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Bonn: Kassenpatientin sollte ein Jahr auf Termin bei Facharzt warten

Frau fühlt sich im Stich gelassen : Bonnerin sollte ein Jahr auf Termin bei Facharzt warten

Eine Bonnerin fühlt sich als Kassenpatientin von Fachärzten im Stich gelassen. Manche vergeben Termine erst im November 2020. 20 gastroenterologische Praxen in Bonn und Umgebung hat sie kontaktiert - frühester Termin: Februar.

Seit mehreren Wochen ist Verena Männicke ständig schlecht. Der Magen der 63-Jährigen rebelliert. „Gebratenes Essen geht gar nicht mehr“, berichtet die Bonnerin. Sie hatte viel Stress in letzter Zeit, sagt sie. Der Rat des Hausarztes zu einer zeitnahen Magenspiegelung und eine Überweisung zum Facharzt haben die Unruhe nur noch gesteigert. Denn einen Termin zur notwendigen Untersuchung kann Männicke in Bonn nicht bekommen.

Entsetzt hat die GA-Leserin sich jetzt an die Redaktion gewandt. 20 gastroenterologische Praxen in Bonn und Umgebung habe sie kontaktiert. Das Ergebnis ist ernüchternd. Ein Arzt in Bad Godesberg bot einen Termin im Februar an. Allerdings müsse die freiwillig gesetzlich Versicherte sich dazu am Stichtag, den 2. Dezember, morgens um sechs Uhr vor der Praxis einfinden, um auch einen Termin zu bekommen. Telefonisch sei dies nicht möglich.

Kurzfristige Termine nur für Patienten, die Blut spucken

Die Sprechstundenhilfe einer Praxis in der Innenstadt vergab telefonisch einen Termin, allerdings erst im November 2020. Besser wende Männicke sich an einen anderen Mediziner. Eine Mitarbeiterin einer dritten Praxis in der Bonner Innenstadt erklärte Männicke unverblümt, kurzfristige Termine gebe es nur für Patienten, die bereits Blut spuckten. Zum guten Schluss erbarmte sich ein Mediziner in Remagen. Dort gab es einen Termin in rund drei Monaten am 25. Februar.

So lange möchte Männicke indessen nicht warten. „Meine Beschwerden werden immer schlimmer“, sagt sie. Ihre Hoffnung setzt sie auf den Terminservice ihrer Krankenkasse. Auch bei der Techniker-Krankenkasse (TK) kann man ihr aber nicht helfen und verweist stattdessen auf die Terminservice-Stelle der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVN). Wer eine Überweisung hat, kann sich dort einen Termin vermitteln lassen. Der wird innerhalb von vier Wochen im Radius von 60 Minuten mit Bus und Bahn garantiert – aber nur, wenn der Hausarzt „dringend“ auf der Überweisung vermerkt hat. Und wenn man durchkommt: Männicke legt nach zwei Stunden und 23 Minuten in der Warteschleife wieder auf.

Wie es dazu kommen konnte, kann auch die KVN nicht erklären. Auf GA-Anfrage beteuert KVN-Pressesprecher Christopher Schneider, ein solcher Fall sei seit Start des Angebots 2016 nicht bekannt geworden. Bis Ende August 2019 seien bereits 10.955 Arzttermine und 14.050 Termine bei Psychotherapeuten vermittelt worden. Zu einem möglichen Engpass bei Gastroenterologen in der Region äußert sich die Vereinigung der Kassenärzte nicht.

Die TK reklamiert bei ihrer eigenen Terminvermittlung eine Erfolgsquote von 80 Prozent für sich, berichtet Pressesprecher Christian Elspas in Düsseldorf. Von den 2,5 Millionen Versicherten in NRW werde das Angebot rund 1500 Mal im Monat genutzt. Die größten Engpässe bestünden bei Orthopäden, Neurologen und Dermatologen. „Die Wahrheit ist, Magenspiegelungen sind anders als Darmspiegelungen total unterbezahlt“, sagt Dagmar Mainz.

Magenspiegelungen werden nicht kostendeckend bezahlt

Die niedergelassene Ärztin aus Saarlouis ist Pressesprecherin im Berufsverband niedergelassener Gastroenterologen (bng). Für eine Spiegelung könne sie mit gesetzlichen Krankenkassen 84 Euro abrechnen. Mit den vorgeschriebenen zwei Assistentinnen bei einer Sedierung und den erhöhten Hygiene-Anforderungen entstünden ihr aber Kosten von 150 Euro. Somit sei in manchen Fällen nicht die Terminnot, sondern die schlechte Bezahlung der Engpassfaktor, gibt sie zu. „Wir sind eben nicht nur Ärzte, sondern müssen auch unternehmerisch denken.“ Es habe schon Insolvenzen von Kollegen gegeben.

Dazu komme das von den Kassenärztlichen Vereinigungen verteilte Budget, das im Quartal nur eine bestimmte Zahl von Behandlungen zulasse. „Das erhöht sich auch nicht, wenn ein Kollege in der Nachbarschaft in Ruhestand geht“, sagt Mainz. Die Folge: Sie behandle im Quartal für 8000 bis 10.000 Euro ohne Bezahlung. Ihr Fazit: „Ohne Privatpatienten kann sich ein Gastroenterologe praktisch nicht über Wasser halten“. Trotzdem, betont Mainz, solle kein Patient mit akuten Symptomen unbehandelt bleiben. Ihr Tipp: Der Hausarzt möge sich um die Terminvermittlung für seinen Patienten bemühen.

GA-Leserin Männicke sucht ihr Heil schließlich außerhalb der kassenärztlichen Versorgung. Kurzerhand verabredet sie einen Beratungstermin in der privaten Beta-Klinik im Bonner Bogen in Beuel. Nur zwei Tage später kann sie dorthin zur Magenspiegelung kommen. Die privatärztlichen Kosten von 300 Euro muss sie dafür allerdings selbst bezahlen. „In meinem jetzigen Zustand kann ich sowieso nicht in Urlaub fahren“, sagt sie bitter. Die Angst kommt mit – nicht nur vor dem Befund.

Sollte der Arzt bei der Untersuchung etwas finden, das eine Probennahme nötig macht, könnte die Angelegenheit für Männicke richtig teuer werden. Am Ende kann sie immerhin etwas beruhigt aufatmen: Der Befund ergibt nur Entzündungen im Magen. Die können nun rasch behandelt werden.