallwarengeschäft W. Seiwert am Münsterplatz 28, gegenüber Van Dorp. Josef Niesen, Jahrgang 1925, war 19 Jahre alt und als Soldat auf Heimaturlaub.

Helene Niesen:Herr Seiwert hatte einen Luftschutzkeller. Da sind wir runtergegangen, weil der Chef das so wollte. Wir sind ja nie im großen Luftschutzkeller unter dem Münsterplatz gewesen, weil der Chef gesagt hat, wir müssen hierbleiben, dann sind wir gleich wieder im Geschäft, dann wird auch nix gestohlen. Und das war mein Glück, denn im Keller unterm Münsterplatz sind ja alle umgekommen. Überm Keller war ja genau der Löschwasserteich, und in den fielen die Bombe, und die Menschen im Keller sind alle ertrunken.

Trümmer, Dreck und Schmutz

Und wir waren alle im Keller, und dann hörte man die Bomben fallen, und dann hörte man auch so ein Prasseln, und da hat Herr Seiwert gesagt: "Ich muss mal gucken, was da los ist." Und dann hat er die Tür aufgemacht, und da kam ihm alles entgegen, Trümmer, Dreck und Schmutz und der Brand. Das Nachbarhaus stand in Flammen, und gegenüber das Geschäft Van Dorp hat sehr schwer gebrannt. Wir wollten nach oben, aber das ging nicht, und da hat Herr Seiwert eine Öffnung in die Wand geschlagen. Und von da kamen zwei alte Damen aus dem Hutgeschäft von nebenan zu uns. Wir haben uns alle furchtbar aufgeregt und hatten Angst.

Und da hat der Chef uns nach Hause geschickt. Ich bin vom Dreieck über die Sternstraße und Friedensplatz zum Windeckbunker gelaufen. Aber da sah es ganz schlimm aus. Überall Trümmer, und ich konnte da nicht weiter. Alles brannte, die ganze Stadt stand ja in Flammen. Aber es waren merkwürdigerweise gar keine Menschen da. Ich war ganz alleine und habe überhaupt keinen gesehen. Nur ganz wenige, die alle wegliefen. Nur raus aus Bonn! Sie versuchten, raus aus der Stadt zu kommen. Aber alles brannte. Ich musste durch brennende Straßen durch. Ich bin dann zu Hause angekommen, und da sagte die Mutter: "Der Vater ist nach Bonn und will dich holen." Da war mein Vater ins brennende Bonn gelaufen, nur um mich zu holen. Aber er hatte mich nicht gefunden, dafür aber meine ältere Schwester Franzi, mit der er später nach Hause kam. Da waren wir dann Gott sei dank alle zu Hause.

Josef Niesen: Ich war gerade auf Heimaturlaub von der Front. Wir sind von Dransdorf mit der Vorgebirgsbahn bis kurz vor den Ellerbahnhof gefahren. Dann fielen die Bomben, und plötzlich drängte alles raus. Wir haben die Fenster kaputt geschlagen und sind raus aus der Bahn. Später sind wir zu Fuß weiter nach Bonn reinmarschiert. Da hat es schwer gewütet. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir da wieder rauskamen. Alles weg. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie es weiterging.

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