Interview mit Sozialdezernentin: "Bonn muss den Wohnungsbau verstärkt fördern"

Interview mit Sozialdezernentin : "Bonn muss den Wohnungsbau verstärkt fördern"

Bonns Sozialdezernentin Carolin Krause setzt auf geförderten Wohnungsbau und Verbesserung der ambulanten Pflegeangebote. Mit ihr sprach Lisa Inhoffen über das Thema Wohnen im Alter.

Frau Krause, wie wollen Sie einmal wohnen, wenn Sie alt sind?

Carolin Krause: Am liebsten so, wie es sich wohl die allermeisten Menschen vorstellen: Ich möchte gern in meinem Zuhause bleiben. Es ist ein ganz hohes Gut, sein Zuhause solange, wie es irgendwie geht, behalten zu können. Am liebsten bis zum Lebensende.

Braucht man dafür denn nicht viel mehr barrierefreie Wohnungen?

Krause: Das Thema Barrierefreiheit wird vom Gesetzgeber sehr hoch aufgehängt. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, wie man auch normale Wohnungen so ausstatten kann, dass man dort auch als alter Mensch noch gut zurechtkommt – wenn man nicht gerade in einem Rollstuhl sitzt. Manchmal reicht im Bad ein Haltegriff an der Toilette. Oder ein Treppenlift. Wichtig ist den meisten Menschen, dass sie im Familienverbund und in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können. Barrierefreie Wohnungen sind durchaus wichtig und sinnvoll. Aber wir haben nur fünf Prozent davon in Bonn und werden in absehbarer Zeit nicht viel mehr dazu bekommen. Aber man kann vieles mit einer Mischung aus menschlicher und praktischer Hilfe hinbekommen.

Wohnen im Alter wird angesichts der demografischen Entwicklung ein immer wichtigeres Thema. Was kann eine Kommune wie Bonn tun?

Krause: Zunächst brennt das Wohnungsthema auch jüngeren Menschen auf den Nägeln. Es fehlt insgesamt geeigneter und bezahlbarer Wohnraum, also auch für Studenten, Familien und ältere Menschen. Das ist für uns als Stadt eine große Herausforderung. Mit dem Baulandmodell haben wir ein wichtiges Instrument geschaffen, um mehr geförderte Wohnungen bauen zu lassen. Und die müssen per se barrierefrei sein. Dann ist genossenschaftliches Wohnen für mich ein großes Thema, das ich in Bonn jetzt anschieben möchte. Wir haben bisher nur wenige Wohnungsgenossenschaften. Auch werden wir nicht um die Frage herumkommen, wo wir durch Verdichtung Wohnraum schaffen. Da lässt sich, natürlich mit Augenmaß, sicherlich an vielen Stellen in Bonn einiges umsetzen.

Welchen Einfluss kann die Stadt in punkto Wohnen im Alter auf Investoren nehmen?

Krause: Das geschieht vor allem über den Weg einer guten Beratung, die die Stadt Bonn bereits anbietet. Etwa bei der Frage des Bedarfs, also wie groß die Wohnungen sein sollten, oder welche Fördermittel es bei Bund und Land gibt. Ich kann mir auch vorstellen, dass die Stadt selbst investiert, etwa in Gemeinschaftsräume für die Bewohnerinnen und Bewohner von Wohnanlagen, oder Investoren den Anstoß gibt, bestimmte Wohnformen zu verwirklichen, etwa das Mehrgenerationen-Wohnen. Die finanzielle Beteiligung der Stadt ist aber erst wieder möglich, wenn wir aus dem Haushaltssicherungskonzept entlassen sind. Aber: Um alle Ideen umsetzen zu können, benötigt man zunächst bezahlbare Baugrundstücke. Und davon gibt es leider zu wenige in Bonn.

Das heißt, es wird auch weiterhin nicht viel passieren?

Krause: Also, es passiert ja schon einiges. Aber eben nicht genug. Das Problem hat nicht nur Bonn, das haben alle Städte mit Bevölkerungszuwachs. Im Grunde ist es schon fünf vor zwölf. Deshalb steht das Thema Wohnen bei uns ganz oben auf der Agenda.

Viele ältere Leute wohnen in sehr großen Wohnungen und würden gerne in kleinere umziehen. Könnte die Stadt nicht eine Art Tauschbörse initiieren?

Krause: Wenn ein älterer Mensch einen Wohnberechtigungsschein hat, dann können wir als Stadt schon dafür sorgen, dass er eine kleinere Wohnung bekommt und die Miete nicht höher ausfallen wird. Viele ältere Menschen liegen aber mit ihrer Rente knapp über der Einkommensgrenze und haben keinen Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein. Für sie ist es in der Tat ein Problem. Wenn sie in eine freifinanzierte kleinere Wohnung umziehen, kann es passieren, dass sie plötzlich eine höhere Miete zahlen als für die größere. Deshalb ist eine Tauschbörse wohl keine Lösung mit großer Wirkung.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Krause: Ich kann mir vorstellen, dass aufgeschlossene ältere Menschen mit großen Wohnungen jemanden aufnehmen, um nicht allein zu wohnen. Etwa einen Studenten oder eine Krankenschwester. Das ersetzt aber keinesfalls professionelle Pflege.

In Bonn gibt es rund 3000 Plätze in Seniorenpflegeheimen. Reicht diese Kapazität auf Dauer aus?

Krause: Die Nachfrage wird sicher steigen. Allerdings muss man dabei berücksichtigen, dass viele deutlich älter sind als früher, wenn sie in ein Heim gehen. Auch die Aufenthaltsdauer ist kürzer geworden. Wir müssen die Plätze perspektivisch gesehen aufstocken, aber das ist im Moment nicht meine erste Sorge. Was wir viel dringender brauchen, ist bezahlbarer Wohnraum. Ich weiß, dass es auch einen Mangel an Pflegekräften gibt. Aber wenn wir mehr Wohnungen haben und auch die ambulante Pflege ausbauen, haben wir das erreicht, was den meisten Menschen im Alter wichtig ist: Dass sie weiter zu Hause leben können.

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