GA-Interview mit OB Ashok Sridharan: Bonn nimmt sich bei der Digitalisierung viel vor

GA-Interview mit OB Ashok Sridharan : Bonn nimmt sich bei der Digitalisierung viel vor

Bis 2025 will Bonn „Smartest City in NRW“ sein. Oberbürgermeister Ashok Sridharan beschreibt im Gespräch mit Helge Matthiesen Ziele, Hindernisse und erste Erfolge auf dem Weg zur digitalen Verwaltung.

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Ashok Sridharan: Bis dahin ist es noch ein langer Weg. In den öffentlichen Verwaltungen werden insgesamt mehr als 5000 Leistungen für Bürgerinnen und Bürger erbracht. Daraus haben wir 575 Produkte identifiziert, die zu einer Online-Leistung umgewandelt werden können. Das reicht von einfachen Terminvergaben, Melde- oder Führerscheinangelegenheiten bis zu kompletten Baugenehmigungen.

Wo wird die Initiative für die Bürger besonders spürbar werden?

Sridharan: Alles, was wir tun, soll beim Bürger ankommen. Wenn wir darüber nachdenken, Arbeitsabläufe in der Verwaltung zu rationalisieren, dann ist das kein Selbstzweck. Das machen wir, damit die Bürgerinnen und Bürger schneller zu Genehmigungen kommen, damit die Bürger nicht mehr wegen so vieler Anliegen ins Stadthaus kommen müssen. Alleine 2018 haben wir 180 Onlineformulare an den Start gebracht. Die ermöglichen den Bürgerinnen und Bürgern, viele Dinge von zu Hause zu erledigen oder vorzubereiten.

Digitalisierung sind häufig Rationalisierungen: Soll damit Personal eingespart werden?

Sridharan: Wir wollen die Qualität unserer Arbeit steigern und dabei möglichst effizient sein. Aber wir haben damit keinen Stellenabbau verbunden. Wir glauben eher, dass wir für die Umsetzung der Pläne zusätzliche Kräfte benötigen werden. In der mittleren Finanzplanung ist vorgesehen, durch Digitalisierung von Prozessen den Anstieg der Personalkosten zu begrenzen, so wie er sich aus Tarifsteigerungen und der allgemeinen Entwicklung ergeben wird.

Ist die Stadt konkurrenzfähig, um die notwendigen Experten zu holen?

Sridharan:Als öffentliche Verwaltung sind wir an die Tarifstruktur des öffentlichen Dienstes gebunden. Wenn wir IT-Spezialisten bei uns beschäftigen wollten, dann können wir nicht das bezahlen, was in der Privatwirtschaft verdient wird. Wir haben Spezialisten, die wir durch eigene Aus- und Fortbildung gewonnen haben. Die notwendigen Experten kriegen wir an Bord, indem wir Aufträge erteilen.

Gibt es für das Vorgehen der Stadt einen Masterplan, oder gehen sie in einzelnen Bereichen unterschiedlich voran?

Sridharan: Es gibt einen Masterplan, den wir jetzt nach einem Workshop im Dezember ausrollen werden. Daneben gibt es auch ganz viele Einzelprojekte. Die kommen aus der 2016 begonnenen Initiative „Digitales Bonn“ und greift Ideen aus den IT-Unternehmen der Stadt auf. Es gibt aber auch Projekte, die vom Chief Digital Officer der Stadt Bonn, Friedrich Fuß, angeregt werden. Ein Einzelprojekt außerhalb des Masterplanes ist beispielsweise das Smart Parking. Ein weiteres beschäftigt sich mit den Straßenlaternen und der Frage, was man mit ihnen neben der Beleuchtung sonst noch anfangen kann. In den Masterplan gehört die Vision, dass wir uns in der Verwaltung insgesamt dezernats- und ämterübergreifend aufstellen und in Projekten zusammenarbeiten. Wir bilden jetzt verstärkt Projektteams mit Kompetenzen und Aufgaben, die es bisher so nicht gegeben hat.

Gibt es Zielmarken für dieses Vorgehen oder ist das der Beginn einer Daueraufgabe?

Sridharan: Das wird sicherlich ein Prozess, der immer weitergeht. Wir haben 2016 damit begonnen und wollen jetzt Verwaltung und Politik mitnehmen. Aber das Ziel Smartest City in NRW wollen wir bis 2025 erreicht haben.

Solche Prozesse verändern manchen Arbeitsplatz komplett. Das weckt bei Menschen Ängste. Wie gehen die Mitarbeitenden der Stadt damit um?

Sridharan: Es gibt bei manchen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Sorge um die Sicherheit des Arbeitsplatzes oder um Kompetenzverluste. Wir wollen diese Ängste nehmen. Es geht uns darum, die vorhandenen Ressourcen besser zu nutzen. Daher werden wir entsprechende Fort- und Weiterbildungsangebote unterbreiten. Wir haben im Fortbildungsetat Mittel dafür vorgesehen.

Das Land macht Programme für die Digitalisierung der Kommunen und Verwaltungen. Beteiligt sich Bonn an solchen Programmen?

Sridharan: Bonn ist an vielen Stellen dabei. Bevor wir das Rad neu erfinden, schauen wir lieber, was andere Kommunen machen. Dabei profitieren wir von den Erfahrungen anderer Städte. Es kommen genauso andere Kommunen auf die Bonner Verwaltung zu, um hier etwas zu lernen. Bestes Beispiel ist unsere Kampagne www.bonn-macht-karriere.de, mit der wir neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter suchen. Zu ihr hat es sehr viele Anfragen gegeben, direkte aber auch über Städtenetzwerke. Wir sind bestimmt nicht überall an der Spitze, aber in einigen Bereichen liegen wir weit vorn.

Wo sehen Sie Bonn besonders gut aufgestellt?

Sridharan: Beim Chief Digital Officer (CDO) sind wir gut aufgestellt, der nicht aus den eigenen Reihen kommt, sondern aus der Privatwirtschaft, und natürlich umfangreiche Erfahrungen mitbringt. Einen solchen CDO haben in Deutschland erst sehr wenige Städte. Bonn zeichnet sich mit der Initiative „Digitales Bonn“ , die ich gemeinsam mit der Firma Axxessio und der IHK Bonn/Rhein-Sieg initiiert habe, durch viele gute Ideen und konkrete Projektvorschläge aus. Die engagierte Beteiligung von 70 Bonner IT-Unternehmern wirkt sich positiv aus. Sie haben 350 Vorschläge erarbeitet und zum Teil mit einem Umsetzungsplan unterlegt. Mit unserem Online-Angebot brauchen wir uns auch nicht zu verstecken. Im Bereich Open Data, bei der Definition von Datenformaten und ihrem Austausch, werden wir regelmäßig vom Bund zu Beratungen eingeladen. In anderen Bereichen können wir von der Privatwirtschaft viel lernen. Das ist vor allem die Projektarbeit. Die hat sich bisher in Verwaltungen noch nicht durchgesetzt. Ein Unternehmen wie die Telekom ist da ganz anders aufgestellt. Da möchte ich Bonn voranbringen.

Welche Rolle spielt Transparenz?

Sridharan: Das gehört zur Philosophie der Digitalisierung in Bonn. Wir haben schon 2014 einen Beschluss gefasst, umfangreich Daten öffentlich zugänglich zu machen. Das tun wir auch in Bereichen, in denen wir nicht nur gut dastehen, wie zum Beispiel bei einigen unserer Bauprojekte. Die meisten laufen gut, einige auch weniger gut, aber alle Daten sind offen und transparent. Gleiches gilt für die Verkehrsdaten. Daran wollen wir weiterarbeiten, um noch transparenter zu werden.

Die Stadt hat vielfältige rechtliche Regelungen zu beachten, die Digitalisierung kompliziert und aufwändig machen: Ist man da manchmal ein wenig neidisch auf Amazon oder Google?

Sridharan: Nein, denn es ist ja nicht alles gut, was bei den Konzernen möglich ist. Wir suchen nach Lösungen, die den Bürgerinnen und Bürgern das Leben leichter machen. Viele Menschen geben ihre Daten bedenkenlos an Facebook oder Amazon. Wenn der Staat Informationen einholt, sind sie häufig viel misstrauischer. Wir wünschen uns oft mehr Vertrauen.

In der Wirtschaft wird bei Digitalisierungsprojekten gerne von Start-up-Mentalität gesprochen und ein lockerer Umgang mit Kontrollen und Hierarchien geübt. Passt das überhaupt zu einer Verwaltung?

Sridharan: Ein Stück weit müssen auch wir das Loslassen lernen. Wenn wir neue Dimensionen der Arbeit und der Entwicklung haben wollen, wird das helfen. Es gibt bestimmte Ängste, damit müssen wir umgehen. Es ist bei vielen Kolleginnen und Kollegen die Bereitschaft vorhanden, Verantwortung zu übernehmen. Wir stehen auch in der Verwaltung vor einem demografischen Umbruch. Gerade die jüngeren Beschäftigten brennen für dieses Thema. Sie arbeiten gerne in interdisziplinären Teams zusammen, wollen ihre Kompetenz einbringen und ihren Horizont erweitern. Da spüre ich keine Widerstände.

Welches Angebot der Stadt hätten sie als Bürger selbst gerne schnell digitalisiert?

Sridharan: Als Bürger bin ich wegen eines Führerscheins und mit der Ummeldung bei der Stadt gewesen. Da hätte ich mir gewünscht, das online machen zu können. Genau daran arbeiten wir. Als Bürger ist jeder Weg, den ich nicht zur Verwaltung machen muss, den ich von zu Hause aus erledigen kann, eine Hilfe.

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